Das Selbstverständliche denkbar machen:

Wirtschaftsdiktatur überwinden

Immer mehr Menschen empfinden ein Unbehagen über die gesellschaftlichen Strukturen oder leiden erheblich unter ihnen. Diese Strukturen sind weder neu noch kapitalistische Anomalien. Sie sind das Kennzeichen der alltäglichen Wirtschaftsdiktatur, einer Wirtschaft, die die Tendenz hat, alles zur Ware zu machen. Ihre Regeln beherrschen zunehmend ein von ihr abhängig gewordenes Rechts- und Kulturleben und zerstören damit lebenswerte soziale Verhältnisse. Uns wurde sogar gesagt, wir bräuchten eine „marktkonforme Demokratie“.

Noch immer behandeln wir zum Beispiel die menschliche Arbeitskraft wie eine Ware. Der Begriff „Arbeitsmarkt“ ist schon deshalb pervers, weil die Arbeitskraft untrennbar mit unserem Wesen verbunden ist. Die heutigen Rechtsverhältnisse behaupten vielfach: Du arbeitest für dein Einkommen, für dich. Man spricht von „Erwerbsarbeit“. Betrachten wir die Wirklichkeit, ist Einkommen aber keine Gegenleistung oder Folge (Lohn) der eigenen Arbeit: Man versuche einmal ernsthaft, den Wert zu bestimmen. Das Einkommen, das wir uns gegenseitig geben, ist heute die Voraussetzung dafür, überhaupt leben, Fähigkeiten arbeitsteilig für andere Menschen einbringen und zukünftig neue Fähigkeiten und Ideen entwickeln zu können.

Immer mehr erwacht ein Bewusstsein dafür, dass die Verhältnisse nie alternativlos sind. Sie haben sich nicht selbst erschaffen. Soziale Strukturen werden immer von Menschen gemacht, sie entspringen unseren Gedanken. Stets sind wir beteiligt und damit verantwortlich für die heutige und zukünftige Welt.

Menschen ändern sich und gestalten auch die zwischenmenschlichen Verhältnisse immer wieder neu.

Neugestaltung braucht Bewegung. So entsteht beim Widerstand gegen das Immobilienprojekt „Stuttgart 21“ viel Ermutigendes, weil es hier seit Jahren auch um elementare Fragen des sozialen Miteinanders geht. „Stuttgart 21“ als eines der Symbole der Wirtschaftsdiktatur ist überall. Der enge Rahmen, in dem bisher konkrete Forderungen als realistisch gelten, wird beispielhaft anhand der Occupy-Bewegung deutlich. Viele Menschen ahnen zugleich, dass es nicht mehr allein um Korrekturen, wie beispielsweise steuerliches Umverteilen, geht. Um menschenwürdig miteinander leben zu können, müssen wir Strukturen offenbar viel grundlegender verändern.

Ein Mitbürger meint, Wirtschaftswachstum sei notwendig. Und er hält bestimmte Folgen des demografischen Wandels innerhalb unserer Landesgrenzen für das zentrale Zukunftsproblem, ungeachtet oft rasant steigender Produktivität. Vielleicht kann er sich grundlegend veränderte Verhältnisse nicht vorstellen. Ein anderer hält legales und legitimes Handeln heute für identisch, weil er aus Gewohnheit einem Rechtsstaat vertraut. So mancher beschreibt soziale Erscheinungen, spricht aber von Sachzwängen. Er versteht soziale Zusammenhänge wie Naturgesetze, stellt in dieser Weise auch Behauptungen über die Zukunft auf und übersieht dabei den schöpferischen Menschen.

Fragen wir doch einmal hinsichtlich unserer wohl elementaren Interessen: Gewähren wir uns gegenseitig den gewünschten Freiheitsraum im Denken, im Gespräch, für Initiative? Betrachten wir einander bei Vereinbarungen, in Gesetzen als mündig und gleichwertig? Lassen wir uns in der Wirtschaft von den Bedürfnissen unserer Mitmenschen leiten?

Intuitiv entwickeln wir im konkreten Handeln Ideen, welche Richtung wir den Dingen geben, wie wir etwas neu einrichten oder eine Einrichtung verändern können. Im Sozialen ist nichts vorherbestimmt! Es gibt keine allgemeingültigen Modelle. Man kann oft auf lebendige selbstverwaltete Projekte hinweisen und jederzeit mit einfachen Fragen Anregungen geben: Wie sichern wir beispielsweise einander materiell das Recht auf Menschenwürde? Wofür und unter welchen Bedingungen wollen wir die natürlichen Grundlagen nutzen, inwiefern kann Boden Eigentum sein? Behandeln wir Unternehmen, Leihgeld und Wissen weiterhin als Waren und dulden sie so als käufliche Machtmittel? Stellen wir „Kapital“ jeweils denjenigen zur Verfügung, die durch ihre Verwaltungsfähigkeiten der Gemeinschaft am besten dienen? Was bedeutet es, dass Geld in völlig verschiedenen Rollen, als Kauf-, Leih- und Schenkgeld, auftritt? Wie können wir diese Aufgaben und Ströme sichtbar machen und entflechten?

Längerfristig gibt es keine Autoritäten („die da oben“ in ihrer Funktion, Gedankensysteme, Einrichtungen und deren Mechanismen), die nicht von Menschen akzeptiert oder geduldet werden oder deren Anerkennung zumindest gegenseitig vermutet wird. Denken wir an das Märchen „Des Kaisers neue Kleider“. Und die Wirtschaft, eine Form menschlicher Tätigkeit neben anderen, ist kein Subjekt! Bei uns heute beruhen gesellschaftliche Machtstrukturen praktisch nur noch auf oft auch bloß behaupteten gemeinsamen Vorstellungen zu grundlegenden sozialen Fragen. Vor allem deshalb finden wir bei aktuellen Bürgerbewegungen tendenziell neue Merkmale und Möglichkeiten.

So streben viele Aktive an, keinen Menschen auszugrenzen: „Unabhängig von Meinung und Funktion respektieren wir unser Gegenüber.“ (Parkschützer-Aktionskonsens in Stuttgart) Man ist bemüht, sich nicht von Sprechern, Experten, Parteien oder Verbänden vertreten zu lassen: „Wir sind alle ganz allein hier!“ (Occupy). Über Gewaltlosigkeit und öffentliches Arbeiten besteht weitgehend Konsens. Die Bewegungen werden dezentraler, Ideenvielfalt kann man nicht wegräumen.

Wir brauchen unabhängige Informations-Medien. Und es wird wichtiger, die Interessen des Anderen mitzudenken: Zwei Freunde streiten sich um eine Walnuss (Baumnuss). Einer will den Kern essen, der andere Schiffchen basteln. Wenn sie nicht über ihre Absichten reden, haben sie völlig unnötig ein Problem und dann vielleicht eine zertrümmerte Nuss...

Um unerträgliche Zustände zu beenden oder auf akute Krisen zu reagieren, organisiert man eine möglichst starke Gegenmacht. Das kann notwendig sein. Für zukunftswirksame Neugestaltungen geht es eher um Machtabbau, miteinander und gleichzeitig, vielleicht sogar humorvoll. Mit inhaltlicher Substanz machen wir Lügen und Propaganda, viele Geheimnisse und taktische Tricks im Sozialen überflüssig. Erkanntes sollte innerlich bewegt und praktisch in die Welt getragen werden. Grundlage unseres Handelns können dabei statt Loyalitäts- oder Oppositions-Abhängigkeiten zunehmend freie, verantwortliche Entscheidungen sein.

Machen wir uns im Sozialen entscheidungsfähig: Entwickeln wir unsere Bewusstseinsqualitäten im Alltag, ermöglichen wir von Wirtschaftsunternehmen und Staat inhaltlich und organisatorisch unabhängige Bildung, Forschung und Kunst! Es bestehe eine Tragik darin, wenn Menschen ihre Ideale verlieren, weil sie „die Unerträglichkeit der heutigen Verhältnisse für das Eigentliche halten und das Selbstverständliche für undenkbar“, formulierte Gerald Häfner 2009 in einem beachtenswerten Vortrag. Werden wir so willensstark, unsere Verhältnisse, Regeln und Einrichtungen aktiv und freudig zu gestalten, statt unser Leben von ihnen bestimmen zu lassen!

Ingo Mäder

Erschienen in: Sozialimpulse Nr. 2/13 -

www.sozialimpulse.de