Reine Süße, weiße Weste?

Der Stevia-Süßstoff E 960

Eine süße Zutat, die keine Energie liefert, die Zähne nicht schädigt und einen natürlichen Ursprung hat, ach wäre das schön. Steviolglycoside, zugelassen als Süßstoff E 960, scheinen diesen Wunsch zu erfüllen. Wegen seines eigenwilligen Geschmacks wird der neue Süßstoff zwar oftmals in Mischung mit altbekannten Süßstoffen oder sogar Zucker eingesetzt. Hersteller, die ihre Produkte mit Steviolglycosiden süßen, dürfen zudem nicht mit dem Bild von Stevia-Blättern oder dem Hinweis auf Natürlichkeit werben. Dennoch gilt E 960 landläufig als „natürlicher Süßstoff“ und genießt einen guten Ruf. Darüber sprach Verbraucher konkret mit dem Stevia-Experten Dr. Udo Kienle.

Laura Gross: E 960, dem Süßstoff aus Stevia-Blättern, haftet die Aura der Natürlichkeit an. Immerhin wird er aus einer Pflanze gewonnen, die für ihre Süßkraft bekannt ist. Doch wo wird Stevia rebaudiana eigentlich angebaut?

Dr. Udo Kienle: Weit überwiegend in China. Dort erfolgt auch die Weiterverarbeitung zu E 960, das dann in Europa eingesetzt wird.

Aber entspricht dieses E 960 dann überhaupt den europäischen Standards für die Verarbeitung in Lebensmitteln?

Nach europäischem Recht muss E 960 zu 95 % aus Steviolglycosiden bestehen. Das können die Chinesen durchaus liefern. Problematisch sind vielmehr die Herstellungsbedingungen. Um aus den Stevia-Blättern annähernd reine Steviolglycoside zu gewinnen, sind eine Reihe sehr aufwändiger Verarbeitungsschritte nötig. Dabei entstehen große Mengen umweltschädlicher Abfallstoffe. Die müssten nach deutschen Standards als Sondermüll entsorgt werden. Was in China mit den Abfällen passiert, bleibt jedoch im Dunkeln.

E 960 ist zwar derzeit für Bio-Lebensmittel nicht zugelassen, in der Branche setzt man aber große Hoffnungen in den Einsatz von Stevia-Produkten. Gibt es ökologischen Stevia-Anbau?

Es gibt Hersteller von Stevia-Produkten in Indien, China und Paraguay, die auf Bio-Zertifikate verweisen. Dort ist es allerdings leicht, sich jede Art von Zertifikat zu beschaffen. Ich selbst kenne nur eine einzige verlässliche Quelle für Bio-Stevia und die ist aus Argentinien und wird über die Schweiz vertrieben. Ich halte es auch für unwahrscheinlich, dass Stevia in nennenswertem Umfang auf ökologische Weise angebaut wird. In den warmen Anbaugebieten der Pflanze kämpfen die Bauern nämlich mit so genannten ausdauernden Gräsern. Sie konkurrieren mit Stevia um Nahrung und Wasser und überwuchern die empfindliche Stevia-Pflanze innerhalb kürzester Zeit, wenn sie nicht konsequent unter Kontrolle gehalten werden. Im konventionellen Anbau geschieht das durch den Einsatz von Unkrautvernichtungsmitteln. Im ökologischen Anbau müssten die ausdauernden Gräser mechanisch aus dem Boden gehackt werden. Werden sie aber geteilt, vermehren sie sich umso stärker. Der Aufwand für die Bekämpfung der Unkräuter mit der Hacke wäre also gewaltig. Wir haben solche Arbeitsverfahren untersucht und kamen auf bis zu 1.200 Arbeitszeitstunden pro Hektar für Hackarbeiten. Das würde Bio-Stevia sehr, sehr teuer machen.

Eine Bio-Molkerei bietet aber Joghurt an, der mit Tee aus Bio-Stevia gesüßt sein soll.

Ja, das ist erstaunlich. Da sehe ich einen klaren Verstoß gegen geltendes Recht. Es ist nämlich derzeit in Europa verboten, Stevia-Bestandteile oder Produkte daraus in Lebensmitteln einzusetzen. Das gilt auch für Stevia-Tee. Nur Steviolglycoside, also E 960, sind zugelassen. Daher ist der Rechtsstreit, den dieser Anbieter gerade ausficht, auch noch nicht abgeschlossen. Zudem wäre es mit einem simplen Aufguss von Stevia-Blättern kaum möglich, ein Drittel des Zuckers in dem Joghurt einzusparen. Das aber behauptet der Anbieter. Und am Ende bleibt auch noch die Frage, woher das Bio-Stevia eigentlich stammen soll.

Es wäre an der Lebensmittelüberwachung, unzulässige Stevia-Produkte vom Markt zu nehmen. Da aber die (zu wenigen) Kontrolleure in aller Regel Dringenderes zu tun haben, finden Verbraucher immer wieder kleine Töpfe mit Stevia-Pflanzen im Handel. Können sie die Blätter dieser Pflanzen unbesorgt nutzen?

Grundsätzlich ist es so, dass auch die netten Stevia-Pflänzchen, die öfters mal angeboten werden, unter die Novel-Food-Verordnung fallen und also solche auch dann zugelassen werden müssten. Da das Heranziehen der Pflanzen in Gärtnereien unter Glas erfolgt, braucht sich niemand vor Rückständen von Pflanzenschutzmitteln fürchten. Allerdings sollte sich jeder Käufer darüber klar sein, dass diese Pflanzen in keiner Weise genormt oder kontrolliert sind. Es gibt derzeit viele verschiedene Varietäten der Stevia-Pflanze. Niemand, auch nicht die Gärtnerei, die da gesetzeswidrig einen Taler kassiert, weiß, woher die Samen oder Setzlinge kamen und durch welche Züchtungsmethoden sie entstanden. Zudem unterscheiden sich die verschiedenen Stevia-Varianten stark in ihren Inhaltsstoffen. Nicht alle sind so süß und manchmal sind auch Inhaltsstoffe enthalten, die man lieber nicht auf dem Teller hätte.

Das Interview führte Laura Gross

Dr. Udo Kienle ist Agrarwissenschaftler und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Hohenheim. Die Pflanze Stevia rebaudiana beschäftigt ihn seit inzwischen 30 Jahren. Er entwickelte Herstellungsverfahren für Steviolglycoside, forscht zum praktischen Einsatz von Stevia-Produkten in Lebensmitteln und untersucht, unter welchen Bedingungen sich die Pflanze auch in Europa anbauen ließe.

Das Interview führte Laura Gross.

Erschienen in: Verbraucher konkret 1/2013 - VERBRAUCHER INITIATIVE e.V. (www.verbraucher.org)