Limburgs Geistgeografie

Die Verschwendung im Bistum Limburg

Ich lebe in einem sozialen Brennpunkt. Limburg an der Lahn liegt nahe. Ein Ort, der schon lange Jahre, aber bisher eher heimlich, dazu tendiert, zum geistigen Kreuzungspunkt zu werden.

Äußerlich gesehen war hier nie viel los, ein ländlicher Rückzugsraum, in dem die gesellschaftliche Atmosphäre seit 30 Jahren stagniert. Hinter den Kulissen der kleinbürgerlichen Fassade hier stehen die ältesten Fachwerkhäuser Deutschlands, alles für den Tourismus renoviert zeigt sich ein anderes atmosphärisches Bild. Die verschiedensten Strömungen haben hier ein Zentrum. Etwas weiter weg, mitten im Wald, bisher ungeahnt von der Bevölkerung, entdeckte das Nachrichtenmagazin Spiegel die zweitgrößte Waffenfabrik Deutschlands. An der Autobahn liegt die Firma Mundipharma, deren Medizinprodukt zur Wunddesinfektion, Betaisadona, ist weltweit das Mittel der ersten Wahl, ob in Buschkrankenhäusern oder in New York. In zehn Kilometern Entfernung empfängt die Geistheilerin Mutter Mera zu ihren Segnungen jedes Wochenende Tausende von Pilgern, die aus allen Kontinenten heranströmen.

Auch für archäologische Zeitreisen ist die Gegend gut: Bei Bauarbeiten für eine neue Brücke, ergaben die Ausgrabungen zweifelsfrei, dass auch Cäsar schon mal hier war, zur Anwerbung von Germanen, anlässlich des Krieges in Gallien. Heute gibt es nicht nur die Autobahnabfahrt Limburg, sondern auch einen ICE-Bahnhof. Auf der Strecke hat die Bahn erstmals in ihrer Geschichte nicht mehr Holzschwellen verlegt, sondern die Gleise im Betonbett fixiert. Ein Experiment: Bahnmitarbeiter zeigen mir die ersten Risse, sie sind deutlich sichtbar im Beton. Ach, ich vergaß: Auf der Rückseite der alten 1000-DM-Scheine was auch kaum jemand realisierte aus naheliegenden Gründen , da war der Limburger Dom abgebildet.

So weit das Umfeld, in dem das aktuelle Drama spielt. In jüngster Zeit gab es hier bereits einen Bischofskandal allerdings mit umgekehrten Vorzeichen. Bischof Kamphaus, der ähnlich wie der jetzige Papst einen alten Golf fuhr, im Priesterseminar wohnte und nichts als ein Seelsorger sein wollte der war zugleich der letzte Rebell gegen Rom. Er weigerte sich, die kirchliche Beratungsstelle für Abtreibung zu schließen, wie es Rom gefordert hatte er wollte die Frauen in Not nicht allein lassen. Am Schluss, kurz vor seiner Abberufung, wurde er doch dazu gezwungen.

Nun also der neue Bischof, Tebartz-van Elst, der den Ort ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt. Die Fakten sind bekannt. Sein Prunksitz für 31 Millionen Euro wurde auch dadurch finanziert, dass das Bistum seine Sozialwohnungen in Frankfurt verkaufte der Bischof hat öffentlich vor der Kamera gelogen. Die Abgabe einer falschen eidesstattlichen Erklärung trägt ihm nun ein Strafverfahren ein.

Das Ganze ist ein Präzedenzfall, der im Sinne Hannah Arendts von der Banalität des Bösen handelt. Die linkische Figur dieses Kirchenmannes, der sich völlig losgelöst von Zeit und Raum in seinem privaten Wahnkosmos eingerichtet hat, ist das eine. Das andere ist die Masse der gläubigen Katholiken, die es nicht schafft, sich gegen die Machtstruktur der Institution Kirche zu behaupten und eigentlich sind es nicht nur diese, sondern ebenfalls alle anderen, die nicht einverstanden sind mit der Politik der Kirchensteuer. Man kann austreten aus der Kirche, aber die Zwangsabgabe bleibt bestehen. Hier versagt die Demokratie, das, was wir vom arabischen Raum fordern die Trennung von Staat und Kirche haben wir selbst in diesem Punkt nicht vollzogen. Nun konzentriert sich das Täter-Opfer-Schema auf zwei Personen. Der Papst soll als Stellvertreter Christi ein Machtwort sprechen und der Bischof soll weg. Als ob damit das Problem gelöst wäre. Ein Bistum ist völlig autonom in Gelddingen, nicht einmal das Finanzamt hat Einblick. Die Kirche hat Kontrolle über den Staat. Das demokratische Staatswesen zeigt sich außerstande, sich aus den mittelalterlichen Knebelverträgen zu befreien. Das geht uns alle an. Hierin erscheint ein Nachbild. Wie das Kirchenvolk sich seines missliebigen Bischofs durch ein Machtwort entledigen will, so wünschen sich nicht wenige im großen politischen Betrieb jemanden, der an allem schuld sein könnte. Es herrscht geradezu Ängstlichkeit vor der Teilhabe an der Macht, ein Zögern in der gegenwärtigen Regierungsbildung. Niemand will schuld sein, an den Folgen, die mit Machtausübung zusammenhängen.

Das Menschlich-Böse, dies gehört zu seiner (noch) als aktuell erkannten Banalität, kleidet sich nicht in Personen, sondern in Strukturen. Der Bischof ist kein Dämon, es hat keinen Sinn die Kameras auf ihn zu richten. Aber das Böse beispielsweise in der Kirche, ist das Überlebte, Falsche, Zwanghafte der Formen.

Um mit Kafka zu reden: einer muss da sein! Einer der Verantwortung übernimmt. Und wenn wir alle schuld wären? Jeder einzelne Bürger dieses Landes, dass es mit dieser Kirche so weit kommen konnte indem wir ihr eine fortgesetzte mittelalterliche Lebensform gestatten? Und sei es nur durch Schweigen und Desinteresse. Limburg ist nicht der schlechteste Ort fürs Dasein. Man kommt hier leicht auf solche Fragen. Sie liegen geradezu in der Luft.

Ute Hallaschka

Erschienen in: Das Goetheanum Wochenschrift für Anthroposophie  Nr. 44, 02.11.2013