Die Verletzung der Erde

Seit 2005 verwenden die USA bei der inländischen Erdgas- und Erdölausbeutung die umstrittene Methode des „Hydraulic Fracturing“, abgekürzt „Fracking“ genannt. Mit diesem Verfahren kann fein verteiltes Öl und Gas aus geeigneten Schiefergesteinen herausgepresst werden.

Nach der Abteufung einer Bohrung in 13 Kilometern Tiefe erfolgen kilometerlange Horizontalbohrungen in der gashaltigen Tonschieferschicht. Anschließend wird mit bis zu 1.000 Atmosphären Druck ein Gemisch aus Wasser, Sand und Chemikalien eingepresst, was zur Aufsprengung der Gesteine führt. Durch diese künstlichen Risse gelangt das mit Gas und Öl angereicherte Wasser wieder nach oben. Nach der Abtrennung von Öl oder Gas kann etwa die Hälfte des eingesetzten Wassers wieder zur Druckerzeugung verwendet werden, aber der andere Anteil, verseucht mit den dazugegebenen Chemikalien und angereichert mit radioaktiven Substanzen, bleibt vorerst im Erdinnern oder muss an der Oberfläche der Erde sicher gelagert werden. Pro Quadratkilometer Fördergelände mit bis zu vier Bohrtürmen werden ca. 60 Millionen Liter Wasser und 3001.400 Tonnen Chemikalien benötigt. In den USA wurden bereits mehr als 50.000 Bohrungen durchgeführt. Die Auswirkung der eingesetzten 80 verschiedenen Chemikalien (Biozide, Korrosionsschutzmittel, Lösungsmittel, Tenside, Geliermittel) auf die Lebenssphäre der Erde ist noch nicht seriös untersucht. Ebenso ist die Auswirkung der Mikroerdbeben und die Veränderung des archimedischen Auftriebes auf das sensible und nun veränderte Erdbebenverhalten nicht geklärt. Eine weitere Gefahr ist die ungewollte Freisetzung des extrem starken Treibhausgases Methan. Bis zu 9 Prozent der Gesamtmenge des ausgebeuteten Gases wird als Methan in die Umwelt freigesetzt. Die größte Gefahr für die Zukunft der Erde ist die gesteigerte Zunahme der Umwandlung von Öl und Gas in CO2. Durch die Anwendung der Frackingmethode ist der Gaspreis so stark gesunken, dass in den USA die angestrebte Energiewende in Richtung erneuerbarer Energien und Energiesparmaßnahmen ins Stocken geriet. Die problematische Freisetzung von CO2 in die Atmosphäre wird entgegen allen Warnrufen von Wissenschaft und Politik noch mehr gesteigert und das Klima gerät noch mehr aus dem Gleichgewicht. Auch die Geopolitik hat sich durch den Schiefergasboom geändert. Die USA können spätestens bis 2030 unter Anwendung der Frackingmethode unabhängig von Energieträgern aus dem Ausland sein. Der militärische Rückzug aus Afghanistan, Irak und Libyen ist eine Folge, da nun der Nahe Osten strategisch nicht mehr beherrscht werden muss. Bis jetzt fördern nur die USA große Mengen mittels Fracking. Dies wurde nach 2005 möglich, weil durch eine Gesetzesänderung das Fracking nicht mehr unter das Trinkwassergesetz fiel. Die Ausbeutung mit Fracking bekam also Vorrang vor sauberem Trinkwasser. In Europa sind Bestrebungen im Gange, die Frackingmethode einzuführen. In Großbritannien finden bereits Bohrungen statt. Es fehlt aber noch ein einheitliches eu-Gesetz. Eingedenk aller Unsicherheiten, nicht genügend erforschter Nebenwirkungen und Erschwerung des Umsteigens auf Alternativenergien gebietet die Ehrfurcht vor der Natur einen Verzicht auf Fracking. Hoffentlich werden zumindest in Europa Trinkwasser und intakte Landschaften stets wertvoller als Öl, Gas und Gewinnmaximierung bleiben.

Hans-Ulrich Schmutz

Erschienen in: Das Goetheanum Wochenschrift für Anthroposophie Nr. 47, 23.11.2013