Erzählte Kommunikation

250 Medienschaffende erweiterten ihre Fähigkeiten auf der Fachtagung für Kommunikation ‹öffentlich wirken› an der Rudolf-Steiner-Schule in Bochum-Langendreer.«Kommunikation gefährdet Ihre Gewohnheit.» So könnte der ‹Warnhinweis› für Öffentlichkeitsarbeit heißen. Sah Lukas Beckmann bei der Tagung ‹öffentlich wirken 2011› noch allgemein in der Öffentlichkeitsarbeit die Entscheidung, sich selbst verändern zu wollen, wurden diesmal zwei konkrete ‹Nebenwirkungen› genannt: Durch gelebte Kommunikation stellen sich Machtfragen in einem Unternehmen neu, so Christoph Hardt (Interne Kommunikation Siemens). Aus dem Ziel, dass der Mensch seine Autonomie entfaltet, leitete der Künstler Johannes Stüttgen ab, dass man «von Regierungen unabhängig» werde. Vor dieser Konsequenz könne man erschrecken, so Stüttgen, denn noch wisse und verstehe man nicht, was an deren Stelle komme. 

Herausbildung des eigenen Willens

+A12_8 foto 2.psd
Tafelbild von Johannes Stüttgen

Befassten sich 2011 180 Medienschaffende aus anthroposophischen Institutionen mit Öffentlichkeitsarbeit, gingen diesmal rund 250 auch spezielleren Fragestellungen wie Kameratraining, Bewegtbildkommunikation und Recht am Bild nach und befassten sich mit anthroposophischen Grundlagen der Kommunikation. Stärker vertreten waren politisch Aktive. Die Präsidentin des Landtags von Nordrhein-Westfalen, Carina Gödecke, hatte die Schirmherrschaft und eine Arbeitsgruppe übernommen, und die Bochumer Oberbürgermeisterin Ottilie Scholz steuerte ein Grußwort im Programmheft bei. Gädecke formulierte zu Beginn einen die Tagung prägenden Gedanken: Wenn man eine Aufgabe übernommen hat und das Rüstzeug beherrscht, bedürfe es zumindest in der politischen Kommunikation noch Vertrauen und Transparenz. Vertrauen müsse man sich erarbeiten, für Transparenz sei «eine ganze Menge zu tun». Allerdings sei Transparanz keine «Einbahnstraße» sie setze voraus, von der anderen Seite aufgenommen zu werden. Wie erreicht man aber die anderen, wenn sie sich «ins Private» zurückziehen (Johannes Stüttgen) oder sich in ihrer «Burg einmauern» (Udo Herrmannstorfer)? Indem man sich zeigt und Interesse am anderen hat! Kommunikation macht sichtbar und bringt ins Licht, was geschieht; dadurch wird es bewusst und strömt ins Leben. Wie Medienexperte Christoph Fasel hob Wolfgang Held die Bedeutung des Erzählens hervor. Der Mythos berühre noch heute den ganzen Menschen: Es gehe um Wahres statt Wirkliches, also nicht um Berichten, was ist, sondern um Darstellen dessen, was hinter den Ereignissen liegt; um das Individuum statt um den Typus, um  Lebensvollzüge statt Antworten. Das Herz sei aber heute über den Kopf anzusprechen. Üben könne man all dies, indem man mythische Situationen im Alltag entdeckt und nicht von sich aus begeistert, sondern mit Blick auf die anderen begeisternd spricht. Gelingende Kommunikation ist nüchtern, sachlich und geschieht aus innerer Distanz. Wolfgang Held hatte damit den Umraum der Tagung umrissen: Auf den Mythos bauende Kommunikation hat keine vordergründigen Absichten. Sie baut darauf, dass sich eigene Willensimpulse in Freiheit herausbilden. Ein hehres Ziel. 

Dass wir aufrecht gehen

+-A12_8 foto 1.psd
Medienformen Talkshow: Friedrich Glasl, Claudine Nierth, Henning Kullak-Ublick, Michelle Müntefering, Georg Clemens Dick und Annette Bopp (v.l.n.r.)

Johannes Stüttgen stellte dieses Ziel ins Zentrum und wirkte selbst als Mythos, als er durch seine Art der Darstellung Sinnhaftes performancegleich ins Erleben brachte. Mit Selbstironie wies er auf die Bedeutung des Vergessens hin: «Nach zwei Tagen werden Sie vergessen haben, was ich jetzt zu Beginn der Tagung ausführe.» Nicht ohne Hintersinn ergänzte er: Wenn die Inhalte im Schlaf in eine tiefere Seelenschicht sinken und gereift wieder ins Bewusstsein aufsteigen, wird der Inhalt zum Motiv des Handelns. (Stüttgen behandelte nicht die Gefahr, auf diesem Weg durch in der Tiefe wirkende Inhalte manipuliert zu werden.) Während man in der Kommunikation üblicherweise aus der Ebene der individuellen und kollektiven Vorstellungen und Gewohnheiten schöpfe, öffne man sich mit der Bereitschaft, zu wissen, was man noch nicht weiß, dem Neuen. In dieser Freiheitssphäre vollzieht sich das Denken in Begriffen. Um sich dazu zu befähigen, bedürfe es eines Selbstbewusstseins, das vom Herzen ausgeht und den Kopf braucht, damit das, was das Herz empfangen hat, begriffen werden kann. «Künstlerische Kommunikation tut alles dafür, dass wir eine soziale Plastik erzeugen», war Stüttgens Botschaft. Vor diesem Hintergrund fiel der eingangs zitierte Satz:  «Wir müssen alles tun, um von Regierungen unabhängig zu werden. Sie sind falsch geworden.» Humorvoll wies Stüttgen auf diese Aufgabe hin: «Was meint ihr, was Frösche und Elefanten von uns erwarten? Dass wir aufrecht stehen.» Und: «Niemand kann das allein schaffen.» Kommunikation ist Ereignis im Sozialen.Der Unternehmensberater Udo Herrmannstorfer (‹Wege zur Qualität›) sprach über dieses Dazwischen. Wirtschaft werde als Karrieresysten missverstanden, Erfolg über Bilanzen definiert. Gerade in der «Nichtökonomie» sei das kein geeigneter Ansatz. Mit Blick auf die Schule gehe es darum, vorwärtszublicken. «Haben wir mit dem Kapital gewuchert und es nicht nur aufbewahrt?», fragte Herrmannstorfer auffordernd. Was an der Schule vermittelt wurde, ströme mit dem erwachsen gewordenen Schüler ins Leben, wirke nach übers Leben hinaus. Um die ‹Sozialbilanz› sichtbar zu machen, empfahl er, nicht nur aus den Einrichtungen zu berichten, sondern Formen zu schaffen, durch die man ins Erleben kommt, durch die man sich beteiligen und Verantwortung übernehmen kann.  

Erwartungen in der Kommunikation

Die Professorin für Markenbildung Verena König war eingeladen, darzustellen, inwieweit ‹Waldorf› eine Marke ist. Ihre Antwort: Ja, die Waldorfschule ist das Original (freier Schulen), habe sie doch einen eigenen pädagogischen Ansatz. Gemäß der klassischen Lehre sei die Vielfalt in den einzelnen Waldorf-Markenbildern (Schrift, Logos) «nicht zulässig». Dieser Auftritt entspreche jedoch den Identitätsmerkmalen ‹Freiheit› und ‹Vielfalt›. Auch die Erwartungen fallen recht verschieden aus, etwa Waldorf als Statussymbol, als Garant, dass die Kinder lernen, Verantwortung für sich selbst und andere zu übernehmen, oder als Angebot für Eltern, bei der Erziehung zu helfen. Auf Nachfrage bekräftigte König: «Waldorf ist eine Marke; ob Waldorf eine Marke braucht, weiß ich nicht.»

Erwartungen in der Kommunikation sprach Georg Clemens Dick an, vormaliger Pressesprecher der Grünen und des damaligen deutschen Außenministers Joschka Fischer sowie pensionierter Diplomat: Sie prägen Äußerung und Rezeption. Dick beschrieb seine Partei in ihrer Pionierzeit als Sammelbecken neuer sozialer Bewegungen höchst unterschiedlicher politischer Grundüberzeugungen. «Je weltanschaulicher Ziele begründet werden», so Dick, «desto schwieriger wird, dass sie verlassen werden können.» Macht das Wahlergebnis Koalitionen (und damit Kompromisse) nötig, wird, so Dick, das Sicheinlassen auf die reale Situation als Bruch von Versprechen empfunden. Damit verblüffte er ungewollt mit einer Ähnlichkeit zwischen der Partei Die Grünen in Deutschland und der anthroposophischen Bewegung.Aus mancher Arbeitsgruppe war zu hören, dass die Teilnehmenden ihre Not artikulierten, die sie mit der Aufgabe der Öffentlichkeitsarbeit haben. ‹öffentlich wirken› hat sich als Forum etabliert, das diese Not aufgreift und zur Fähigkeitsbildung anregt. 

Sebastian Jüngel

Weitere Informationen und Kontakt via: www.öffentlich-wirken.de

 

Fotos: öffentlich wirken/Harald Thon

Erschienen in: Das Goetheanum Wochenschrift für Anthroposophie  Nr. 45, 09.11.2013