Energiewende oder wie man es nicht machen sollte...

Eine Polemik

Nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima sind wir alle Zeuge geworden, wie schnell Bundeskanzlerin Angela Merkel erkannt hat, dass man in der Bundesrepublik Deutschland mit der Haltung ‚Pro-Atomkraft‘ keine Wahl mehr gewinnen kann. Sie war in dieser Erkenntnis nicht nur erheblich schneller als ihre Mitstreiter der eigenen Regierungskoalition, sondern auch schneller als der damalige Ministerpräsident Baden Württembergs Stefan Mappus. Die Wahl in Württemberg lag zeitlich jedoch zu dicht an der Reaktorkatastrophe, um das Wahlvolk von einer Energiewende à la Merkel überzeugen zu können, zumal das bürgerliche Lager in Baden Württemberg einerseits durch die Ereignisse um „Stuttgart 21“, andererseits durch den so genannten EnBW-Deal noch zu verstört war.

Ich bezweifle, dass der „Ausstieg aus dem Ausstieg aus dem Ausstieg“ neben den wahltaktischen Argumenten wirklich eine Bewusstseinswende in Sachen ‚zivile Nutzung der Kernenergie‘ darstellt. Ich zweifle nicht nur wegen der erstaunlichen Hast, mit der diese propagiert wurde, sondern auch aufgrund der Art und Weise, wie später z. B. im Untersuchungsausschuss über den Standort Gorleben als Endlager gesprochen wurde oder wie mit dem ‚Zwischen-endlager‘ Asse umgegangen wird. Es würde sich meines Erachtens um eine echte Bewusstseinswende handeln, wenn das eigne Tun in der Vergangenheit so angeschaut würde, dass man wenigstens in Betracht zöge, früher Fehlentscheidungen getroffen zu haben. Von einer Einsicht, dass man noch vor 20 - 30 Jahren anders bzw. falsch dachte, ist in den Äußerungen der damals und zum Teil auch noch heute Verantwortlichen nichts zu hören. Man machte damals keine Fehler, man macht heute keine - alles ist heute ebenso richtig wie damals. Die Energiewende, so wie sie heute in Deutschland gehandhabt wird, stellt daher sicher keine Bewusstseinswende dar.

Was erleben wir, wenn wir die Dynamik der sogenannten Energiewende betrachten?

Wir können den Eindruck haben, dass die Verantwortlichen mit aller Kraft versuchen zu beweisen, dass eine Energiewende nicht möglich bzw. nicht zu finanzieren sei.

Der kritische Beobachter der Energiewende erinnert sich an die Politik der 80er Jahre. Dort versuchte man von Seiten der konservativen Politik zu beweisen, dass Windkraft sich wirtschaftlich nicht zur elektrischen Energieerzeugung eignet. Zu diesem Zweck wurde die Große Windkraft-Anlage (GROWIAN) für ‚Forschungszwecke‘ gebaut. Man konnte dann darauf verweisen, dass demgegenüber der Strom aus den Kernkraftwerken doch so billig war. Dabei „übersah“ man, dass der Strompreis für den Strom aus Kernenergie indirekt erheblich gefördert wurde durch Forschungsgelder. (Die Fördersumme zwischen 1970 und 2010 beträgt laut Studien von Greenpeace schätzungsweise 204 Milliarden Euro.) Bis heute wurde nicht berücksichtigt, dass die Lagerkosten der radioaktiven Spaltprodukte über Jahrhunderte hinweg unkalkulierbare zusätzliche Kosten erzeugen werden. Ebenso verliert man leicht aus dem Blick, dass der aus Kohle erzeugte Strom auch erheblich (mit 300 Milliarden Euro) subventioniert wurde und wird. Zum Glück ist der Versuch des Beweises der Unwirtschaftlichkeit der Windenergie an der Realität gescheitert.

Zurzeit hören wir immer wieder Klagen, dass der Netzausbau zum Transport von elektrischem Strom aus regenerativen Energieträgern nicht vorankommt und auch teuer ist und natürlich auf Kosten des (privaten) Endverbrauchers geht. Dabei wird nicht gesagt, dass bisher auch für die Inbetriebnahme von Großkraftwerken jedes Mal das Netz erweitert und umgebaut werden muss. Netzumbaukosten bei Neuinbetriebnahme von Kraftwerken fallen immer an. Dem Bürger wird jedoch der Eindruck vermittelt, dass das Netz erst aufgrund der Energiewende komplett saniert werden müsse. Das ist nur bedingt wahr. Der Unterschied besteht einzig darin, dass man heute versucht, die Kosten für die Umstellung auf regenerativen Energie direkt und allein auf den privaten Endverbraucher abzuwälzen.

Für Energieträger wie die fossilen Brennstoffe und die Kernenergie ist es charakteristisch, dass sie am effektivsten an wenigen Orten zentral in elektrische Energie umgewandelt werden. Damit ist die Kontrolle über die elektrische Energiemenge in die Verantwortung weniger Hände gelegt. In den westlichen Demokratien kontrollieren wenige private Betreibergesellschaften die Kraftwerke und können relativ leicht den Preis für elektrische Energie bestimmen. Die Gefahr, dass diese Monopolstellung der wenigen Energieerzeugungsunternehmen missbraucht wird, ist groß. Der gefürchtete Missbrauch wird auch an vielen Stellen beobachtet. Alternative bzw. regenerative Energie - wie Strom aus Windkraft bzw. Photovoltaik und Wärmekraftkopplungsanlagen - hingegen wird dezentral erzeugt und verbraucht. Das scheint mir das eigentliche Problem im Hinblick auf die Energiewende zu sein: Die Energieerzeuger und -verbraucher werden unabhängig von Monopolen - sie werden autark.

Deutschland ist von seiner geographischen Lage her nicht gerade ideal für den Umbau der elektrischen Energieversorgung von zentral auf dezentral. Das bedeutet jedoch keineswegs, dass die Energiewende technisch und wirtschaftlich nicht durchführbar wäre. Dazu müsste im Zentrum der Umsetzungspläne die Erkenntnis stehen, dass Energie hinfort dezentral erzeugt wie verbraucht werden wird. Gerade in Bezug auf die Nutzung von Windenergie sind Offshore-Anlagen nur eine Möglichkeit. Das ganze Potential der Windenergie ließe sich erst in der dezentralen Erzeugung ausschöpfen. Dazu müssten von der Gesetzgebung jedoch erst Wege geebnet werden, damit auch Kleinstanlagen dezentral betrieben werden könnten. Ebenso sehe ich noch ein erhebliches Forschungs- und Förderungspotential in der Wärmekraftkoppelung. Es erscheint wenig sinnvoll, dass wir zum Heizen unserer Häuser und Wohnungen nur Heizungen betreiben, die keinen Strom erzeugen. Mir will nicht einleuchten, dass es im Land der Maschinenbauer, Entwickler und Denker nicht möglich sein sollte, ein kostengünstiges Miniaturkraftwerk zu konstruieren, das gleichzeitig Wärme und Strom erzeugt. Oder müssen wir wieder erleben, dass bereits vorhandene Ideen in Asien verwirklicht werden? Der Markt für solche Anlagen ist gewaltig.

Fakt ist: Die Möglichkeiten der alternativen Energieerzeugung sind in anderen Ländern viel günstiger als in Deutschland. Insbesondere die Vereinigten Staaten würden sich für die dezentrale elektrische Energieerzeugung eignen. Dort wird der Großteil des elektrischen Stroms in den heißen Sommermonaten für Klimaanlagen verbraucht. Technisch wäre es schon seit den 90er Jahren möglich, Hochhäuser, anstatt sie mit (teuren) metallbedampftem Glas zu verkleiden, mit relativ kostengünstigen lichtdurchlässigen photovoltaischen Schichten zu bestücken. Solche Photovoltaikanlagen (Grätzel-Zellen) haben zwar nur eine geringe Energieausbeute, aber dank der großen Flächen würde die erzeugte Energiemenge mehr als nur das jeweilige Hochhaus versorgen. Ebenso sind die sonnenreichen Wüstenflächen in den Vereinigten Staaten nicht weit entfernt von den potentiellen Nutzungszentren der Städte. Man müsste diese Art der Stromerzeugung, die Arbeitsplätze beschaffen würde, die energieeffizient und kostengünstig in einem wäre und die Nutzer unabhängig von Monopolen machen würde, politisch einfach nur wollen.

Würde trotz der politischen Widerstände in der Bundesrepublik innerhalb der nächsten Jahre die Umstellung der Energieerzeugung von der zentralen auf die dezentrale regenerative Erzeugung selbst nur teilweise vollzogen werden, wäre das ein wichtiges Signal für andere Länder, insbesondere für den sonnen- und windreicheren Süden. Die Energiewende ist schon längst kein technisches Machbarkeitsproblem mehr, sondern ein politisches Willensproblem.

So lange man sich jedoch als Regierung zu diesem Thema hauptsächlich mit den vier großen Energieerzeugern am Markt berät, braucht man sich nicht zu wundern, wenn uns die Energiewende als technisch unmöglich und viel zu kostenintensiv dargestellt wird.

Hans-Bernd Neumann

Hans-Bernd Neumann, geboren 1964 in Berlin. Studium der Physik in Darmstadt, Missouri, Berlin und Hamburg, Promotion, Studium der Theologie in Stuttgart, seit 1999 Priester der Christengemeinschaft.

Erschienen in: Sozialimpulse Nr. 4/12.