Interview mit Celia Schönstedt

Die Empfehlung geben Ärzte, die Entscheidung fällen die Eltern

Drei Waldorfschulen in Deutschland schlossen wegen Masernfällen vor den Sommerferien ihre Tore. Dass wie vor drei Jahren Waldorfeltern als Impfverweigerer disqualifiziert wurden, konnte durch Vorarbeit der Verbände und Aufmerksamkeit der Schulen verhindert werden.

Goetheanum: Wie wurde das Masernthema erneut virulent?

Celia Schönstedt: Es fing mit der Waldorfschule Erftstadt bei Köln an. Dort tauchten die ersten Masernfälle auf. Eine 16 jährige Schülerin hatte sich in München angesteckt und dann über Geschwister und Klassenkameraden die Krankheit weitergereicht. Als es mehr Fälle wurden, fand eine enge Abstimmung mit dem Gesundheitsamt statt. Zwar darf das Gesundheitsamt eine Einrichtung bei Masernfällen nach deutschem Recht nicht zur Schließung zwingen, aber es spricht deutliche Empfehlungen aus. Die Schule wollte selbstverständlich die guten Beziehungen zu den Gesundheitsbehörden nicht belasten und folgte dem Rat. Nach Wiederöffnung durften dann erstmal nur die Kollegen und Schüler die Schule betreten, die einen Immunstatus nachweisen konnten (entweder durch Impfung oder durch Blutuntersuchung mit Titerbestimmung).

Und dann sprang der Funke zu den Medien über?

Schönstedt: Es entfaltete sich sofort eine hohe mediale Aufmerksamkeit. Matthias Nantke, Geschäftsführer der Waldorfschule, hatte alle Hände voll zu tun mit Medienanfragen von WDR, über Stern TV und Deutschlandradio bis hin zu vielen Lokalzeitungen und Rundfunksendern. Für manche Redaktionen war es willkommenes Thema in der Zeit des Sommerlochs.

Wie arbeiten einzelne Schulen und der Bund der Freien Waldorfschulen in solch einem Krisenfall zusammen?

Schönstedt:Die betroffene Waldorfschule und wir von der Pressestelle inklusive Vorstand im Bund der Freien Waldorfschulen waren in engem Kontakt. Das muss in solchen Fällen sehr schnell gehen. Auch mit dem DAMiD (Dachverband Anthroposophische Medizin in Deutschland) stand ich in ständigem Austausch und verwies ebenso auf die Materialien der GAÄD (Gesellschaft Anthroposophischer Ärzte in Deutschland) Wieder zeigte sich, wie wichtig inhaltliche und organisatorische Vorarbeit ist.

Das bedeutet, diesmal lief es ‹besser› als bei der letzten Erkrankungswelle 2010?

Schönstedt: Auf jeden Fall. Die klare Aussage in der Presseerklärung des Bundes der Freien Waldorfschulen, dass es beim Impfen um eine medizinische Fragestellung geht, die Impfberatung also von Haus- und Schulärzten erfolgen sollte, die freie Impfentscheidung jedoch von den Eltern, zitierten zahlreiche Medien kommentarlos. Als im WDR eine Schulmutter interviewt wurde und schilderte, dass sie ihre drei Kinder nicht geimpft habe, machte sie doch einen außerordentlich verantwortungsvollen Eindruck in dem Gespräch, sodass ihre Entscheidung in der Sendung respektiert wurde. Eine falsche Zahl, nach der an der Waldorfschule nur 25% der Schülerinnen und Schüler geimpft seien, wurde allerdings von einigen Zeitungen wie Zeit-Online weitergetragen, obwohl wir diese Falschmeldung schnell korrigiert haben. 53% sind an der Schule geimpft also gut doppelt so viel, wie in den Medien verbreitet wurde.

Wie ist es mit dem Vorwurf von Impfpartys?

Schönstedt: Es hat sich herausgestellt, dass dieser Vorwurf aus der Luft gegriffen ist. Nirgends gab es Anhaltspunkte dafür, dass Eltern eine Ansteckung bewusst herbeiführen wollen. Deshalb bin ich dankbar, dass das kein Journalist diesmal behauptet hat.

Wie weiter, ist das Thema ausgestanden?

Schönstedt: Das Thema Masern wird immer mal wieder eine Rolle spielen. In Zukunft sollte die Diskussion sich endgültig in den medizinischen Bereich verlagern, also zum DAMiD und der GAÄD. Wir werden weiterhin für freie Impfentscheidung eintreten, die nur auf fundierter ärztlicher Beratung beruhen kann. Es gibt Fachleute, die schildern, dass sich der Masernvirus, auch weil er seit 20 Jahren zurückgedrängt wird, verändert habe, er sei aggressiver geworden. Das gilt es auch ernst zu nehmen.

Die Fragen stellte Wolfgang Held

Erschienen in: Das Goetheanum Wochenschrift für Anthroposophie  Nr. 33-34, 17.8.2013.

Mit freundlicher Genehmigung von Celia Schönstedt vom Bund der Freien Waldorfschulen.