Eine Brücke in die Welt

Zweiter Teil der Langzeitdokumentation einer Waldorfschulklasse - Regisseurin Maria Knilli

Die Landzeitdokumentation von Maria Knilli begleitet eine Klasse an der Waldorfschule im bayerischen Landsberg von der ersten bis zur achten Klasse.

Nach dem ersten Teil „Guten Morgen, liebe Kinder" der die Klasse eins bis drei beinhaltete, ist nun der zweite Teil "Eine Brücke in die Welt" erschienen. In diesem Teil begleitet der Film die Schülerinnen und Schüler von der vierten bis zur sechsten Klasse. Für den letzten Teil, bis zur achten Klasse, wird Maria Knilli die Klasse noch bis 2015 begleiten.

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Einblicke in das Klassenzimmer der vierten Klasse.

Filmemacherin Maria Knilli beobachtet mit der Kamera für den Zuschauer eine ergreifende Metamorphose. "Eine Brücke in die Welt" lässt dabei die äußere wie innere Entwicklung der Kinder miterleben und zeigt, wie aus hingebungsvollen Viertklässlern nachdenkliche und kritische Sechstklässler werden.

Die Klassenlehrerin versucht, mit dem Unterricht darauf zu antworten: Schritt für Schritt wird das selbstständige Arbeiten erübt, das Klassenzimmer als lebendige, sich stets wandelnde Lern-Werkstatt.

Maria Knilli ist, in dieser einzigartigen Langzeitdokumentation, selber längst selbstverständlicher Bestandteil der Klasse geworden ist. Sie tritt dabei aber nie in den Vordergrund. Dadurch ermöglichst sie dem Zuschauer eine direkte Teilnahme am Geschehen im Klassenzimmer. Der Zuschauer kann die Lernschritte, die Beziehungen untereinander und die Atmosphäre, in der in dieser Klasse gelernt wird direkt miterleben. Durch die vertraute Beziehung, die die Regisseurin zu der Klasse aufbauen konnte, fühlt sich der Zuschauer direkt im Klassenzimmer. Die Kamera wird von den Kindern nicht mehr wahrgenommen. Dies ermöglicht beindruckende Einblicke wie die Schüler lernen: Der zärtlichen Ernst, die innige Neugierde, und die gemeinschaftliche Begeisterung der Schüler werden erlebbar.

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Das Klassenzimmer in der fünften Klasse

Die Klassenlehrerin, Frau Umbach, nimmt regelmäßig den Zuschauer an der Hand und erläutert zusammenhänge in Interviews außerhalb des Klassenzimmers. In diesem zweiten Teil der Langzeitdokumentation kommen zum ersten Mal auch die Eltern zu Wort. Die Klassenlehrerin bringt es auf den Punkt: "Wir beide, die Schule und das Elternhaus sind die Pfeiler, auf denen eine Brücke gebaut ist, über die das Kind in seiner Entwicklung in die Welt geht."

Hauptdarsteller aber bleiben immer die Kinder. Während im ersten Film noch ein nahezu intimer Einblick in die Klassengemeinschaft möglich war, wird jetzt dem Zuschauer die zunehmende Persönlichkeitsfindung der Kinder deutlich. Die Arbeitsatmosphäre die dabei im Klassenzimmer, durch die hohe Leistung der Klassenlehrerin entsteht, wird auch bei diesem Film für den Zuschauer oft zum Greifen nah.

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Die Fünfte Klasse. Zu Fuß geht die Klasse, verteilt über den Zeitraum von acht Jahren, in Etappen von Landsberg nach Venedig.

Zu sehen ist, wie die Zehnjährigen in der vierten Klasse im Galopp ihre Heimatstadt erkunden. Sie teilen Äpfel, um sich das Bruchrechnen anzueignen. Sie studieren für ihre Eltern ein Singspiel in Dirndl und Lederhosen ein – samt Klassenorchester und Gesangseinlagen auf der großen Bühne der Schule. Die Klasse stemmt ein anspruchsvolles Projekt: Zu Fuß geht sie – verteilt über den Zeitraum von acht Jahren – in Etappen von Landsberg nach Venedig. In der fünften Klasse steht eine entscheidende Wegstrecke an, wenn die ganze Klasse zusammen mit der Lehrerin und einigen Eltern zu Fuß den Alpenhauptkamm bei 3019 Höhenmetern überwindet – eine eindringliche Erfahrung für die Klassengemeinschaft, die zeigt, dass "Starke" plötzlich schwach und "Schwache" stark sein können. In der sechsten Klasse recherchieren die mittlerweile Zwölfjährigen selbstständig in Gruppen über die unterschiedlichen Länder Europas und referieren vor der Klasse. Und jeder Schüler schreibt einen frei erfundenen Text für ein Hörbuch. Das Klassenzimmer wird schließlich sogar zum Tonstudio, wenn eine der Geschichten von allen gemeinsam vertont wird.

Über die Regisseurin

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Die Regisseurin Maria Knilli

Maria Knilli ist seit 1980 als freischaffende Autorin und Regisseurin für Kinospielfilme, TV-Krimis, Theaterinszenierungen, Theaterverfilmungen und Dokumentarfilme tätig. Über ihre 10 jährige Arbeit an der gesamten Dokumentation der Waldorfschulkasse sagt sie: „Es ist das Geschenk, das die Kinder mir machen, indem sie mich ihnen beim Lernen über die Schulter schauen lassen. Dieses Geschenk machen mir in gleichem Maße auch die Klassenlehrerin und deren Kollegen, denen ich beim Lehren über die Schultern schauen darf. ...

Meine Erfahrung ist, dass die Klasse eine Werkstatt ist, so eine Art Denkwerkstatt. Und weil die Lehrerin sich ja den Stoff in allen Hauptfächern, die sie von der ersten bis zu achten Klasse unterrichtet, selbst immer wieder auffrischen und aufrufen muss, ist sie selber eine Lernende. Der Tenor in der Klasse ist: Wir erarbeiten uns gemeinsam ein Thema und wachsen so miteinander. Und wenn es Konflikte gibt, dann können die durchgestanden und gelöst werden, weil man eine gemeinsame Geschichte hat. … Ich will vom Lernen erzählen und wie Lernen gelingen kann. Wenn ich an meine Schulzeit zurückdenke, so war sie doch eher unerfüllt. Vielleicht sitze ich wieder im Klassenzimmer, weil ich Nachholbedarf habe ...“

Maria Knilli ist es auch in diesem Film wieder gelungen drei Schuljahre, äußerst professionell, dramaturgisch, in einen Film von lediglich 90 Minuten, so unterzubringen, dass der Film von Anfang bis Ende spannend bleibt. Wie nach dem ersten Film, möchte man am liebsten den letzten Teil unmittelbar danach anschauen. Leider muss der Zuschauer dafür noch bis 2015 warten.

Julian Salamon