Interview mit Michaela Glöckler

«Leben und Geheimnis des Herzens»

‹Das Herz des Menschen› ist der Titel der Jahreskonferenz für Anthroposophische Medizin., die am 12.-15. September 2013 am Goetheanum in Dornach stattfand. Wie im vergangenen Jahr mit Psychologie und Psychotherapie wurde damit ein Thema angesprochen, das nicht nur Ärzte und Therapeuten, sondern zugleich allgemein Interessierte anspricht.

Von der Psychotherapie zur Kardiologie bei den Themen der Jahrestagung - hat diese Reihenfolge eine Bedeutung?

Michaela Glöckler: Diese Reihenfolge ergab sich aus dem Leben und der Entwicklung der anthroposophisch-medizinischen Bewegung selbst. Es war erstaunlich: Die Gesellschaft anthroposophischer Ärzte in Deutschland, die Jungmediziner und der Verantwortungskreis der Medizinischen Sektion arbeiteten an der Thematik im Rahmen ihrer großen Tagungen. Und so fragten wir von der Sektion aus den kardiologischen Arbeitskreis, ob er bereit wäre, eine Jahreskonferenz zu gestalten, was zu unserer Freude bejaht wurde.

Rückblickend macht es jedoch viel Sinn, dass diese beiden Themen hintereinander bearbeitet wurden. Denn Rudolf Steiner nennt zwei Aufgaben für die Medizin der Gegenwart, die vordringlich gelöst werden müssen: die sachgemäße Anschauung des Nervensystems und seiner Funktionen und ‹die Herzfrage›. Das heißt, die Aufgabe, die reduktionistische Sicht des Herzens zu revidieren und klarzustellen, welche Funktionen das Herz de facto hat im menschlichen Organismus: physiologisch-mechanisch sowie hormonell und als Wahrnehmungsorgan, so wie ätherisch, seelisch und geistig. Es ist begeisternd, was man heute alles über das Herz weiß dies zu bündeln und einmal breit zu kommunizieren, ist die Aufgabe. Wir freuen uns daher auch, wenn interessierte Laien zu den Vorträgen kommen denn mit einer kranken Vorstellung vom Herzen kann man eigentlich nicht gesund sein. Hinter der Nervenfrage steht das Verständnis des Karmas und der sozialen Beziehungen und hinter der Herzfrage das Geheimnis der Geistessonne.

Was sollte man als Nichtmediziner vom Herz verstehen, was für das Herz tun?

Zu den Vorträgen unserer Tagung kommen und sich informieren denn das Herz ist ein so kraftvolles Organ und reagiert so dankbar auf jede pflegerische Maßnahme und Unterstützung seiner Funktion! Besonders hilfreich für die Herzgesundheit sind: Tägliches, nicht zu langsames, denn das Herz ist immer fröhlich in Bewegung, Spazierengehen, etwa 30 Minuten. Täglich etwas mit voller Achtsamkeit beobachten, auch wenn es etwas Kleines ist. Es reichen fünf Minuten ungeteilte Aufmerksamkeit, bei der dann auch das Herz mit wahrnehmen kann und ganz offen und hingegeben ist. Täglich mindestens einmal einen Menschen anlächeln. Sich täglich über irgendetwas freuen und findet man nichts, sich an eine echte Freude erinnern, die man hatte, bis einem warm ums Herz wird. Täglich die Nebenübungen im Bewusstsein haben, denn sie bilden die Herzlotus-Blume aus, das heißt, den seelischen Sinn des Herzens, mit dem wir die Gesinnungsart der Wesen erkennen.

Warum täglich?

Weil das Herz Tag und Nacht schlägt und einmal in 24 Stunden dem Ich/Sonnen-Rhythmus entspricht, der das Herz stärkt. Es schlägt im Durchschnitt in 24 Stunden 103 680-mal in Ruhe und um ein Vielfaches mehr, wenn wir uns bewegen, Sport machen oder körperlich arbeiten.

Gibt es eine Anthroposophie des Herzens?

Ich würde sagen: weil es das Herz gibt, gibt es die Anthroposophie sie ist eine reine Herzenssache.Wir haben gerade einiges zusammengestellt, was Rudolf Steiner aus der Anthroposophie heraus über das Herz gesagt hat, aber vor allem die Meditationen, die er für herzkranke Menschen gegeben hat und für gesunde, die ihre Herzkräfte verstärken möchten. Das Herz und seine Funktion stehen im Mittelpunkt der Anthroposophie. Rudolf Steiner gibt dem Goetheanum den Namen Herzorgan der anthroposophischen Bewegung, in den Mysteriendramen ist es das Wort, das an allen entscheidenden Wendepunkten die zentrale Rolle spielt bis hin zu dem heilig-ernsten Gelöbnis der Maria, das in ihrem starken Herzen geschieht. Aber auch in GA 10,dem Schulungsbuch Rudolf Steiners, steht die Bildung einer Kultur des Herzens zentral, so, wie in der ‹Geheimwissenschaft› die Rosenkreuzmeditation als Herzmeditation in der Mitte steht.

Auch im Grundsteinspruch der Anthroposophischen Gesellschaft klingt alles aus in dem Herzensgebet, «dass gut werde, was wir aus Herzen gründen». Die Anthroposophie selbst ist im Herzen gegründet die Vernunft spricht oft dagegen, sich ihr ganz zu widmen , das Herz dagegen klar dafür…

Novalis schreibt im Fragment: «Das Herz ist der Schlüssel der Welt und des Lebens.» - Ist das Poesie oder geistiger Realismus?

Das ist nicht nur geistiger Realismus, sondern vor allem Menschenkunde, medizinische Physiologie und Psychologie. Ohne das Herz und seine Funktion kann man diese Welt, so wie sie ist, nicht wirklich verstehen Leben aber ist: Herzlichkeit.

Die Fragen im Interview stellte Wolfgang Held.

Erschienen in: Das Goetheanum Wochenschrift für Anthroposophie  Nr. 35-35, 31.08.2013