Grundeinkommen und richtiger Preis

Marc Desaules stellte kürzlich1 Rudolf Steiners Forderung nach einem richtigen Preis der Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens gegenüber. Sind es tatsächlich Gegensätze?

In seiner im Juli 2013 erschienenen Auseinandersetzung mit dem bedingungslosen Grundeinkommen erinnert Marc Desaules mit Recht an die wenig bekannte, aber für Rudolf Steiner entscheidende Grundformel wirtschaftlichen Lebens, die Lehre vom ‹richtigen Preis›2. Durch sie macht Steiner im Nationalökonomischen Kurs (1922) deutlich, dass ein sozial gerechter Preis sich nicht, wie meist gedacht, aus der Erstattung der dem Lieferer (Verkäufer) für die Herstellung oder Beschaffung des Produktes entstandenen Kosten seiner Vergangenheitsseite  bestimmt, sondern dass der Blick bei der Preisfindung in die Zukunft gerichtet sein muss und gefragt werden soll: Kann der Leistende mit dem ihm über den Preis zufließenden Erlös mit den zu ihm Gehörigen, seiner Familie und seinen Mitarbeitern (wie im Weiteren seinen Lieferanten), leben und leistungsfähig bleiben, bis er erneut Leistungen für andere (für den Markt) zur Verfügung zu stellen vermag? Der dieses ermöglichende Preis wird von Steiner als der «richtige Preis» bezeichnet.

So erschöpfend, wie der Phythagoräische Lehrsatz

Diese Formel bedeutet, dass man mit allen Zukunftsprozessen auf der Basis der bis dahin erarbeiteten und verfügbaren Werte und Ressourcen beginnen muss. Die Vergangenheit darf nicht Maßstab für die auf sie aufbauenden Zukunftsprozesse sein, sondern die Zumessung verfügbarer Mittel soll sich aus den Bedingungen der nächsten Zukunftsperiode unter Anlegung der Zielvorstellungen, die wir für sie haben, ergeben. Wird so verfahren, kommt die erstrebte Zukunft durch die Mittel des ‹richtigen Preises› zustande. Diese Formel, fügt Rudolf Steiner hinzu, «ist so erschöpfend, wie der Pythagoräische Lehrsatz erschöpfend ist für alle rechtwinkligen Dreiecke!» Und weiter: «Das Verständnis, wie man in diese Formel den ganzen volkswirtschaftlichen Prozess hineinbringt, das ist eben Volkswirtschaftswissenschaft.»3 Der Hinweis Marc Desaules auf diese Formel, ist somit zu unterstreichen. Sie muss als allgemeingültige Formel allerdings auch die Frage beantworten, wie wir die aus den Prozessen scheinbar Entlassenen arbeitslosen Menschen mit einem für sie existenznotwendigen Einkommen ausstatten können und wollen!

Eine Vorform dieser Preisformel gab es bei Rudolf Steiner schon im Jahre 1905 im zweiten Abschnitt seines Leitaufsatzes über das Thema ‹Geisteswissenschaft und soziale Frage›4. Rudolf Steiner erläutert dort den Begriff der ‹Ausbeutung› ein sozialer Kampfbegriff der Arbeiterbewegung jener Tage. Als Lehrer an der Berliner Arbeiterbildungsschule Wilhelm Liebknechts war Rudolf Steiner dieser Bewegung eng verbunden. Er stellte dort dar, dass Ausbeutung immer dann vorliege, wenn sich jemand die Produkte eines Leistenden ‹zu billig› verschaffe, also nicht den richtigen Preis zahle, der dessen zukünftige Leistungsfähigkeit sichere. Der Blick wird konsequent nach vorn, auf die Zukunft des Leistenden, gerichtet. Der Leistungsempfänger muss sich also fragen, ob er bei seiner Zahlung ‹recht› handelt, indem er auf die Lage dessen blickt, der für ihn tätig war und womöglich weiter sein wird, d. h. ob er ihn so ‹entgilt› und mit Mitteln ausrüstet, dass dieser in Zukunft wieder eine Leistung (gleicher Art) erbringen und dabei menschenwürdig-entwicklungsgerecht leben kann. Der Leistungsempfänger wird dadurch zur Selbsterkenntnis im sozialen Handeln angehalten. Die Preisformel folgt dem gleichen Grundsatz und sagt sinngemäß das Gleiche für das unternehmerische Marktgeschehen, was für die unmittelbare Arbeitsbeziehung zwischen Menschen gesagt wurde.

Die Organisationsformen und Handlungsfelder, die den ‹richtigen Preis› erreichen können und sollen, nennt Steiner «Assoziationen»5. Als soziales Bewusstseinsorgan kennen sie die Lebensbedingungen von Institutionen oder beteiligten Menschen und handeln daraus. Assoziationen stellen gesamtwirtschaftlich im Unterschied zu Werte schaffenden Unternehmen die bewusstseinsbildenden sozialen Organisationsformen eines Wirtschaftslebens dar, welches ‹richtige Preise› immer wieder neu herstellen helfen, um Ausbeutung zu verhindern.

Grundeinkommen im Widerspruch zu Steiner?

Für diese Wirtschaftsform stellt nach Auffassung von Marc Desaules das Streben nach Einführung eines ‹bedingungslosen Grundeinkommens› eher ein Hindernis oder Gegensatz dar. Die Bedingungslosigkeit solcher Einkommensgewährung, meint er, sei «gefährlich» und stelle ein «sorgloses Ausschütten des Kindes mit dem Bade» dar. Es konzentriere die Menschen durch «regelmäßige Geldspritzen» auf das «eigene Einkommen», erlaube keine Begegnung mit den «geistigen Realitäten»6 und bringe damit im Ergebnis nur «Elend, Armut und Not»; kurz: es widerspreche «dem Grundbegriff der Steiner’schen Wirtschaftslehre»

vom ‹richtigen Preis›. Kann man Desaules’ Darstellungen folgen? Da wäre vor allem das Problem der Arbeitslosigkeit (oder Einkommenslosigkeit regulärer Art) zu nennen ein Problem, das gegenwärtig weltweite Dimension aufweist. Es findet, wie wir täglich erfahren, ein Großteil der Jugend Europas keinen Zugang zu einer ihre Lebenshoffnungen befriedigenden tätigen Eingliederung in die Gesellschaft. Riesige soziale Probleme der Demotivierung gegenüber individuellen Lebensaufgaben und sinnerfüllten Lebenshoffnungen werden erkennbar; eine politische Radikalisierung, arm gegen reich, Mitteleuropa gegen Südeuropa, droht.

Es gilt zu erkennen, dass aus der Art, wie wir heute produzieren, eine ständig wachsende Arbeitslosigkeit folgt. Die Arbeit wird automatisiert, von Computern intelligent übernommen; sie schrumpft zusehends zusammen. Der Roboter arbeitet schneller und ‹willig wie billig›. Die Menschen, die die alte Arbeit zuvor geleistet haben und die wir als ‹Lieferanten der Ware Arbeitskraft› für ihre ‹Lieferung› bezahlt zu haben glaubten, sie sozial aber in unsere Unternehmen eingegliedert haben, sind der technischen Konkurrenz immer weniger gewachsen; sie werden für das kostendenkende Management zu teuer und folglich entlassen. So reduzieren die Unternehmen den Kostenfaktor Mensch. Paradoxerweise wird das gleiche Unternehmen aber da meldet sich der soziale Zusammenhang unversehens zurück zur Mitfinanzierung der Entlassungsfolgen über ihm auferlegte Sozialabgaben rechtlich verpflichtet. Das Einzelunternehmen arbeitet nun wirtschaftlicher, überlässt aber die Frage, wie die Entlassenen nun zu neuen Aufgaben und zu einem ihre Existenz sichernden Einkommen kommen können, der Sozialität. Die Sorge für die Entlassenen betrachtet es als nicht zu seinen Aufgaben gehörig; die Entlassung erfolgte ja, um sich dieser Sorge zu entledigen.

Was folgt? Die ‹ausgemusterten› Menschen werden in der Gesellschaft als zweitklassig an den Rand gedrängt, weil sie im Arbeitskampf verloren haben. Sie versuchen ihre Arbeitslosigkeit zu verbergen, weil sie und viele ihrer Mitmenschen das als Schande erleben. Ihre nicht in Anspruch genommene ‹Arbeitswilligkeit›, an der sie selber keine Zweifel haben, müssen sie jetzt durch regelmäßige Meldungen bei der Arbeitsbehörde unter Beweis stellen. Sie müssen dem Arbeitsmarkt, der sie zuvor herausgedrängt hat, weiter zur Verfügung stehen für den Fall, dass ein Unternehmen sie doch noch ‹günstig einkaufen› möchte. In Deutschland heißt das ‹Hartz IV› oder wie immer die Überwachungs- oder Transfersysteme bei niedrigen Einkommen heute genannt werden. Hinzuverdienen ist untersagt oder es wird angerechnet lohnt sich also aus finanzieller Sicht nicht. Die Teilhabe der ‹Verlierer› am gesellschaftlichen Leben wird auf ein Minimum reduziert, wird unwürdig. Soziale Probleme des Einzelnen und der Gesellschaft brauen sich so zusammen. Vom «Wert der Arbeit als Hüterin der Menschenwürde», von der Marc Desaules spricht, können die Betroffenen nur träumen. Sie hätten sie gerne und würden gerne für ihr Einkommen arbeiten! Welcher Weg aber führt sie dorthin? Könnte uns da das bedingungslose Grundeinkommen weiterhelfen?

Das bedingungslose Grundeinkommen soll ja nicht erlauben, unbegrenzt dem Müßiggang nachzugehen und sich in die soziale Hängematte zu legen. Es soll vielmehr einen Weg auf bescheidenem Niveau zu neuer Tätigkeit ermöglichen, der die menschliche Entscheidungsfreiheit respektiert ohne fragen und kontrollieren zu wollen, wann, wie und ob der so bescheiden Gesicherte zu einer Entscheidung kommt, wie es weitergehen soll. Die Möglichkeit, nach herkömmlicher Auffassung in dieser Lage ‹nichts zu tun›, ist, wenn man sich mit einem bescheidenen Grundeinkommen begnügt, darin eingeschlossen. Letzteres ist übrigens, das sollten wir nicht übersehen, auch heute schon möglich, wenn jemand gelernt hat, sich allen Zumutungen einer ihm missfallenden oder gar unwürdigen Arbeitswelt durch Darstellung seiner angeblich oder tatsächlich mangelnden Eignung für sie ( z. B. ‹Krankschreibung› genannt) zu entziehen. Letztlich lässt sich das kaum verhindern und darum ist es ökonomisch schlüssiger, diesen Tatbestand ohne zusätzlichen Prüfungsaufwand zu akzeptieren, als einen teuren Verwaltungsapparat zu seiner Vermeidung zu finanzieren, der keine anderen Ergebnisse erzielt. Dies führt nur zu einem Katz-und-Maus-Spiel mit echten oder falschen Krankheitsnachrichten.

Ein bedingungsloses Grundeinkommen würde einen Freiheitssockel eigener Entscheidungsfähigkeit in das gesellschaftliche Leben auch für Geringverdiener einführen, der das Klima menschlicher Begegnungen in unserer Welt enorm verbessern dürfte. Unternehmen müssten dann um Mitarbeiter werben, statt Erwerbsarbeit Suchende ökonomisch unter Druck setzen zu können. Es handelt sich gesamtgesellschaftlich auch nicht um eine ‹Geldverschwendung›, weil wir ja realwirtschaftlich gesehen alle Menschen zu unterhalten uns verpflichtet sehen. Das Grundeinkommen wird am Ende eine rationellere Form eines Mindest-Transfereinkommens, das wir sowieso bereitstellen müssen, einnehmen und administrativ mit einem Bruchteil des heutigen Überwachungsaufwandes zu machen sein. Die bisherigen Überwacher werden vor der Aufgabe stehen, sich einer Werte schaffenden, produktiven Arbeit oder sinnvollen Aufgaben in der menschlichen Gesellschaft zuzuwenden.

Den Weg in die Arbeit finden

Das bedingungslose Grundeinkommen würde, wie Feldversuche aus Südafrika zeigen7, durch ein bescheidenes Grundeinkommen ein Klima der Initiativentfaltung eröffnen und vielen Menschen die Chance zu eigenbestimmten Tätigkeiten geben. Es wird sich in zusätzlichen Wertschöpfungsprozessen niederschlagen und der Gesellschaft dadurch zu Wohlstandsgewinnen statt zu Unfinanzierbarkeiten verhelfen. Diejenigen, denen die soziale Fantasie für solche Lösungswege fehlt, können das Grundeinkommen nicht denken und folglich auch nicht berechnen. Sie gehen stattdessen von Voraussetzungen aus, die sie so gestaltet haben, dass sie immer in der Armutsfalle des Einzelnen und der Gesellschaft enden. Sie sehen, wie man zu sagen pflegt, den Wald vor Bäumen nicht, sind aber in ihrem Verständnis schwer zu erreichen. Sie nutzen die Freiheit zu deren Negation aber auch das müssen wir wie bisher ertragen und wir können es auch. Die größere Frage ist, wie lange die Ausgescherten ihre Sonderrolle des Nichtstuns aushalten werden. Der Mensch ist ein Tätigkeitswesen!

Durch das bedingungslose Grundeinkommen werden Menschen in die Lage versetzt, selbstgesetzte Ziele zu verfolgen und Wege zu ihnen aus eigener Kraft einzuschlagen. Sie können, weil ihnen der Start ermöglicht wird, Initiativen entfalten und so den Weg in die arbeitende und Werte schaffende Gesellschaft zurückfinden. Die Arbeitswelt alter sozialer Systematik hatte ihnen diesen Absprung verwehrt. Sie entdecken aufgrund des Freiraums ihre Menschenwürde in der Tätigkeit für andere neu. Sie ordnen sich in die Welt, in der ‹richtige Preise› das Leben und die gesellschaftliche Zukunft sichern, ein und schaffen sie auf diese Weise mit. Sie treffen sich am Ende mit Marc Desaules, denn wir können die Transfereinkommenbezieher bei genauer Überlegung in die umfassende Preisformel-Welt des ‹richtigen Preises› einbeziehen. Das Ziel, auf das hier aufmerksam gemacht wurde, bleibt richtig und der Weg zu ihm kann den sonst Ausgemusterten oder Nichtintegrierten gerade durch das bedingungslose Grundeinkommen wieder erschlossen werden. Die Erkenntnis des ‹richtigen Preises› bekommt und behält auch für sie Geltung. Was zunächst wie ein Sondertatbestand aussah, erweist sich als mitzudenkender Teil des Ganzen. Denn nicht die Pflege von Gegensätzlichkeiten, sondern die Entdeckung von (veranlagten) Gemeinsamkeiten führt uns Menschen auch mit Andersdenkenden weiter. Und darauf kommt es letztlich an. Anthroposophie will und kann zu deren Entdeckung helfen. Die Preisformel zeigt für alle den Weg.

Benediktus Hardorp

|1 Marc Desaules: ‹Der richtige Preis anstelle des bedingungslosen Grundeinkommens› in den ‹Mitteilungen aus dem anthroposophischen Leben in der Schweiz› (Nr. VII/VIII 2013) und in Nr. 14/2013, S. 3 f. der Nachrichten für Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft, Dornach. | 2 Vgl. R. Steiner: ‹Nationalökonomischer Kurs›, GA 340, S. 82 |3 R. Steiner, wie Anm. 2 |4 Vgl. GA 34 | 5 Vgl. R. Steiner: GA 340, S. 82 f., S. 123, S. 152 f., zu ‹Assoziation› vom Verfasser: ‹Elemente eine Neubestimmung des Geldes›, Karlsruhe 2009 (3), S. 266 f., 274 sowie 317 |6 Letzteres wird sicherlich nachtodlich eintreten und Entwicklung vorbereiten. |7 ‹Der Spiegel› und andere Zeitschriften berichteten darüber.

Erschienen in: Das Goetheanum Wochenschrift für Anthroposophie  Nr. 41, 12.10.2013