Mit der Kraft des Wortes

Zum Tod des Denkers, Redners und Kämpfers Walter Jens 

Jetzt wird ein Feuerwerk sein in der geistigen Welt. Walter Jens ist tot und zieht ein ins Übersinnliche. Darin hat er auch im Bewusstsein sein langes Erdenleben verbracht: ganz und gar im Wort stehend. Ein Leben wie ein Kunstwerk, er hat alles durchgemacht und mitgemacht, was an Zeitbezügen des letzten Jahrhunderts möglich war in besonderer Weise fokussieren sich Vergangenheit und Zukunft in seiner Biografie.

Beginnen wir mit dem Ende. Zehn Jahre dauerte der Sterbeprozess des schwer Demenzkranken, die Loslösung aus seinem Erdenleib. Über diese Zeit hat sein Sohn Tilman Jens mehrere Bücher geschrieben. Nachrichten an das Publikum, die eine Kontroverse auslösten. Diese Art Nachruf des Sohnes, bei Lebzeiten, könnte man als Menschenweihehandlung auffassen. Wenn in würdiger Weise durch Familienmitglieder der Lebensbericht weitergeschrieben  und aktualisiert wird. Für einen Wortmenschen, einen Rhetoriker, dessen Lebenswerk das Auskunftgeben darstellt. Stellvertretend also für ihn, die Stimme zu erheben. Nicht zur Sensationsbefriedigung, auch nicht um eine Legende, ein Denkmal zu installieren, sondern aus schicksalhafter Teilhabe, aus buchstäblichem Mitleid. Wir verdanken diesen Beschreibungen des Sohnes neue Vorstellungsbildungen. Ganz im Sinne des bekannten Dreischritts aus der Philosophie der Freiheit. Mitleid und Liebe als Ergebnis tätiger Vorstellungskraft, die als verursachend so geübt werden kann, dass sie über ihre gewöhnliche Handhabe hinauswächst. Die mitleiderregende Person, wenn von ihr liebevoll berichtet wird, kann uns so weiterhelfen zu neuer Einsicht. In Walter Jens Fall ist es die Sache mit den Kaninchen, auf die wir zurückkommen.

Doch zuvor ein Einfall. Man stelle sich vor: Hölderlin wohnte heute in seinem Turm in Tübingen und wir würden zeitgleich Nachrichten von seinem Leben durch dessen Herbergsvater Scheiner erhalten. Hier erscheint ein Kulturthema der Zukunft: Öffentlichkeit und Geheimnis, Dichtung und Wahrheit, Verborgenheit und Authentizität. Die Frage: Wie berichtet man, wie schreibt und spricht man, ohne die Menschenwürde zu verletzen? Denn das Böse im Menschen will sich weiden am Übel, aber das Gute will doch mitleidig wissen vom andern. Menschengemäße Publizistik des Nachrichtenwesens, eine neue Aufgabe. Wie wird eine Beschreibung intim was sie im Intuitiven immer ist und lässt zugleich die beschriebene Persönlichkeit frei und unbelästigt. Nur wenn die Darstellung inspiriert ist von der Würde des Darzustellenden, kann es wahr sein, was sich dem Leser als Imagination vermittelt.

Damit kommen wir zum Kaninchen. Walter Jens hat beizeiten mit seiner Familie geklärt, was zu geschehen hat, wenn er nicht mehr Herr seiner Sinne und seines Bewusstseins ist. Für einen Geistesarbeiter ist dies eine existenzielle Identitätsfrage. Die Anweisung war klar: Wenn er jemals in einen Status der Unmündigkeit, ohne Selbstbewusstsein geriete, dann sollten sie ihm Hilfe zur Selbsttötung leisten. Die Familie versprach es. Schließlich war es so weit, dass die Demenzerkrankung ihn vollständig erfasst hatte. Da fragten ihn Frau und Sohn, ob er nun bereit sei, für das Sterben. Aber siehe da, er wollte es lieber noch ein wenig verschieben. Der schwer Verwirrte, nicht mehr Zurechnungsfähige, die nicht länger mündige, selbstverantwortliche Ichperson äußerte sich unmissverständlich: lieber nicht. Jetzt nicht, heute nicht, vielleicht später. Da beschlich Frau Inge und Sohn Tilman ein Zweifel, der immer stärker wurde, was die einst geäußerte Tötungsabsicht und den aktuellen Stand des freien Willens anging. Diese Zweifel kulminierten in einem wundervollen Anblick, einem poetischen Bild. Walter Jens litt lebenslang unter Asthma und war allergisch gegen Tierfell und -haar. Der seiner selbst bewusste Walter Jens bekam Erstickungsanfälle und musste sich von der Tierwelt fernhalten. Nicht so jedoch der Demenzkranke, dessen Welterfahrung sich unvermutet erweiterte. Sein Sohn beschreibt, wie der kranke Vater selig lächelnd vor dem Stall stand, zärtlich die Kaninchen streichelte und mit Möhren fütterte, ganz ohne Atemnot. Welch ein Unmensch müsste man sein, um die Person in diesem Bild umbringen zu wollen. Die Familie entschied sich, diese neue Freiheit im Lebensgefühl zu achten und sie ihrem eigenen bisherigen Begriff  hinzuzufügen. Sie töteten ihn nicht. So lebte er die letzten zehn Jahre von 80 bis 90 in zunehmender Dämmerung, sicher mit schweren Abbauprozessen, Schmerzen und Leid, aber doch getragen von Liebe und Fürsorge. Die wachen Geister seiner Angehörigen verfügten über genügend Fantasie, die sie als moralische Kraft zu den technischen Anwendungen hinzu brachten.

Da ist wiederum die Sache mit der Tür. Walter Jens war ein Verfechter der monogamen Beziehung, er und seine Frau waren rund 70 Jahre miteinander verheiratet. Sieben Jahrzehnte alltäglich geteiltes Leben und dazu das seltene Glück einer wunderbar erfüllten beiderseitigen Geistes- und Arbeitsbeziehung, beide waren Sprachmenschen. Solange sich der Kranke noch zu Hause bewegen konnte, lief er natürlich herum, ohne zu wissen, wo er sich gerade befand. Besonders die Treppe zwischen den Stockwerken stellte eine große Gefahr dar. Also brachte man  ihn im Erdgeschoss unter und versperrte das Treppenhaus. Frau Inge aber dachte sich und fühlte mit , wie es sein müsste, wenn man plötzlich als Geistwesen in seiner vertrauten Wohnung vor einer unbegreiflichen Wand stände da wo immer ein Weg gewesen war. Sie traute dem Verirrten die Wahrnehmung eigener Gewohnheit zu und brachte eine Schwungtür an, über die man hinüberblicken konnte. Dieser Einfall, die Einfühlung in den Zustand des anderen, ist ungeheuer logisch und tröstlich. So eingehend auf die Verwirrung, dass sie sich in diesem Eingang geradezu verstanden fühlen kann. Ein versperrter Weg geradezu der Inbegriff des Verwirrtseins und daher vielleicht ‹begreifbar› , aber zugleich die Aussicht ins Freie, das zeigt, dass es weiterexistiert und das als Gewissheit im Innern, ganz gewiss in einer Bildungsform als Erinnerung im verwirrten Geist vorliegt. So kann er sich imaginativ identifizieren, informieren und orientieren. Eine ätherische Tür, sie entstammt dem herzlichen Einfall der Liebe.

Der Rest des Artikels könnte Schweigen sein. Die puren Fakten lassen sich nachlesen. Es ist ein Leben wie aus der Goethezeit oder bei den Romantikern. So voll von humanistischer Bildung, so umfassend geglückt und menschlich erfüllt, die Einlösung aller klassischen Ideale, aller Lebensstoffe in geistige Schreibweise. Der große Rhetoriker Walter Jens, für den extra der Lehrstuhl an der Tübinger Uni eingerichtet wurde er verkörpert eine Zeit, die unwiderruflich vorüber ist. Wir stehen vor ihren Trümmern, so wie er damals vor denen des Zweiten Weltkriegs stand. Dazu sind zwei Anmerkungen zu machen. Die eine betrifft den Umstand, dass sich Walter Jens mit vollem Humanistenherzen der damalig neuesten technischen Entwicklung gewidmet hat, dass er Fernsehen und Presse, Politik  und öffentliche Rede nicht scheute. Er hat sich exponiert und eingemischt bis zum bekannten Beispiel der Mutlanger Sitzblockade gegen die Pershing- Raketen, wo er und seine Frau verhaftet wurden.

Das zweite betrifft die zeitgleich mit dem Ausbruch der Demenz veröffentlichte Karteikarte mit seiner Unterschrift zur Mitgliedschaft in der NSDAP. Dies brandmarkte fortan seine bis daher makellose Erscheinung als öffentliche Figur. Walter Jens konnte und wollte sich dazu nicht mehr angemessen äußern. Der Sohn Tilman vertritt die These, dass ein Zusammenhang besteht, zwischen lebensgeschichtlichen Traumata und demenziellen Erkrankungen, die durch die erzwungene Erinnerung ausgelöst werden. Das mag so sein oder nicht wesentlich ist es eine ganz anders gelagerte Frage. Es geht um den Schuldbegriff. An drei herausragenden Beispielen: Walter Jens, Günther Grass und Christa Wolf zeigt sich die gleiche Signatur. Ein zu Jugendzeiten unterschriebenes Stück Papier was sagt es? Was besagt es über die Lebenswirklichkeit der Betroffenen? Was es wirklich bedeutet, das entscheidet die Lesart des Augenblicks. Die Interpretation muss das gelebte Leben der Person berücksichtigen und sich darauf beziehen, sonst ist sie sinnlos. Das schwarz-auf-weiß Vorhandene auf dem Papier kann nicht isoliert gesehen werden als verdrängte, verschwiegene, verleugnete Tatsache als Weigerung zu bekennen und zu verantworten und damit als Zeugnis des banalen Bösen im Sinne Hannah Arendts; dies hieße sie missverstehen. 

Wenn eine Person nach so langer Lebenszeit mit einem solchen Fund konfrontiert wird, dann muss es ihr förmlich die Sprache verschlagen. Was soll sie sagen und per Lippenbekenntnis erläutern, wenn ihr gesamtes Leben nicht hinreicht als Beleg dafür, dass der Schnipsel Papier bedeutungslos und insofern gegenstandslos ist als Gesprächsgegenstand. Die Frage, warum die Person nicht früher darüber geredet hat, erübrigt sich ebenso, wenn man nicht die chinesische Kulturrevolutionspraxis des öffentlichen Bekennens wieder einführen will. Ein großer humanistischer Geist, der sein Leben in die Waagschale wirft, um das Wahrhaftige zu bezeugen wann hätte der Zeit … wie sollte es jemals der richtige Zeitpunkt sein, dieses Selbstzeugnis des gelebten Lebens vorzubringen als Beweis? Das wäre eitel, selbstgefällig und kleingeistig. Wenn einer unablässig zeugt, muss er dann noch darüber reden? Oder gilt Wittgenstein:  «Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen»? 

Ein großes Schweigen schwebt über der Erde da, wo Walter Jens’ intelligentes, irdisches Wort anwesend war. Nun steigt es auf in die Wolken. Dort wird es vernommen. Das Schweigen, aus dem die Worte kommen. Menschen können es hören, wenn sie guten Willens sind.

Jakob Grünzweig

Walter Jens starb am 9. Juni 2013.

Erschienen in: Das Goetheanum Wochenschrift für Anthroposophie  Nr. Nr. 27, 6.7.13