Mediennutzung 2013

Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie …

Wer heute noch glaubt, dass Medien keine Nebenwirkungen haben und dass Medienkompetenz sich von allein einstellt, sobald man einen Zugang zur Technik hat, ist auf dem Stand der Zeit von Röhrenradio oder Wählscheibentelefon.

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Uwe Buermann
Foto: © Uwe Buermann

Allein die Tatsache, dass die Bundesregierung in ihren letzten Suchtbericht Internetsucht als Erkrankung aufgenommen hat, zeugt von großer Brisanz. In der Altersgruppe der 14- bis 24-Jährigen liegt die pathologische (krankhafte) Nutzung des Internets auf Platz eins - vor dem Missbrauch von Alkohol und Nikotin. Wer kann da von Medienkompetenz sprechen?

Es wird höchste Zeit für eine wirklich sachliche Auseinandersetzung über die Wirkungen und Nebenwirkungen der Medien, damit wir aufgrund von gesicherten Erkenntnissen nicht nur die Nebenwirkungen bekämpfen und therapieren, sondern gemäß der Salutogenese die Gesundheitskräfte im Sinne einer ganzheitlichen Medienkompetenz fördern können. Hierzu ist es unerlässlich, sich von allen Debatten wie „Ist das Internet gut oder schlecht?“ oder „Ist Facebook gut oder schlecht?“ zu verabschieden. Stattdessen müssen wir die Frage stellen, unter welchen Bedingungen diese und andere Angebote sinnvoll und nebenwirkungsreduziert oder sogar nebenwirkungsfrei genutzt werden können. Wir müssen weg von der Entweder-oder-Logik und begreifen, dass es hier, wie in anderen Lebensbereichen auch, immer nur ein Sowohl-als-Auch geben kann. Was in der einen Situation angemessen und hilfreich ist, kann in einer anderen Situation gefährlich und schädlich sein.

Zu den Faktoren, die hierbei eine Rolle spielen, gehört vor allem das Lebensalter. Mancher Erwachsene ist in soziale Netzwerke eingetreten, um sich auf die Suche nach ehemaligen Klassenkameraden zu machen, um die 20- oder 30-jährige Abifeier zu organisieren und das hat funktioniert und war ohne Frage sinnvoll. Auch wenn wir zunächst nicht verstehen, warum 13- Jährige in Facebook wollen, muss uns als Eltern und Pädagogen eins klar sein: Ihre Intention ist eine vollkommen andere. Kein 13-Jähriger sucht ehemalige Kindergartenkameraden!

So wie das Lebensalter eine Rolle spielt, so ist auch die Reihenfolge entscheidend, in der ich mich den verschiedenen Angeboten zuwende und die verschiedenen Fertigkeiten erwerbe. Ein unumstößliches Grundgesetz der Medien ist:

Solange ein Medium eine Ergänzung darstellt, bedeutet es eine Erweiterung der menschlichen Fähigkeiten. Sobald es aber zum Ersatz wird, bedeutet es eine Behinderung der menschlichen Fähigkeiten.

Wer ein Face-to-Face Gespräch mit Augenkontakt führen kann, telefonieren kann, eine Handschrift besitzt, die nicht nur er, sondern auch andere lesen können, wer tippen und Texte wahlweise ausdrucken oder elektronisch versenden kann und gelernt hat, eine SMS zu schreiben, dem steht das komplette Tableau der modernen Kommunikation zur Verfügung und er kann in jeder konkreten Lebenssituation entscheiden, was der jeweils angemessene Weg ist. Wer dagegen keine leserliche Handschrift besitzt und keinen Drucker hat, muss auch ein Kondolenzschreiben als E-Mail oder SMS versenden.

Dabei gilt, dass sich die Reihenfolge nicht beliebig verändern lässt. Eigentlich lernen Kinder so ziemlich alles nebenbei durch Nachahmung und Probieren, nicht so jedoch das Handschreiben. Hierfür benötigen auch sie mindestens zwei Jahre Unterricht und Training und einige deutlich länger. Je nach Alter braucht es bei erwachsenen Analphabeten wesentlich länger und gelingt zum Teil nie. Diese Menschen lernen zwar Lesen und das Schreiben einzelner Worte und Sätze, aber nicht das flüssige freie Schreiben nach Diktat.

Wie die neurobiologische Forschung der letzten Jahre gezeigt hat, gibt es hierfür physiologische Gründe. Um das dritte Lebensjahr herum haben wir die größte Dichte an Synapsenverknüpfungen im Gehirn. Im weiteren Leben bauen sich die Synapsen, die durch innere oder äußere Stimulation „befeuert“ werden, aus (es bildet sich z. B. die Myelinschicht um die Synapsenfäden), wohingegen diejenigen, die so gut wie nie oder nie „befeuert“ werden, sich zurückbilden und verschwinden. Je nach Hirnregion gibt es unterschiedliche Entwicklungsfenster, in denen sich diese Bildungsprozesse manifestieren. Schließen sich diese Fenster, so hat eine nachträgliche Veränderung des Verhaltens kaum noch Gehirn bildende Wirkungen. Jetzt zeigt sich, dass umso mehr Synapsenverknüpfungen stimuliert und stabilisiert werden, je komplexer eine Tätigkeit ist. Dies bezieht sich vor allem auf die Kinder- und Jugendjahre. Nach Diktat handschriftlich korrekt schreiben zu können, ist eine der komplexesten Tätigkeiten, die ein Mensch lernen kann. Das Gehörte muss unmittelbar in abstrakte Buchstaben, dazu das Ungehörte in abstrakte Satzzeichen übertragen werden. Mehr oder weniger gleichzeitig müssen diese Vorstellungen dann in koordinierte, fein differenzierte Bewegungen der Schulter, des Unterarms, des Handgelenks und der den Stift führenden Finger umgesetzt werden, ohne dass die geführte Aufmerksamkeit sich hiervon abziehen lassen darf, denn sie muss beim Sprecher bleiben. Im Gehirnscan zeigt sich hierbei ein wahres Feuerwerk in allen möglichen Gehirnregionen.

Wer eine Taste auf der Tastatur drückt, schießt eine Rakete ab, wer ein Diktat schreibt, erlebt Silvester.

Durch diese Tätigkeit werden nicht nur die einzelnen Hirnregionen stimuliert, sondern, beim wiederholten Tun, die Synapsenverknüpfungen nachhaltig etabliert. Diese Verbindungen bleiben bestehen, auch wenn wir später im Leben nur ab und an eine Notiz nach Diktat machen. Wird diese Tätigkeit jedoch in der Kindheit nicht trainiert, verkümmern die Verbindungen und können dann auch später nicht reaktiviert werden. SMS schreiben kann man auch mit 80 Jahren lernen, wie unsere Eltern und Großeltern beweisen, Handschreiben nach Diktat nicht.

Soziale Netzwerke sind dazu da, dass ich mich als Persönlichkeit präsentiere, um mit anderen Menschen Kontakt zu pflegen oder andere Menschen kennenzulernen, die gleiche oder ähnliche Interessen und Anliegen haben. Voraussetzung ist also, dass ich weiß, wer ich bin, welche Interessen ich habe und was ich von anderen Menschen erwarte. Wichtig ist, dass ich in all dem authentisch bin, denn nur dann kann eine virtuelle Bekanntschaft auch in der Realität fortgesetzt werden. Zum Wesen der Pubertät gehört, dass die Jugendlichen noch nicht wissen, wer sie sind und was sie vom Leben und ihren Mitmenschen wollen. Das heißt aber, dass kein 13-Jähriger ein Abbild seiner Persönlichkeit ins Internet stellen kann, denn er besitzt noch keine. Dementsprechend kann es sich dabei nur um ausgedachte Entwürfe einer Persönlichkeit handeln, die man vielleicht einmal sein möchte. Kriterium für die Gestaltung des Entwurfs ist die Rückmeldung der jeweiligen Community, also all jener, die Zugang zu diesem Profil haben, der sogenannten Freunde. Solange deren Rückmeldungen positiv sind („Du siehst süß aus“, „Du bist nett“, etc.), geht es einem gut, sobald das Ganze jedoch kippt und zum Mobbing wird („Du Schlampe“, „Du bist soooo peinlich“, etc.), beginnt ein unsägliches Martyrium. Dabei sind es die seelische Abhängigkeit von der Community und die nicht ausgereifte Persönlichkeit, die die Opfer zu Opfer werden lassen und im Extremfall in den Suizid führen können.

Ein Mensch mit Selbstwertgefühl wird sich Beleidigungen verbitten und, wenn sie trotzdem fortgesetzt werden, aus dem sozialen Netzwerk einfach aussteigen. Wer dies Selbstbewusstsein nicht besitzt und in Abhängigkeit von der Community lebt, wird weiter verzweifelt um Anerkennung kämpfen. Und es ist dieses Ringen, dieses permanente Rechtfertigen und Posten von Gegendarstellungen, was weitere Täter auf den Plan ruft, den/die betroffene/n Jugendliche/n als „Opfer“ identifiziert und alles nur noch schlimmer werden lässt. Dabei wäre es so einfach, sich den Eltern oder einem Lehrer anzuvertrauen oder eine der Hotlines anzurufen, etc. Aber diese Option besteht für die Betroffenen nicht, denn was würden all diese vernünftigen Erwachsenen einem raten? „Melde Dich ab, ganz einfach.“ Aber genau das ist für diese Jugendlichen unmöglich, denn es würde bedeuten, die virtuelle Persönlichkeitskonstruktion aufzugeben, bzw. umzubringen, also eine Art Suizid bei aufrechterhaltenem Bewusstsein. Dann lieber physisch sterben und die virtuelle Präsenz auf ewig weiterexistieren lassen.

Zusammenfassend kann man festhalten, dass für die sinnvolle Nutzung der modernen Kommunikations- und Informationsmedien nicht nur entwicklungsphysiologische, sondern auch entwicklungspsychologische Voraussetzungen nötig sind. Bestimmte Lernprozesse müssen nicht nur einmal stattgefunden haben, sondern solange, bis sie sich Gehirn gestaltend manifestiert haben. Zudem braucht es eine gewisse seelische Reife, die sich im Besitz einer Persönlichkeit mit Selbstwertgefühl und Empathie anderen gegenüber äußert. Nur unter diesen Bedingungen kann eine eigenverantwortliche Nutzung der Medienangebote gelingen. Bevor diese Reifezustände erreicht sind, gilt die elterliche Aufsichts- und Fürsorgepflicht nicht nur in der Realität, sondern auch in der Virtualität. Im Sinne einer individuellen Medienökologie müssenEltern und Pädagogen sehr genau abwägen, wann sie welchem Kind / Jugendlichen unter welchen Bedingungen welches Medium zugänglich machen denn die Nebenwirkungen stehen eben nicht auf der Packungsbeilage!

Uwe Buermann

Uwe Buermann, geb. 1968, pädagogisch-therapeutischer Medienberater an der FWS Westpfalz, Gastdozent an verschiedenen Seminaren. Wissenschaftlicher Mitarbeiter bei IPSUM (Institut für Pädagogik, Sinnes- und Medienökologie) und Autor zahlreicher Fachartikel und Bücher. www.erziehung-zur-medienkompetenz.de

Erschienen in: „point“, Ausgabe 11, Sommer 2013