Weiter wie bisher ist keine Option

für eine gerechte, ökologisch, ökonomisch und sozial nachhaltige Entwicklung der Landwirtschaft

„Weiter wie bisher ist keine Option“ lautete im Jahre 2008 der Titel der bisher wohl aufwändigsten und umfassendsten wissenschaftlichen Untersuchung der globalen Landwirtschaft. Im Auftrag der Weltbank und der Vereinten Nationen, von 60 Regierungen und einer Vielzahl internationaler Organisationen hatten über 400 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aller Disziplinen und Kontinente gemeinsam Antworten auf folgende Frage gesucht: „Wie können wir durch die Schaffung, Verbreitung und Nutzung von landwirtschaftlichem Wissen, Forschung und Technologie Hunger und Armut verringern, ländliche Existenzen verbessern und eine gerechte, ökologisch, ökonomisch und sozial nachhaltige Entwicklung befördern?“

Dreißig Vertreterinnen und Vertreter von Regierungen und ebenso viele der „Zivilgesellschaft“ von Nichtregierungsorganisationen, Bauern-, Verbraucher- und Wissenschaftsorganisationen, aber auch der Industrie, hatten sich im Konsens zunächst auf diese Fragestellung und dann auf die Autorinnen und Autoren geeinigt, die sie dann nach den klassischen Regeln wissenschaftlicher Beweisführung gemeinsam beantworteten.

Wissenschaftlicher Konsens oder Ideologie?

Nach vier Jahren intensiver Zusammenarbeit, nach Streit und Disputen, zwei Entwürfen und 20.000 Kommentaren dazu hatten die Expertinnen und Experten sich dann auf den zweitausend Seiten starken Weltagrarbericht (IAASTD) geeinigt. Sein Ehrgeiz war es, etwa 50 Jahre zurück und 50 Jahre nach vorne blickend zusammenzufassen, was an wissenschaftlichem Konsens zur Lage der globalen Landwirtschaft und Ernährung konstatiert werden kann.

Dieser Konsens sorgte bereits vor seiner Veröffentlichung für Ärger. Nachdem sie den letzten Entwurf gelesen hatten, stiegen die Firma Syngenta und der Agrarunternehmensverband Crop Life unter Protest aus dem Projekt aus. In der Schlussabstimmung verweigerten auch die USA, Kanada und Australien ihre Unterschrift unter die gemeinsame Zusammenfassung der 60 Staaten, die den Prozess begleitet hatten (darunter Großbritannien, Frankreich, Brasilien, Russland, Indien und China, nicht aber Deutschland). Er sei zwar von wegweisender Bedeutung; einige Passagen, namentlich zur Bewertung von Pestiziden, Gentechnik und dem Welthandel erschienen ihnen jedoch „unausgewogen“. Als „ideologisch“ bezeichnete aus ähnlichen Gründen auch Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner den Bericht in einem Gespräch mit dem Autor.

Einige der Schlussfolgerungen des Weltagrarberichtes waren zweifellos starker Tobak für eine Wissenschaft und Industrie, die es gewohnt war, sich zur „Grünen Revolution“ der Siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts zu gratulieren. Sie waren stolz auf die enormen Produktionssteigerungen mit Hilfe von immer mehr chemischem Dünger und Pestiziden, von aufwändiger Bewässerungstechnik und gewaltigen Maschinenparks. Bei sprunghaft ansteigendem Energieaufwand entstanden Monokulturen ungekannten Ausmaßes für wenige Hochleistungssorten.

So bedauerlich der Hunger von hunderten Millionen Menschen auch sei, habe nur diese fortgesetzte Steigerung der Agrarproduktion Schlimmeres verhütet. Nur ihre weitere Intensivierung könne schließlich Brot und Reis für alle sowie Fleisch, Milch und Eier für eine wachsende Mittelschicht in den neuen Megastädten Asiens, Afrikas und Lateinamerikas liefern. Der Motor dieses segensreichen Wachstums sei der Weltmarkt und die Liberalisierung eines globalen Agrarhandels.

Starker Tobak

Nun konstatierten die Wissenschaftler plötzlich, dass die Überbeanspruchung der natürlichen Ressourcen, die Vernichtung der Artenvielfalt und der Klimawandel, die diese Landwirtschaft mit verursacht, dabei ist, die Grundlagen ihrer eigenen Produktion zu zerstören. Der blinde Glaube an die Marktkräfte in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts verdränge die überlebenswichtigen ökologischen, sozialen und gesundheitlichen Aufgaben einer multifunktionalen Landwirtschaft. „Ökosystemare Leistungen bleiben vom Markt weitgehend unbezahlt. Zu diesen Leistungen zählen unter anderem Klimaregulierung, Wasserbereitstellung, Abfallbehandlungskapazitäten, das Management von Nährstoffkreisläufen und Wassereinzugsgebieten,“ heißt es im Weltagrarbericht und: „Die Bedeutung dieser Funktionen werden für eine global nachhaltige Entwicklung zunehmen und für das Überleben der Menschheit auf diesem Planeten eine zentrale Rolle spielen.“

Die zweite fundamentale Zumutung des Weltagrarberichts steckt in seinem Wechsel der Perspektive von immer größeren und rationalisierteren Agrarunternehmen zur überwältigenden Mehrheit der Landwirtinnen und Landwirte dieser Erde: „Diversifizierte kleinbäuerliche Höfe stellen den Löwenanteil der weltweiten Landwirtschaft. Auch wenn Produktivitätszuwächse in spezialisierten Großbetrieben mit hohem Input schneller erreicht werden können, liegt der größte Spielraum zur Verbesserung von Existenzgrundlagen und Gerechtigkeit in den kleinteiligen und vielfältigen Produktionssystemen der Entwicklungsländer.“

„Small is beautiful“ statt „wachse oder weiche“ diese Botschaft des Weltagrarberichts ist bis heute für Wissenschaftler und Politiker ebenso wie für viele Bauernfunktionäre und die Agrarindustrie schwer zu ertragen.

Andere Erkenntnisse haben sich scheinbar schneller durchgesetzt. Dass es auf die Frauen und deren Menschenrechte bei der Überwindung des Hungers gerade in Afrika und Asien entscheidend ankommt beispielsweise, darüber sind sich alle Institutionen heute zumindest auf dem Papier vollkommen einig. Auch die Forderung nach effizienterer Verwertung der Agrarproduktion, von der heute auf dem Weg vom Acker zum Teller mehr als die Hälfte verloren geht, ist unstrittig.

Eindringlich mahnt der Weltagrarbericht, traditionelles und lokales Wissen nicht zu vernachlässigen, das genauso wie die natürliche und die kultivierte biologische Vielfalt von globalen Monokulturen bedroht ist. Mit jeder aussterbenden Sprache gehe unweigerlich auch wertvolles Wissen über die lokalen Ökosysteme verloren und gebe dem Kahlschlag, den in vielen Regionen der Welt die Kolonialsysteme in der Landwirtschaft bereits angerichtet hatten, den Rest. Er warnt auch vor einer Privatisierung von Wissen und Forschung in der Landwirtschaft, namentlich durch die Patentierung von Pflanzen und anderen Lebewesen und deren fatale Konsequenzen: „Einige Saatgutunternehmen geben bereits weit mehr Geld für ihre Rechtsanwälte als für ihre Forschung aus“, schreiben die Wissenschaftler. Dies behindere nicht nur die Innovation, sondern führe zu einer immer bedrohlicheren Machtkonzentration in Schlüsselbereichen des Agrarmarktes.

Politische Rahmenbedingungen

Wohin sollte also die Reise gehen? „Die wissenschaftliche Beweislage zeigt, dass es der entschiedenen institutionellen und politischen Unterstützung partizipativer, ökologisch orientierter Entscheidungsprozesse durch die Landwirte selbst bedarf; agrarökologischer Partnerschaften, die gemeinsames soziales und ökologisches Lernen fördern; strikterer und durchsetzbarer gesetzlicher und politischer Rahmenbedingungen; und Investitionen (…) in nachhaltige und agrarökologische Forschung, Beratung, Bildung, Produktinnovation und Vermarktung.“

Manche Forderung des Weltagrarberichts hat mittlerweile Eingang in die Sprache offizieller Dokumente zur Welternährung und zur Entwicklung der Landwirtschaft gefunden. Doch in der Gemeinsamen Agrarpolitik der Europäischen Union (GAP), die für den größten Lebensmittel-import- und -exportmarkt der Welt und jährlich 60 Milliarden Euro Agrarsubventionen die Weichen stellt, ist „weiter wie bisher“ noch immer die trotzige Parole mächtiger Interessensgruppen und ihrer Lobby. Die gegenwärtig verhandelte Reform für die Jahre 2014 bis 2020 wird daran kaum etwas ändern. Das gilt leider auch für die „farm bill“ der US-amerikanischen Agrarpolitik.

Eine Konsequenz aus der Einsicht, dass angesichts des globalen Raubbaus Agrarflächen und Wasser immer wertvoller werden, ist das sogenannte „landgrabbing“, der globale Aufkauf großer Ländereien durch private und öffentliche Investoren. Er hat seit der Veröffentlichung des Weltagrarberichts immer dramatischere Formen angenommen und spielt sich vor allem da ab, wo die Gesetze schwach und die politische Führung und Verwaltung korrupt sind. Dabei dringt er auch in die Europäische Union und ihre östlichen Anrainerstaaten vor. Die Opfer sind, einmal mehr, Kleinbauern und ihre Gemeinden. Nichts aber, so die unzweideutige Botschaft des Weltagrarberichts, ist für die nachhaltige Ernährung der Menschheit und den Erhalt ökologischer Kreisläufe fataler als die Vertreibung der kleinen Bäuerinnen und Bauern von dem Land, das sie ernährt und das sie nähren. |

Benedikt Haerlin

Alle Zitate stammen aus dem Weltagrarbericht und sind vom Autor selbst übersetzt. Der vollständige Originalbericht in Englisch und eine Zusammenfassung auf Deutsch kann unter www.weltagrarbericht.de eingesehen werden. Die offizielle Seite des International Assessment on Agricultural Knowledge, Science and Technology for Development, IAASTD, finden Sie unter www.agassessment.org

Benedikt Haerlin leitet seit 2002 das Berliner Büro der Zukunftsstiftung Landwirtschaft und deren Kampagne „Save Our Seeds“ gegen Gentechnik im Saatgut und für den Erhalt der agrarischen Vielfalt. Er ist aktiv in den Kampagnen „Meine Landwirtschaft“ und „ARC2020“ zur Reform der Europäischen Agrarpolitik. Von 2003 bis 2008 vertrat er im Aufsichtsrat des Weltagrarberichts europäische und nordamerikanische Nichtregierungsorganisationen. Davor arbeitete Haerlin zwölf Jahre lang für Greenpeace, zuletzt als internationaler Koordinator der Gentechnik-Kampagne, war von 1984-89 Mitglied des Europäischen Parlaments und davor Journalist, u.a. bei der „Tageszeitung“. Er studierte Philosophie und Psychologie in Tübingen und Berlin.

Kernaussagen des Weltagrarberichts

1. Die weltweiten Herausforderungen an die Landwirtschaft der nächsten 50 Jahre sind mit den Methoden der vergangenen 50 Jahre nicht zu bewältigen: Wir brauchen einen radikalen Wandel unseres Ernährungssystems bei Produktion, Verarbeitung, Verteilung und Verbrauch. Dafür ist eine neue landwirtschaftliche Forschung, Entwicklung und Politik erforderlich.

2. Kleinbäuerliche Strukturen und Gemeinden sind die besten Garanten lokaler Ernährungssicherheit und nationaler Ernährungssouveränität. Weil es auf die reale Verfügbarkeit von ausreichenden und gesunden Lebensmitteln vor Ort ankommt, kann Hunger nachhaltig nur lokal überwunden werden.

3. Es kommt dabei angesichts einer „Feminisierung der Landwirtschaft“ entscheidend auf die Frauen an. Die Durchsetzung der Menschenrechte von Frauen in Afrika und Asien ist die wichtigste Einzelmaßnahme zur Überwindung von Hunger, Armut und Kindersterblichkeit.

4. Die ökologische, kulturelle, wirtschaftliche und soziale Multifunktionalität der Landwirtschaft muss anerkannt und gefördert werden, v.a. durch angemessene Bezahlung all ihrer Leistungen.

5. Die Abhängigkeit der Landwirtschaft von fossiler Energie muss überwunden werden. Großflächige Produktion von Sprit und Energie auf Ackerflächen ist keine tragbare Option.

6. Der ökologische wie ökonomische Imperativ, Klimagasemissionen und den Verbrauch fossiler Brennstoffen pro Kalorie drastisch zu reduzieren, ist in erster Linie durch weniger Verschwendung bei Produktion, Handel und Verbrauch zu erreichen.

7. Die ärmsten Länder der Erde und die Ärmsten auf dem Lande sind die größten Verlierer von Globalisierung und Liberalisierung des Agrarhandels.

8. Patente und andere geistige Eigentumsansprüche, besonders auf Saatgut, verhindern Forschung, Innovation und die freie Verbreitung von landwirtschaftlichem Wissen.

9. Agrarökologie ist für die Herausforderungen von Klimawandel, Ressourcenknappheit, Erhalt der Artenvielfalt und gesunder Ernährung die Schlüssel“technologie“, deren Komponenten allen Beteiligten zur Verbreitung und Anwendung vor Ort und gemein-samen Fortentwicklung frei verfügbar sein sollten.

10. Gentechnik bringt derzeit mehr Probleme als Lösungen. Sie erfordert große Investitionen und fördert die Ausrichtung der Forschung auf patentierbare Produkte und auf private Großkunden.

Erschienen in: HK InfoBrief Nr. 29, Juni 2013. Informationen der Hannoverschen Kassen.