Eine Krippe bauen für eine gesunde Kindheit

1991 wurde ich von einer erfahrenen belgischen Kollegin gebeten, die flämischen Waldorfkindergärten im Kuratorium der Internationalen Vereinigung der Waldorfkindergärten zu vertreten. Bis 2006 war das der Rechtsträger sowohl der deutschen als auch der internationalen Kindergartenbewegung. Sehr viel hat sich seit der Zeit verändert, als ich damals vor über zwanzig Jahren Mitglied wurde in diesem Kreis der Ländervertreter. Unsere Aufgaben und der ganze Stil der Zusammenarbeit waren damals noch sehr stark von Helmut von Kügelgen geprägt, der die Waldorfkindergartenvereinigung 1969 begründet hatte und der uns dazu aufrief, eine Stimme zu sein für das kleine Kind, das noch nicht seine wahren Bedürfnisse ausdrücken kann. In seinem sehr bildkräftigen Stil drückte er das so aus: „Mitten unter uns, über die Erde verbreitet in allen Zonen und Klimabedingungen lebt ein Volk, das seine Botschaft nicht aussprechen kann, das sich in seiner Tätigkeit im Spiel auch ohne Dolmetscher versteht, die Kinder.“

Gelebte Imagination

Ich erinnere mich noch gut, wie er damals als eine Art Visionär an den Gesprächen teilnahm und versuchte, unsere Augen für größere Zusammenhänge zu öffnen, für das, was für die Entwicklung des Kindes auf dem Spiel stand und was dies für die zukünftige Entwicklung der Menschheit bedeute. Als er 1998 starb und seine Arbeit von der anderen Seite der Schwelle aus fortsetzte, stellte das alle, die damals die Arbeit in der Kindergartenvereinigung fortsetzten, vor die Aufgabe, neue Arbeitsformen zu entwickeln. Wir mussten lernen, unsere Vision, unsere Aufgaben selber zu entdecken und zu formulieren. Uns wurde auch klar, dass wir um eine Weltbewegung zu werden, unseren Kreis und unseren Horizont für die Vielfalt und den Reichtum anderer Kulturen öffnen mussten.

Damals begannen wir die Arbeitsweise der Organisation neu zu überdenken, was dann nach vielen Jahren intensiver Arbeit dazu führte, dass der internationale Aufgabenbereich so stark und gut genug strukturiert war, dass er als rechtlich unabhängige Vereinigung 2006 mit dem Namen „International Association for Steiner/Waldorf Early Childhood Education“ (IASWECE) neu gegründet werden konnte. Mit dieser Änderung wurde auch das Kuratorium ab da hieß es IASWECE Council- mehr und mehr ein Kreis, in dem sich die Stimmungen und besonderen Ansätze verschiedener Volkseelen ausdrücken konnten. Zurzeit kommen 32 Menschen aus 28 Ländern von allen fünf Kontinenten zwei Mal im Jahr zusammen. Sie sind alle in ihren jeweiligen Ländern als Erzieherin, Dozentin oder Verantwortliche der Landesvereinigungen tätig, und möchten im Dienste der Kinder dieser Welt zusammenarbeiten.

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Arbeiten aus der Kraft, die uns gegeben wird

In Waldorfkreisen, so erinnere ich die Stimmung auf Tagungen oder Treffen, war diese Zeit geprägt davon, dass viele versuchten wacher zu werden für das, was sie sich ursprünglich vorgenommen hatten. Und indem ein Bewusstsein aufdämmerte von den Schritten, die wir noch unternehmen sollten, wurden wir mit Michaelischen Fragen konfrontiert, die an der Schwelle auf uns warteten: Verstehen wir wirklich die wahre Natur von Wahrheit, Schönheit und Güte? Haben wir uns genügend geschult, um das in einer selbstlosen Weise beurteilen zu können? Sind wir in unserer Arbeit, bei unseren Bemühungen auf der Seite Michaels, das heißt, stellen wir uns in den Dienst eines höheren Sinns, oder sind wir mehr oder weniger unbewusst immer nur unser eigener Prophet und verlieren das Wesentliche aus dem Auge?

Natürlich kann keine letztgültige Antwort auf diese Fragen gefunden werden, ich glaube, dass sie uns auf unserem Weg vor allen Dingen als Leuchtfeuer dienen, die uns helfen, uns nicht im Gestrüpp unserer kleinlichen egoistischen Wünsche zu verlieren. Dennoch störte mich, dass ich oft in Waldorfkreisen erlebte, dass man auf die „Außenwelt“ in einer pedantischen Weise schaute und in ihr den Drachen sah, den es zu bekämpfen und zu zähmen galt. Es schien mir, dass wir oft vergaßen, dass die Kräfte des Drachen auch in jedem von uns lauern, und auch in „unseren Kreisen“ die Gedanken und Taten auf diese Weise fehlgeleitet werden. Uwe Lichtenknäcker sagte mir damals mit einem Augenzwinkern: „ Weißt Du, Clara, Anthroposophen sind auch nur Menschen…“

Einen Kreis bilden

Ein Schwerpunkt bei den IASWECE-Council-Treffen waren schon immer Berichte über die Lebensbedingungen der Kinder in den verschiedenen Ländern. So soll ein gemeinsames Bild besonders der Waldorfkindergarten-bewegung, aber auch allgemein von Kindheit heute gewonnen werden. Bei einer solchen Gelegenheit gab Joan Almon aus den USA folgende Stellungnahme, die ich nie vergessen werde: „Seit Jahren hören wir jetzt aus den verschiedenen Ländern, wie Kindheit angegriffen wird. Aber wann werden wir als Waldorfbewegung denn etwas dagegen unternehmen? Wenn wir etwas in diesem Sinne bewirken wollen, müssen wir mit anderen gleichgesinnten Partnern zusammen arbeiten, denn alleine sind wir zu klein, um eine wirkliche Änderung erreichen zu können.“ Diese Worte berührten mich sehr, ich spürte, dass hier meine tiefsten Intentionen angesprochen waren, die mit meinem höheren Ich zusammenhängen, denn hier geht es darum, Unterschiede zu überbrücken, und als Zeitgenossen, die ein gemeinsames geistiges Ziel haben, zusammen zu arbeiten. Vielen Kollegen ging es damals ähnlich und so wurde dieser kleine Kreis von Waldorferziehern eine „Krippe“, in der die „Alliance for Childhhood“ (AFC) konzipiert werden konnte. Die Paten waren: Joan Almon, Michaela Glöckler, Christopher Clouder und Jürgen Flinspach.

Unsere Gedanken mitteilen

Die Gründung der „Alliance“ wurde 1998 in Forest Row/ England in einem kleinen Kreis beschlossen. Sie wurde dann 1999 bei einer Tagung in Spring Valley (New York) in den USA lanciert und im Jahr 2000 auch in Europa bei einer internationalen Tagung in Brüssel mit dem Titel „Allianz für Kindheit eine Brücke in die Zukunft“. Ein Ergebnis dieser Tagung war, dass „Alliance“- Initiativen in mehreren Ländern aktiv wurden, in Europa, Brasilien, aber zuletzt auch in Hongkong und Peru. Es gab auch weitere „Alliance“ Tagungen 2005 in Salzburg, 2010 in Budapest und vor kurzem, vom 23.bis 26. Oktober 2013, wieder in Brüssel.

Das Netzwerk der europäischen „Alliance“ hat verschiedene Mitglieder und Partner, die im Dienste des kleinen Kindes arbeiten, entweder vor Ort in ihren Ländern, oder in Brüssel auf politischer Ebene. Darunter gibt es führende Dachorganisationen und NichtRegierungs-Organisationen, wie „Eurochild“, das „Learning for Wellbeing“ Institut, „Nivoz“ und viele andere. Von Anfang an war die Waldorfbewegung ein starker und aktiver Mitarbeiter im „Alliance“ Netzwerk Europa, vor allen Dingen durch Christopher Clouder, der als Repräsentant der europäischen Waldorfschulbewegung (ECSWE) auf vielen Tagungen und bei Podiumsdiskussionen ein gefragter Redner war, der für die Bedürfnisse des kleinen Kindes eintrat, aber auch durch die IASWECE, die zunächst durch Geseke Lundgren und später durch mich vertreten wurde. Später kam auch ELIANT als Partner dazu, hiermit gab es eine Verbindung zu verschiedenen Initiativen angewandter Anthroposophie.

Im Jahre 2006 gründete das Netzwerk der „Alliance“ in Europa eine Arbeitsgruppe beim Europäischen Parlament: ‘Quality of Childhood’ (QOC) ist ihr Name, sie kommt jeden zweiten Monat in den Räumen des Parlaments in Brüssel zusammen und lädt Wissenschaftler und prominente Redner ein, ihre Forschungsergebnisse und Erfahrungen darzustellen. Ziele dieser Treffen sind:

- Ein besseres Verständnis der Lebensbedingungen der Kinder in den EU Staaten zu bekommen und darüber nachzudenken, welche Rolle die Institutionen der Europäischen Gemeinschaft spielen können, um die Situation zu verbessern.

- Werte, Prinzipien, Vorgehensweisen zu verstehen und in den Griff zu bekommen, die die Lebensbedingungen von Kindern verbessern können.

- Eine wirkungsvolle Arbeitsgruppe zu bilden, die Sinn dafür entwickelt, wie Schritt für Schritt mehr Qualität für das Leben der Kinder erreicht werden kann.

Eine Schale bilden aus Mut

Mit Partnern zusammenzuarbeiten, mit denen man grundsätzliche Überzeugungen teilt, ist eine bereichernde Erfahrung, bei der aber auch manches Hindernis überwunden werden muss. (...) Wer nur an bekannten Methoden, äußeren Formen und eingefahrenen Formulierungen festhält, kommt hier nicht weiter. Wer die Anstrengung nicht scheut macht zwei Entdeckungen: Wenn ich ehrliches Interesse den Ansichten und Anliegen des Anderen entgegenbringe, öffnet sich eine neue Kraftquelle, die inspirierend wirkt. Gleichzeitig bildet sich dadurch eine Brücke, über die der andere Zugang zu mir hat und wiederum meine eigene Motivation und Gedankenwelt kennenzulernen.

Wenn es gelang in diesem Sinne eine Zusammenarbeit aufzubauen, habe ich oft erlebt, dass es möglich wurde, in bewegender Weise die Sorgen über kindliche Entwicklung zu teilen und zusammen einen starken Willen zu entwickeln, etwas zu tun, was die Lebensbedingungen von Kindern verbessert. (...) In diesem Zusammenhang denke ich auch an die Worte einer „Patin“ der Alliance for Childhood, Michaela Glöckler.

Auf die Frage, wie man denn mit anderen zusammenarbeiten könne, ohne die eigene Identität zu verlieren, sagte sie einmal: „Um im Gleichgewicht zu bleiben muss man daran denken, mit jedem Schritt in die Öffentlichkeit gleichzeitig zwei Schritte in der Pflege des eigenen Seelenlebens voranzukommen sowie im Verständnis dessen, was Wesentlich ist’. So gesehen ist die Arbeit im Rahmen der „Alliance“ auch ein innerer Schulungsweg.

Ein Tropfen von Licht

Die „Alliance“- Tagung, die im Oktober in Brüssel stattgefunden hat, wurde vom „Alliance“- Netzwerk Europa und vom Institut „Learning for Wellbeing“ organisiert. Sie war ein gutes Beispiel für eine selbstlose Zusammenarbeit im Dienste einer höheren Sache, die die Vorbereitungsgruppe so formuliert hat: „Eine Kultur schaffen, in der jedes Kind sein einzigartiges Entwicklungspotential entfalten kann, das ihm erlaubt sich eines Tages in der Gesellschaft zu engagieren.“ Christopher Clouder hielt einen der Eröffnungsvorträge über die Rolle von Phantasie und Kreativität sowie über die Bedeutung der Künste. Es gelang ihm mit seinem künstlerischen Stil die Herzen der Zuhörer zu erwärmen und beeindruckte alle mit einem Gedicht des schwedischen Autors Tomas Tranströmer:

Romanische Bögen

Touristen strömen durchs Halbdunkel der riesigen Romanischen Kirche.

Gewölbe öffnen sich hinter Gewölben ohne Ende.

Ein paar Kerzenflammen flackern.

Ein Engel ohne Gesicht umarmte mich

Und sein Flüstern durchdrang ganz meinen Körper:

„Schäme dich nicht, ein Mensch zu sein, sei stolz!

In dir öffnet sich Gewölbe nach Gewölbe ohne Ende.

Du wirst nie vollkommen sein, und genauso soll es sein

Tränen trübten mein Auge

Als wir auf die stolze besonnte Piazza hinausdrängten

Zusammen mit Mr. and Mrs. Jones, Herrn Tanaka und Signora Sabatini;

Und in jedem von ihnen

Öffnete sich

Gewölbe nach Gewölbe

Ohne Ende.

Nach anderthalb Tagen mit Vorträgen und Arbeitsgruppen, die die Entwicklung des Kindes und seine Beziehung zur Umwelt von verschiedenen Gesichtspunkten aus beleuchteten, gab es einen « offenen Raum», in dem alle Teilnehmer eingeladen waren, die ihnen am Herz liegenden Fragen mit anderen zu besprechen und zu überlegen, was die nächsten konkreten Schritte in dieser Angelegenheit sein könnten.

Zusammenarbeit innerhalb der Waldorfbewegung

In der IASWECE arbeiten wir aber nicht nur mit anderen pädagogischen Strömungen zusammen, sondern vor allem natürlich auch mit Partnern innerhalb der Waldorfbewegung. Mit der Pädagogischen Sektion am Goetheanum versuchen wir, aktuelle Anliegen der Waldorfpädagogik unter Kollegen ins Gespräch zu bringen und durch Tagungen und Kolloquien das Verständnis der Waldorfpädagogik zu vertiefen. (...) Ein anderer Schwerpunkt der Arbeit der IASWECE ist die Entwicklung und Unterstützung von Aus- und Fortbildung von Waldorferzieherinnen sowie die Praxisanleitung von Berufsanfängern. Hiermit wollen wir die Qualität der Arbeit der Waldorfkindergärten fördern und dadurch positiv auf die Lebensbedingungen der Kinder, der Familien und des Sozialgefüges in den verschiedenen Ländern einwirken.

Mit der weltweit schnell wachsenden Waldorfkindergartenbewegung nimmt auch der Bedarf an Ausbildung und Praxisanleitung rasch zu. Um einen Überblick behalten zu können, haben wir regelmäßige Treffen mit Nana Göbel von den „Freunden der Erziehungskunst“ und mit Florian Osswald und Claus-Peter Röh von der Pädagogischen Sektion. Um unsere finanzielle Unterstützung mit anderen zu koordinieren, arbeiten wir mit anderen anthroposophischen Vereinen und Stiftungen zusammen wie Acacia (CH), Freunde der Erziehungskunst (DE), Helias Stichting - Internationaal Hulp Fonds, Iona Stichting und Khedeli (NL), Sanduko (DK), Sofia (SE) und der Godparents Association (UK).

Das Bild der Gemeinschaft in jedem von uns

Das Council der IASWECE hat mir als eines der drei Koordinationsgruppenmitglieder das Vertrauen ausgesprochen, mich für das kleine Kind in den oben beschriebenen Arbeitsfeldern einzusetzen. Ich versuche meine Aufgaben mit der inneren Haltung wahrzunehmen, die ich als den Geist der ‘Alliance’ Arbeit beschrieben habe.

Ich hoffe, dass dieser Geist uns alle ermutigen wird, an den Orten und Regionen, wo wir leben, Netzwerke mit Partnern zu bilden, so dass wir es zusammen schaffen, „den Wind zu drehen“ und eine ätherische Hülle um die Erde zu bilden, die eine Krippe für die Kinder sein kann, die aus der Zukunft zu uns kommen.

Bevor ich Mitglied der IASWECE Koordinationsgruppe wurde, war ich 20 Jahre lang Waldorfkindergärtnerin in der „Michaelsschule“ in Turnhout/ Belgien. Unsere Konferenzen am Donnerstag haben wir immer mit dem „Grundsteinspruch“ begonnen und mit einem anderen kurzen Spruch von Rudolf Steiner beendet, der mir geholfen hat, die innere Haltung zu entwickeln, aus der ich arbeiten möchte:

‘Weisheit erleuchte uns,

Liebe durchglühe uns,

Kraft durchdringe uns.

Dass in uns erstehe,

Helfer der Menschheit,

Und Diener der Heiligen Sache,

Selbstlos und Treu.’

Clara Aerts

Clara Aerts ist Mitglied der Koordinationsgruppe der IASWECE, Mitarbeiterin im Bund der Waldorfschulen in Belgien und war lange Jahre Kindergärtnerin in Turnhout, Belgien.

Gekürzte Fassung. In voller Länger erschienen in: Rundbrief IAWSCE, Dezember 2013

Der Rundbrief kann kostenfrei per E-Mail abonniert werden: info@iaswece.org