Was wir lieber verheimlichen

und wo wir gern beobachtet werden

Die Schriftstellerin Juli Zeh sagte kürzlich im Zusammenhang mit der sogenannten NSA-Affäre (‹SZ› 14.8.2013), ein beobachteter Mensch sei kein freier Mensch mehr. Denkt man länger über diesen Satz nach, obwohl oder weil  er spontan einleuchtet, erscheint sein Gegenteil nicht weniger richtig: Erst ein beobachteter Mensch ist ein freier Mensch. Wie ist das zu verstehen?

Jeder Mensch will wahrgenommen werden. Schon dem Kind ist es wichtig, gesehen zu werden, wenn es etwas Tolles baut oder spielt oder zum ersten Mal einem Erwachsenen bei einer Tätigkeit zur Hand geht. Das Kind, so vertieft es auch geschäftig ist, prüft dann auch manchmal mit einem kurzen Blick voll rührender Beflissenheit, ob es als Teil eines sozialen Ganzen geschaut und bemerkt wird. Es erblickt den wahrnehmenden Blick des anderen und ist froh.

Es befreit uns, wenn wir darauf vertrauen können, irgendwo ist ein Wesen, das uns anschaut, das auch das an uns überblickt und von uns weiß, was wir vielleicht lieber verheimlichen, was zu zeigen oder zu leben uns schwerfällt, was wir nicht so leicht mitteilen können. Letztlich wollen wir liebevoll durchschaut und anerkannt werden auch in den Defiziten, selbst moralischen, so sie notwendiger Teil und Widerstand unserer Individualität sind. Ein solches Sich-beobachtet-Wissen hat nichts mit Kategorien wie ‹Überwachung› oder ‹etwas zu verbergen haben› zu tun, sondern ist Ausdruck einer spirituell-religiösen Sehnsucht. Es tröstet, komplizierte Sachverhalte und belastende Verstrickungen an eine andere Welt delegieren zu können, an ein anderes beziehungsweise höheres Bewusstsein, eine übergeordnete Perspektive gar nicht einmal als Handlungsauftrag oder indem man auf schnelle Hilfe spekulierte. Es beruhigt, wenn wenigstens der Engel informiert ist.

Aber es muss auch nicht gleich die geistige Welt sein. Schon der Mitreisende im öffentlichen Verkehr beobachtet mich, die Katze im Garten, der Gast im Café. Frei sein wollen von jeglichem fremden Blick führt in die soziale Ödnis, in die Isolation.

Ein Fußballspieler ist darauf angewiesen, dass ihn der Trainer genau beobachtet, um Leistungsvermögen und individuelles Talent möglichst objektiv einschätzen zu können  und nicht nur nach Gefühl oder Vorurteil oder einer willkürlich herausgegriffenen einzelnen Aktion. Ähnlich hoffen Schauspieler darauf, dass der Regisseur ihre Angebote während der Proben präzise verfolgt, auch in Nebenrollen, und dass kleinste Regungen ‹gespeichert› werden. Darauf vertrauen zu können, dass man beobachtet wird, dass das Bild eines Ganzen entsteht, befreit von dem Druck, durch ehrgeizige Maßnahmen auf sich aufmerksam zu machen.

Es gibt also Schnittmengen aktueller Debattenbegriffe mit einem anderen geistig-semantischen Milieu, Übergänge aus dem technisch-politischen Bereich in die spirituelle oder ‹goetheanistische› Terminologie. Nur ist die beobachtete Pflanze etwas anderes als der beobachtete Bürger. Was bei ihr Offenbarung ist, was sie über sich ‹verrät›, wird beim Menschen dramatisch. So geistern Reizworte und Chiffren durch den öffentlichen Diskurs, die, symptomatologisch betrachtet, auf Zerrbilder oder Doppelgänger verweisen, die man wie ‹negative› Vorboten von Fähigkeiten empfinden kann, welche die Menschheit eigentlich entwickeln will, wie Projektionen archaischer Sehnsüchte. Suchmaschinen spiegeln auch die seelische Frage des Einzelnen wider, ob er gemocht wird, was er wert ist: Wie findet man mich? Wie findet man mich, wenn ich gar nicht da bin, wenn ich wo gefehlt habe, wie findet man mich in meinen Spuren, meinen immateriellen Hinterlassenschaften? Wer wird mir im Ganzen gerecht?

In der Beobachtung steckt die Achtsamkeit, die genaue Liebe, die Verlässlichkeit im Kleinen. Und doch leitet uns das Gefühlte oft besser, der Instinkt, das Ungefähre und nicht als Zahlenmaterial Gespeicherte. In der Privatsphäre steckt eben das Sphärische, das Geistige als Diskretion, als das intime Geheimnis. Der gute Trainer erkennt an einem Spieler das, was dieser gar nicht zeigt, was an ihm unsichtbar mitwirkt, was Potenzial oder Umkreis ist, und ebenso ‹schaut› der geschulte Regisseur. Es kommt darauf an, wie beobachtet wird. Interesse- und liebevoll, von Ich zu Ich, oder aus Angst vor dem Widerständigen, vor Differenz. Sorgend oder kontrollierend. Kann ich mich beobachtet fühlen und trotzdem frei? Wo schafft Transparenz Vertrauen und wo ersetzt sie dieses nur? Geht es um das Ganze eines Menschen oder um die totale Observation des Bürgers, und wo gehen diese ineinander über? Und muss Beobachtung eigentlich zwingend eine Einbahnstraße sein?

Im Alltag ist es die eigene Einstellung, mit der zum Objekt degradierende Blicke mit Würde unterwandert werden können. Wenn man in legerer Kleidung ein nobles Lokal oder Geschäft betritt und von einem Angestellten gemustert wird, ist es ratsam, den anderen einfach sachlich zurückzumustern, ihn ganz ruhig genauso von oben bis unten anzublicken, als sei es das Selbstverständlichste der Welt. Wer entscheidet über Hierarchien? Es ist der Blick auf den Blick, der die fremde Beobachtung zum Erlebnis von Unfreiheit macht beziehungsweise ihr diese Macht zuspricht  oder der eine neue Dimension erschließt und zur Selbstaktivierung der Freiheit führt. Die geistige Welt ist in uns. Der gespeicherte Mensch ist in dem Maße frei, wie er seine Souveränität nicht von irdischen Beobachtungsresultaten abhängig macht, sondern sich von einem höheren Bewusstsein längst als frei gedacht weiß. Er ist Teil dieses anderen Bewusstseins, der anderen Beobachtung.

Politischer Naivität soll mit diesen Betrachtungen nicht das Wort geredet werden; allein, dieses geistige Band mit übersinnlichen Wesen ist ein Schutz, und hier entscheidet sich, ob die Aussage von Juli Zeh zutrifft, auch strukturell, auch im Sozialen. Das Wahrnehmen der Wahrnehmung, Aufmerksamsein für das eigene Aufmerksamwerden, das Denken des Denkens hier läge ein Schlüssel zu einer Transparenz, die nicht Diktatur wird, zu einem Sich-selbst-transparent-Werden der Menschheit, das nicht bloß Herrschaft eines Teiles über den anderen bedeutet.

Andreas Laudert

1 ‹SZ› 14.8.2013

Andreas Laudert, geb. 1969 in Bingen, studierte an der Universität der Künste Berlin und am Priesterseminar der Christengemeinschaft. Er schreibt über kulturelle und gesellschaftliche Themen und wirkt als Dozent unter anderem am Philosophicum in Basel. In diesem Herbst ist erschienen: „Und ist ein Verbindungswort, das Du ist es auch. Wege zu einer anderen Selbstlosigkeit“ (Verlag Freies Geistesleben, Falter-Reihe, Stuttgart 2013).

Erschienen in: Das Goetheanum Wochenschrift für Anthroposophie  Nr. 38, 21.9.2013