Ovelgönne ein inklusives Dorf

Das Burgdorf Ovelgönne in Niedersachsen im Landkreis Wesermarsch ist ein überschaubares, kleines Dorf mit vielseitig ausgeprägter Infrastruktur. Ein kleiner Supermarkt, ein Friseur, ein Bäcker, ein Metzger, ein Bekleidungsgeschäft und ein Blumenladen decken schon viele Grundbedürfnisse vor Ort ab. Eine Arztpraxis, eine Zahnärztin und ein Therapiezentrum sorgen für Gesundheitsfürsorge. Es geht ruhig und freundlich zu, man kennt sich und ist sich wohlgesonnen. Und so gehören seit 23 Jahren „die Mühlenbewohner“ auch zum ganz normalen Dorfbild.

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Beim Friseur...

Ovelgönne ist zudem als alter Handelsknotenpunkt ein sehr geschichtsträchtiger Ort. Mit seinem traditionellen, jährlich stattfindenden Pferdemarkt ist Ovelgönne nach wie vor weit über seine Grenzen hinaus bekannt. Hier wird noch heute der Viehkauf mit einem Handschlag besiegelt und das gute Geschäft danach feuchtfröhlich gefeiert.Es gibt verschiedene Vereine, die im Dorf aktiv sind und seit neustem eine gute Verkehrsanbindung an den öffentlichen Fernverkehr.

„Die Mühlenbewohner“ sind 24 Menschen mit Unterstützungsbedarf. Sie werden von der Dorfbevölkerung liebevoll so genannt, weil sie auf dem Gelände der am Ortsrand gelegenen alten Mühle leben und in der zentral im Ortskern gelegenen eigenen WfbM arbeiten.

Die Werkstätten, die auch ein Hotel mit Saalbetrieb und Kegelbahn umfassen, sind mit Hotel, Großwäscherei und Hausmeisterservice eng mit dem Dorf verwoben und nicht mehr wegzudenken.

Als ich loszog, alltägliche Situationen beim Einkaufen, beim Arzt oder beim Friseur fotografisch einzufangen, stieß ich auf fragende Gesichter. Erstaunen (bei den Menschen mit und ohne Unterstützungsbedarf!) darüber, dass das, was geschieht etwas Besonderes sein soll. Dass Menschen mit Unterstützungsbedarf hier in Ovelgönne allein ihre Alltagsangelegenheiten erledigen können, wird möglich durch eine absolut selbstverständliche Annahme der Dorfbevölkerung.

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Ovelgönne im Sonnenschein.

„Als die Mühlenbewohner damals zu mehreren meinen kleinen Laden bevölkerten, war es schon eine fremde Situation. Aber ich habe dann einfach in der Mühle angerufen und gefragt, wie ich mich verhalten soll“, schildert Ellen Mönnich ihre ersten Begegnungen vor 23 Jahren, als sie noch Inhaberin des kleinen Supermarktes war. Damals waren die BewohnerInnen der Ovelgönner Mühle noch „ungestüme Halbstarke“ stellen Frau Mönnich und ich im Gespräch lachend fest. Sie kamen zum größten Teil als Schulabgänger von der Wuppertaler Troxler-Schule, dem Gründungsimpuls einer Mitarbeiter- und Elterninitiative folgend, nach Ovelgönne und belebten dort das alte Mühlengelände neu. Heute sind die Halbstarken von damals gestandene Leute, die den neueren, jüngeren Bewohnern zeigen, wie man sich in Ovelgönne zurechtfindet.

Heute ist Sandra Peters die Inhaberin des kleinen Supermarktes. Gleichzeitig betreibt sie eine Poststelle, was für viele Menschen in Ovelgönne sehr wichtig ist. Mit ihrer stets fröhlichen und hilfsbereiten Art ist sie nicht nur für die BewohnerInnen der Mühle, sondern auch besonders für ältere Dorfbewohner ein echter Schatz. Sie hilft, sie lässt gewähren, sie hat immer ein offenes Ohr und Zeit für einen kleinen Plausch. Niemand kann kleinstes Klimpergeld so schön abzählen wie sie. „Ich erzähle immer gerne von meinen Begegnungen mit den Mühlenbewohnern, es ist für meine Freunde, die weniger Kontakt zu Menschen mit Behinderung haben, schön zu hören, was wir hier im Laden für nette Gespräche führen! Wer bekommt schon auf die Frage nach dem Befinden die Antwort: ´…ein bisschen gut!`? Das ist doch toll!“ erzählt sie begeistert.

Auch die selbstständigen Besuche beim Hausarzt sind für viele BewohnerInnen ohne Begleitung selbstverständlich. Wenn die Zusammenhänge der Arztgespräche dann doch mal zu komplex sein sollten, gibt es halt einen Zettel mit nach Hause. Der Kontakt zu den Sprechstundenhilfen ist immer herzlich und es wird ganz individuell auf jeden eingegangen, wie es halt bei jedem so üblich ist in Ovelgönne.

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Anke Schmidt mit Ladeninhaberin Sandra Peters.

Helge Lübben, unser Physiotherapeut schildert: „Ich lebe und arbeite im Ovelgönne. Einige der Bewohner kommen allein in die Praxis zu ihren Therapien und machen auch ihre Termine selber. Das klappt mittlerweile richtig gut. Früher gab es hin und wieder Probleme mit dem Einhalten der Termine. Mittlerweile wissen wir aber, wann es sinnvoll ist, Termine auch mit den Mitarbeitern der Mühle abzusprechen, damit sie mit darauf achten können, dass der Überblick behalten wird. Ansonsten finde ich es toll, wie die Bewohner und Beschäftigten der Mühle und der Werkstätten zum Dorf gehören. Wenn ich mit meiner Familie einkaufen gehe, treffen wir oft Leute aus der Mühle und wir werden immer herzlichst begrüßt. Das ist immer nett. Eine solche Herzlichkeit erlebt man sonst nicht so oft.“

Ob beim Arzt, beim Friseur oder Im Supermarkt bei Sandra Peters, Kommunikation ist hier, wenn‘s sein muss auch ohne Worte möglich. Wie oben schon erwähnt, man kennt sich und versteht sich.

Auch der Kontakt mit den „öffentlichen Ovelgönnern“, wie z.B. Thomas Brückmann, dem amtierenden Bürgermeister ist rege und konstruktiv. Vor einigen Wochen konnte sich Eckhard Buyny, Mitglied der Bewohnervertretung der Mühle, freuen, dass seine schriftlichen Bemühungen und Besuche der Ratssitzungen Erfolg zeigten und endlich eine Buslinie ins benachbarte Brake und somit Anschluss an den öffentlichen Fernverkehr eingerichtet wurde. Ganz besonders freut sich darüber auch Jo Wieben, welcher erst seit kurzem in der Mühle wohnt und dank der neuen Busverbindung nun ohne Hilfe zu seinem Geigenunterricht ins 20 Km entfernte Elsfleth fahren kann. „Als nächstes möchten wir uns für eine Überquerungshilfe über die Dorfstraße starkmachen! Wir haben schon Briefe geschrieben und es wurde sogar schon ein Fahrzeugzähler installiert“, sagt Eckhard Buyny.

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Anne Mareike Wieters, geboren 1975. Ergotherapeutin und Sozialtherapeutin. Seit 1999 in der Stiftung Lebensräume Ovelgönner Mühle. Dort seit 2013 als Heimleitung tätig.

Inklusion ist in Ovelgönne kein Thema. Inklusion wird hier einfach gelebt, ohne dass es vorher gedacht werden muss.Hier in Ovelgönne lebt etwas ganz Besonderes: Eine schon fast unnormale Normalität. Die Normalität des gemeinsamen Alltags. Eine Normalität, die an vielen anderen Orten (noch) nicht denkbar, (noch)nicht machbar scheint. Sich dessen bewusst zu werden, ist ein spannendes Ereignis für jeden Ovelgönner. Ein Ereignis, welches sich lohnt, genauer betrachtet zu werden!

Durch diesen Artikel ist nun die Inklusion hier allerdings doch noch zum Thema geworden. Im nächsten Jahr feiert die Gemeinde Ovelgönne ihren 500sten Geburtstag. Die Mühle feiert selbstverständlich mit!Wir planen, inspiriert von diesem Beitrag in der Zeitschrift Punkt und Kreis, eine Ausstellung im eigenen Hotel zum Thema „Ovelgönne, das inklusive Dorf“. Ein schöner Anlass, sich zum 500sten doch mal selbst zu feiern, oder?

Anne Mareike Wieters

Was so einige BewohnerInnen der Ovelgönner Mühle zu ihrem Dorf sagen:

Jo Wieben, 19 Jahre, lebt seit 2012 in Ovelgönne: „ Ich mag die Feste hier im Dorf. Wenn die Leute mich auf dem Pferdemarkt grüßen, finde ich das gut. Wenn ich hierher komme, spüre ich Freiheit in mir!“

Carola Nowacki, 39 Jahre, lebt seit 1990 in Ovelgönne: „Ich finde es gut, dass Sandra Peters Geld verdienen kann, wenn wir bei ihr einkaufen!“

Thorsten Abbinghoff, 45 Jahre, lebt seit 1990 in Ovelgönne: „Das muss ich in meinem Herzen spüren, ob die Leute gut und nett sind. Ja, ich lebe gerne hier.“

Adriana Genrich, lebt seit 2011 in Ovelgönne:

„Ich fühle mich sehr gut hier. Ich fühle mich ganz normal und am besten finde ich das Tanzen. Da sind Menschen mit und ohne Behinderungen, aber das macht nichts.“

Lara Piper, lebt seit 2011 in Ovelgönne:

„Ich fahr mit dem Fahrrad alleine zur Sprache (Logopädie) und dann noch zu Spar und kauf Süßigkeiten. Das geht gut.“

Fotos: Anne Mareike Wieters

 

www.ovelgoenner-muehle.de