Landschaft ohne Bienen ist wie Schule ohne Phantasie

Eine durchgehende Einbeziehung elementarer Lebenstätigkeiten wie Land- und Gartenbau sowie der Hauswirtschaft ist das Ziel eines neuen pädagogischen Ansatzes auf der Basis der Waldorfpädagogik, den Dr. Peter Guttenhöfer vertritt. Guttenhöfer ist Waldorflehrer im Ruhestand und war Dozent am Seminar für Waldorfpädagogik in Kassel. NNA-Korrespondentin Cornelie Unger-Leistner hatte am Rande der ENASTE-Konferenz in Wien Gelegenheit ihn zum Thema zu befragen. ENASTE ist das Netzwerk der auf akademischer Basis tätigen Einrichtungen der Waldorflehrerbildung in Europa.

Herr Dr. Guttenhöfer, warum sind gerade die Tätigkeiten im Landbau, im Garten und in der Hauswirtschaft so wichtig, dass Sie ihre viel stärkere Einbeziehung in die Pädagogik fordern, als dies ja jetzt schon in den Waldorfschulen der Fall ist?

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Die landwirtschaftliche Hofgemeinschaft als neue „Schule“

Guttenhöfer: So wie die Kinder unter den Bedingungen der heutigen Zivilisation nach westlichem Muster aufwachsen, kommen sie mit der sinnlich-physischen Umgebung kaum noch in Berührung. Vor 100 Jahren brachte das normale häusliche Alltagsleben des Kinds noch eine Fülle von notwendigen Tätigkeiten mit sich, an denen es seine Kräfte, seine Geschicklichkeit, seine Ausdauer und sein Verantwortungsgefühl erproben konnte. Es ist heute schon fast ein „Ideal“ des Lebens und damit auch der Erziehung, diese Herausforderungen möglichst zu vermeiden.

Wie wirken sich diese Lebensbedingungen denn genau auf die Kinder aus?

Guttenhöfer: Die aus meiner Sicht zunehmend defizitären Lebensumstände der Kinder in den ersten Jahren führen dazu, dass die Einwurzelung im leiblich-physischen Dasein nur ansatzweise gelingt. Dadurch kommt es zu Entwicklungsrückständen. Um so schwieriger gestalten sich dann die Entwicklungsprozesse im zweiten Jahrsiebt. Das lässt sich überall beobachten, und die Lehrer klagen ja auch darüber.

Können Sie das noch näher erklären, wie hängt das zusammen?

Guttenhöfer: Was den Kindern durch dieses „Entrücktsein“ aus den elementaren Lebensprozessen fehlt, ist die Empfindung einer fundamentalen Daseinssicherheit im eigenen Körper. Dies wiederum behindert das Kind dann darin, sich der Welt des Seelischen aufzuschließen und sein eigenes Gefühlsleben in einem sinnvollen Zusammenhang mit dem Schönen und Guten in der Welt zu erleben. Eine Folge ist auch der Autoritätsverlust der Erwachsenen. Der heutige Mensch erlebt sich als weitgehend entfremdet von allen Voraussetzungen des Lebens überhaupt.

Wie kann man dieser Entwicklung auf der Ebene der Schule entgegenwirken?

Guttenhöfer: Wenn man die Realität in den Klassenzimmern betrachtet, so sieht man vor allem die Intellektualisierung der Kinder und auch eine zunehmende Verfrühung, deren Wirkung eben eine Entfremdung von der Natur und der physischen Wirklichkeit überhaupt ist. Was wir hier beobachten können, ist ein zunehmender Verfall der Gemüts- und Willenskräfte der Kinder. Die Lehrer müssen heute eine Art verfeinerter Gewalt anwenden, um sie überhaupt noch zum Absolvieren ihrer schulischen Pflichten zu bewegen. Man kann schon sagen, dass es hier zu einer Verödung des Seelenlebens kommt und zwar auf beiden Seiten, der des Schülers und auch des Lehrers.

Diese ganze Entwicklung steht für Sie aber noch in einem größeren, menschheitsgeschichtlichen Zusammenhang. Können Sie ihn kurz erklären, bevor wir zu den Konsequenzen für den Schulalltag kommen?

Guttenhöfer: Wenn man aus dem Klassenzimmer hinaus in die Landschaft blickt, sieht man etwas ganz Ähnliches: Die Landschaften der Erde zeigen dieselbe Verödung wie die menschlichen Seelen, und zwar von der Tierhaltung angefangen hin über die Gestaltung der Gewässer, die Verunreinigung der Meere oder auch der Atmosphäre insgesamt. Im Grunde sind das zwei Seiten ein und desselben Prozesses: die Degeneration der Kindheits- und Jugendkräfte überhaupt, das heißt aber auch der Lebenskräfte der Erde. Wenn die Landschaft von den Bienen verlassen wird, versiegt ihre Lebendigkeit so wie die Lebenslust in der Schule versiegt, wenn Liebe und Phantasie das Klassenzimmer verlassen.

Wie sieht nun der Lehrplan aus, mit dem Ihre Initiative hier heilend eingreifen will?

Guttenhöfer: Es würde eine neue Schwerpunktsetzung im Unterricht geben, bäuerliche, gärtnerische, handwerkliche und hauswirtschaftliche Tätigkeiten würden wieder eingegliedert in die allgemeine Bildung. Das könnte auch ein Beitrag dazu sein, die unselige Spaltung zwischen Stadt und Land, Natur und Kultur, dem Gebildeten und dem Arbeiter zu überwinden. Es ist ja schon so, dass niemand mehr in der Landwirtschaft oder im Haushalt arbeiten möchte. Weltweit! Elementare lebens- und kulturschaffende Tätigkeiten und Fähigkeiten des Menschen drohen so ganz zu verschwinden. Diese Vorgänge schädigen den Organismus Erde und werden weiteres unermessliches Leid über die Menschheit bringen, wenn dies alles so weitergeht.

Ihr Ansatz, den sie als „elementare Handlungspädagogik“ bezeichnen, steht in sehr starkem Widerspruch zu den gegenwärtigen Tendenzen in der Bildungspolitik, ich denke da nur an die PISA-Studien, bei denen es ja überwiegend um intellektuelle Kompetenzen geht und die europaweit ja zu einer Art Messlatte für alle Bildungssysteme geworden sind. Wie wollen Sie Ihre Idee in die Tat umsetzen?

Guttenhöfer: Unsere Bilder von einer neuen „Schule“ beschränken wir zunächst auf die vier Jahre der Grundschulzeit, die Probleme der weiteren Schulstufen können wir gar nicht angehen oder gar den Bildungsauftrag der Hochschulen. Man kann auch Goethe mit heranziehen mit seiner „Pädagogischen Provinz“ der Ort der Erziehung weitet sich zur Umgebung, die ganze Umgebung wird „Schule“. Der ideale Ort dafür wäre eine landwirtschaftliche Hofgemeinschaft, die nach biologisch-dynamischen Prinzipien arbeitet und zukunftsfähige Wirtschaftsformen praktiziert, die von einer Gemeinschaft getragen sind, im Sinne von CSA (community supported agriculture).

Mehr als die Hälfte der Menschheit wohnt aber inzwischen in Städten. Wie wollen Sie ihr Ideal dort umsetzen?

Guttenhöfer: Der landwirtschaftliche Hof wäre zwar eine ideale erzieherische Umgebung. Wo weder Land noch Gärten zur Verfügung stehen, könnte man zumindest Handwerk, Künste und Hauswirtschaft aktivieren. Dabei gilt „small is beautiful“, kleine prototypische Schulen dieser Art könnten Keime für ganz neue Erziehungsumgebungen sein, zu deren detaillierter Vorstellung den meisten von uns heute noch die Phantasie fehlt. Wie das genau aussehen kann, werden wir z.B. auf unserer Tagung an der Alanus Hochschule im September diskutieren.

NNA-News

Foto: NNA