Eurythmie in Thailand

Ein Bericht des Heileurythmisten Chanok Pinsuwan und seiner Frau Katja Pinsuwan, Eurythmielehrerin. Dr. Jitprapa, eine leitenden Dozentin für den Fachbereich Heilpädagogik an der medizinischen Hochschule „Mahidol Universität“ hatte beide nach Thailand eingeladen.

Durch vorherige Kontakte ermutigt, organisierte Frau Dr. Djittprapa eine kleine Tournee mit dem Ziel, an neuen Orten die Waldorfpädagogik, die Eurythmie und Heileurythmie bekannt zu machen und bestehende Verbindungen zu intensivieren.

An dieser Stelle erfolgt ein kurzer Bericht. Die erste Station war die Waldorfschule in Chiangmai im Norden Thailands. Sie wird bisher bis zur dritten Klasse geführt, ein Kindergarten gehört dazu. Ein Elterntreffen, bei dem weitere Kräfte und Gelder für den Bau und Umzug in ein größeres Gebäude mobilisiert werden sollten, wurde mit gemeinsamer Eurythmie eröffnet und beendet. Mit viel Einsatz und einer großen Geduld arbeiteten die Gründungslehrer mit den Anwesenden an allen anstehenden Aufgaben und Fragen. Es konnte in den Folgetagen erlebt werden, dass alle hier Tätigen mit den Kindern und an ihnen wachsen wollen. Es geschieht jedoch immer mal wieder, dass eine Lehrerin oder Kindergärtnerin von jetzt auf gleich die Arbeit aus privaten, das bedeutet häufig finanziellen Gründen, quittieren muss. Schnellstens wird dann umorganisiert und müssen Aufgaben auf weniger Schultern verteilt werden. Neben engagierten und interessierten Eltern gibt es nicht wenige, die mit der Verantwortung der Elternschaft überfordert sind. So passiert es, dass Kinder sehr verspätet (statt um 4 um 6 Uhr!) abgeholt werden. Manche Kinder, an staatlichen Einrichtungen überfordert, fanden gerade ihrer Verhaltensauffälligkeit wegen in diese noch sehr junge Schule. Khun Eh, eine Klassenlehrerin berichtet von Lern- und Entwicklungserfolgen, jedoch auch von einem immer wieder neu Suchen und Versuchen müssen. Insgesamt stellt sich damit auch die Frage nach der Kommunikation und Zusammenarbeit mit den Eltern. So bildet also Verschiedenstes eine enorme Herausforderung. Trotz alledem bleibt das Bild eines kleinen, doch sehr kraftvollen Keimes mit einem starken Zukunftspotential. Eurythmietherapeutisch wurden dort vier Schüler aus der dritten Klasse je 4x behandelt.

Ausbildungszentrum für Heilpädagogik

Ein heilpädagogisches, staatlich geführtes Ausbildungszentrum in Lamphun, welches u.a. auch Eltern in Betreuungs- und Erziehungsfragen begleitet, war die zweite Anlaufstelle. Dort wurde fünf Tage ganztägig mit 60 Heilpädagogen in zwei Gruppen gearbeitet. Die Gruppen hatten im Wechsel hygienische Eurythmie und Elemente aus der Eurythmietherapie, hier standen heilpädagogische Fragen im Vordergrund. Der zweite Block war eurythmisch- künstlerisch geprägt, Laut- und Toneurythmie fanden im Wechsel statt. Die Fantasie sollte angeregt, Freude an der Bewegung erlebt, ein genaues Hinhören sollte geübt, ein Miteinander ins Bewusstsein gehoben werden. Eine besondere Erfahrung für die Eurythmiedozenten war es, mit 8 gehörlosen Lehrern zu arbeiten. Die Voraussetzungen waren gut, zwei Dolmetscher standen zur Verfügung und diese, wie auch die Gehörlosen waren schon mit der Eurythmie vertraut. Die Rückmeldung für diesen ersten Kurs waren äußerst positiv. Der zunächst recht zurückhaltende leitende Direktor machte nicht nur bald jede Übung mit, sondern sprach eine schon für Dezember geltende Einladung aus, mit der Hoffnung, dass sich nach und nach ein vertiefendes Verständnis für die Heilpädagogik durch die waldorfpädagogische Menschenkunde und die tätig ausgeführte Eurythmie ergibt.

Freude an den eigenen Kräfte vermitteln

Die nächste Fahrt führte nach St. Gabriel in Chomtong, einem abgelegenen, von einem katholischen Priester, Seminaristen und Schwestern gepflegter Ort, an dem Kaffee angebaut wird. Die Schutzbefohlenen dieser Einrichtung sind Burmesen, die auf Grund politischer und religiöser Verfolgung Burma verlassen haben. Außerdem finden sogenannte Staatenlose aus dem Grenzbereich hier Unterkunft. Etwas entfernt liegt in einem unwegsamen Gebiet ein weiterer Trakt, wo Drogenabhängige betreut werden. In der erstbeschriebenen Anlage werden alle anstehenden Aufgaben miteinander bewältigt, gemeinsame Gottesdienste und Mahlzeiten bilden ein selbstverständliches familiäres Zusammensein. Die hier lebenden Jugendlichen und jungen Erwachsenen strahlen eine, dem vielleicht schon leidvoll Erlebten entgegen trotzende Lebensfreude aus. Die Ausübung des Religiösen mit vielen Liedern und Momenten der Stille stärken das Zusammenhaltgebende. Hier hatte die Eurythmie zur Aufgabe, dem ausführenden jungen Menschen Freude an den eigenen Kräften zu vermitteln. Neben diesem Sich-Entfalten sollte es aber auch um ein Finden von mehr Präsenz und Präzision gehen. Mit Freude an der Herausforderung wurden anspruchsvolle Bewegungsabläufe möglich. Die Tage gingen mit gegenseitigem Interesse, Austausch über das Zeitgeschehen und viel Lachen rasch vorbei.

Ipad für jedes Schulkind

Die nächste Station war Khongaen, eine Universitätsstadt in Mittelthailand im Isaan. Die Einladung war von Dr. Pattrawut, Chefarzt an der Universitaetsklinik und seiner Frau, Leiterin einer Musikschule ausgesprochen worden. Zu dem dreitägigen Seminar wurden wiederum 60 Lehrer erwartet. Stattgefunden hat die Veranstaltung in den Räumen einer staatlichen Schule mit 3000 Schülern. Die Gebäude wirken vernachlässigt, entbehren jeder Schönheit und sind nur funktional geprägt. Ein ständiger Lärmpegel und die große Hitze machten das Arbeiten zu einer Herausforderung. Der Blick wurde auf die Heilpädagogik, im besonderen auf den Autismus gerichtet. Außerdem wurde mit Besorgnis von der Beobachtung der zunehmenden Konzentrationsschwierigkeiten der Kinder und dem sogenannten Pilotprojekt des thailändischen Staatsschulwesens erzählt. Dieses Projekt versieht jedes thailändische Schulkind seit diesem Jahr mit einem iPad. Die allgegenwärtige Präsenz der Medien ist überhaupt sehr auffällig. Kleinste Kinder (unter 3) werden den Bilder- und Klangfluten ohne Zeitmaß ausgesetzt. Jetzt hält dieses Element zur vermeintlichen Förderung Einzug in das sowieso schon fantasie- und lebensarme Schulwesen. Mit einem gequälten Lächeln teilte eine Lehrerin mit, dass schon Kindergartenkinder Nachhilfe bekämen. Die Schulen stehen unter enormem Konkurrenzdruck. Maßstab sind messbare Erfolge, wie die spätere Aufnahme der eigenen Schüler in eine namhafte weiterführende Schule oder andere Bildungseinrichtungen. Die Arbeit hier ging sehr flott voran, die ernsten Fragen schufen eine konzentrierte und nach Antwort suchende Atmosphäre. Am letzten Tag fuhr eine kleine Gruppe der Lehrer mit zum Besuch der Waldorfschule in Khonkaen. Die bis zur zweiten Klasse geführte Schule wird in verantwortlicher und weitsichtiger Weise von Khun Yung aufgebaut. Das Gelände besticht durchgroßzügige Spielbereiche und Weite. Ein angenehmer Wind macht die hohen Temperaturen gut aushaltbar. Ganz anders ist es in den Häuserschluchten, wo sich die Hitze ballt und kaum schattengebendes Grün gegeben ist. Alle Anwesenden waren von der Begegnung mit der Schule und dem lebensspendenden, natürlichen Umfeld für die Kinder angetan.

Sparmaßnahmen - trotzdem auf das einzelne Kind blicken

Eine weitere Station war Mahasarakham. Hier fand die Arbeit an der Universität im Fachbereich Heilpädagogik u.a. in einem fensterlosen, Neonlicht bestrahlten Raum mit überlauter Aircondition statt. Die herbeizitierten Lehrer und eine weitere Gruppe von Studenten, die teilweise sehr verspätet eintrafen, wussten überhaupt nicht, was für ein Kurs sie erwartet. Da die Eröffnungsveranstaltung mangels Anwesenheit ausfiel und jegliche Vorinformation fehlte, hatte der Arbeitsanfang leicht skurrile Züge. Räume mussten frei gemacht, zur gemeinsamen Bewegung aufgefordert werden. Doch auch hier konnte in den gegeben fünf Tagen Gutes entstehen. Es stand das unmittelbare Erleben im Vordergrund. Sensibilisierung für die Sprache, die Bewusstmachung der Bedeutung der Sprache als pädagogisches Instrument wurden berührt und an Beispielen nachzuvollziehen versucht. Während des Seminars teilte Dr. Djittprapa die eben eingetroffene Nachricht mit, dass durch die vermehrten Ausgaben im „normalen“ Schulwesen, u.a. wegen der zig- Millionen für das iPad-Projekt, nun Gelder im heilpädagogischen Bildungsbereich eingespart werden sollen. So bekam das Bemühen, das Selbstbewusstsein der Heilpädagogen und der Studenten zu stärken, eine besondere Aktualität: Gerade in der Heilpädagogik lebt ein erweiterter Pädagogikbegriff, in welchem ein Blicken auf das einzelne Kind impliziert ist. Das rein veräußerte, nur auf Erfolg und engen Vorgaben basierende Staatsschulwesen bedarf dringendst der Aufklärung und Anregung durch die näher am Kind arbeitenden Heilpädagogen. Die Konfrontation der Lehrer und Studenten mit Problemen des Zeitgeschehens wirkte aufweckend. So war es sehr eindrucksvoll, dass gerade nach dem etwas verschlafenen Anfang eine sehr bewegte Abschlussveranstaltung mit Darbietungen aus der eurythmischen Arbeit und regen Kommentaren einzelner Teilnehmer stand. Auch hier wird ein Wiederkommen gewünscht.

Heileurythmie in Bangkok

In Bangkok wurde dann abschließend die Tonrak Schule besucht. Seit sechs Jahren wird dort heilpädagogisch gearbeitet. Es gab mit manchen der Lehrer und den Schülern eine große Wiedersehensfreude. Die Schüler gaben Lieder passend zur Jahreszeit zum besten. Ein, in der Vergangenheit angelegtes Stück konnte wieder in Erinnerung geholt und eurythmisch gemeinsam ausgeführt werden. Diese kleine Schule ist von den Überschwemmungen der letzten Zeit schwer getroffen worden. Ein neu gekauftes Stück Land sollte den Heranwachsenden landwirtschaftliche Tätigkeit, und damit weitere Perspektiven ermöglichen. Diese Hoffnung ist erst einmal zerschlagen und die daraus resultierenden Geldnöte sind noch nicht aufgefangen. Die Elternschaft und der Vorstand beweisen jedoch Durchhaltewillen. So konnte uns schon von einem neuen Vorhaben und der Bemühung um Begleichung berichtet werden. An allen Stationen wurde heileurythmisch gearbeitet. Diese Arbeit verdiente einen eigenen längeren Bericht. Hier soll nur erzählt werden, dass in Lamphun und Mahasarakham Lehrer und Studenten mit großem Interesse dass therapeutische Geschehen verfolgten und durch abgedunkelte Fenster Einblick nahmen. Wer die Kinder kannte, staunte nicht wenig, wenn beispielsweise bei einem schwerst spastisch und geistig behinderten Mädchen zum ersten Mal eine geführte Bewegung möglich wurde.

Eurythmie als Volkspädagogik

Die Arbeit in Thailand basierte hauptsächlich auf der Eurythmie. Die Erfahrung zeigte, dass alle Fragen der Gegenwart in eurythmischen Prozessen bewegt werden konnten. Die Eurythmie wurde so zu einem volkspädagogischen und für uns immer wieder zum Selbsterziehungsinstrument. Das, was an Verarmung durch die allgegenwärtige Präsenz der Medien und Technik geschieht, nämlich Einschränkung bis hin zum Verlust der freien Bewegung und Begegnung, Verarmung der Sprache und Fantasiekräfte, mangelndes Nachvollziehen von komplexen Prozessen, all dies wurde neu erfahrbar. Die Teilnehmer zeigten sich aufgeschlossen, hatten durchweg Freude an und enorme Fähigkeiten zur eurythmischen Bewegung. Dass diese Tätigkeit fortgesetzt werden will, versteht sich aus sich selbst heraus. So besteht das Anliegen zweimal im Jahr für einige Wochen nach Thailand zu reisen. Jeweils am Vorherigen anknüpfend soll die Arbeit vertieft werden. Auf weite Sicht wird es darum gehen, ein Curriculum aufzustellen, welches Elemente einer waldorfpädagogischen, heilpädagogischen und eurythmischen Ausbildung beinhaltet.

Katja und Chanok Pinsuwan

Katja Krapp-Pinsuwan, 1965 in Hamburg geboren. Studium der Eurythmie in Hamburg. Berufsbegleitend den MA of arts in Eurythmiepädagogik in Alfter/Bonn erworben. Seit 11 Jahren an der RSS-Siegen als Eurythmielehrerin tätig.

Chanok Pinsuwan, 1960 in Bangkok geboren.Studium der Eurythmie in Hamburg. Heilpädagogische Fachlehrerausbildung in Witten. MA of arts in Eurythmietherapie. Tätig als freischaffender Eurythmietherapeut.