Singen offenbar ein Geheimnis

Wer zu singen versucht, gerät in Gefahr, sich zu schämen, oder zu triumphieren.
Beides abwechselnd.

Es gibt eine Rangordnung in der Einschätzung menschlicher Kulturfähigkeit, die wie ein ungeschriebenes Naturgesetz behandelt wird. Es gilt in den Gesellschaften des Westens die stillschweigende Übereinkunft: Denken kann jeder, irgendwie Reden lässt sich, falls es Mühe macht, im nächstbesten Kurs praktisch erwerben, um nicht zu sagen einprogrammieren im Bewusstsein. Nur der Gesang stellt ein echtes Problem dar. Für singfähig hält sich kaum ein Mensch ohne Weiteres. Singen wird als Spezialbegabung aufgefasst, ist als natürliche Vorgang kaum noch denkbar. Wer singen will, ohne sich zu blamieren, der muss sich gründlich schulen und einer fachlichen Ausbildung unterziehen.

Das ist eine interessante Lage! Offensichtlich sind wir aus der Übung des Singens, als wären die Stimmbänder eingerostet in Bezug auf das Liedersingen. Als wüsste die Seele wenn sie sich fragt: soll ich mal singen? gar nicht mehr selbstverständlich, wie das geht. Übung ist ein natürliches Phänomen der ätherischen Welt. Eine Fähigkeit wird schwebend im Status der augenblicklichen Verfügungsgewalt gehalten, indem sie kontinuierlich ausgeübt wird. Dagegen spricht nicht, was aktuell erfahren wird im Umgang mit Hirn- oder Demenzkranken. Sie zeigen sich oft der Sprache gegenüber blockiert, sind aber ansprechbar und können sich äußern durch Gesang. Wenn der Zusammenhang der Wesensglieder sich lockert, dann kann der Mensch unter Umständen leichter zugreifen auf die substanziell im individuellen Ätherleib vorhandenen Bildungen. Das zurückgedrängte oder herausgedrängte Selbstbewusstsein lässt die Erinnerungskräfte frei fluten. So stellen sich oft die im Bewusstsein vergessenen Lieder der Kindheit wieder neu ein. Das gelockerte Ich wird zum Weltgedächtnis. Doch wo das eingekörperte, selbstbewusste Ich sich gegenüber inne ist da kann und muss es sich aktuell befragen: Singen ohne Spezialausbildung, geht das? Es ist schon eine tragikomische Frage, beängstigend und absurd gleichermaßen, was durch sie zum Ausdruck kommt. Eine Verlusterfahrung. Werden wir uns vielleicht eines Tages ebenso fragen müssen, wie sprechen, denken, laufen oder leben eigentlich vor sich geht?

Wir wissen ja, dass unser physisches Leben an der Entfaltung der eingeborenen Wortkraft hängt. Wir benötigen das Angesprochenwerden durch das Wort ebenso, wie wir Licht, Luft, Wasser und Nahrung brauchen, in einem existenziellen Sinn. In diesem Sinne brauchen wir das Singen scheinbar nicht. Es lässt sich leben ohne Lieder. Doch tatsächlich ist etwas in der Seele auf Gesang angewiesen. Was tun wir, wenn uns die Worte fehlen, oder die Ideen? Wir stimmen uns ein, bemüht, uns atmosphärisch in eine Verfassung zu versetzen, dass Wort und Begriff uns für ihr Auftreffen gestimmt vorfinden. Man kann dieses innere Schwingungsgeschehen bis hin zu den berühmten spiegelneuronalen Vorgängen durchaus musikalisch nennen. Dann wären wir das Instrument des Vorgangs doch welcher Spieler hat uns in der Hand? , um mit Rilke zu reden. Wie sollen wir die Seele halten, wenn wir auf die Idee kommen zu singen ohne dass sie Anstoß nimmt an dem Gedanken: das kann ich nicht? Das ist die Frage: Gibt es eine ursprüngliche Entdeckung der eigenen Singstimme ohne ihre zwangsläufige Enthüllung durch Autoritäten? Nichts gegen Technik oder Gesangsunterricht, aber die eigene Stimme verdient es, dass man sich selbst mit ihr beschäftigt. Wenn sie da ist, selbst erfunden, dann spricht nichts gegen ihre technische Fortbildung. Die erste Entdeckung, die wir machen können, ist eine merkwürdige Seelenlage. Wer zu singen versucht, gerät in Gefahr, sich zu schämen, oder zu triumphieren. Beides abwechselnd.

Singen ist inniger Ausdruck der Eigenheit der Person. Die Singstimme ist grundsätzlich verschieden von der Sprechstimme, anders lokalisiert. Wer auf die Suche nach seiner eigenen Singstimme geht, der macht eine Abenteuerreise. Sie kann zu jeder Gelegenheit stattfinden, unter der Dusche genauso wie im Auto. Das beste ist, man sucht zunächst nach einer bekannten Tonfolge, einem Lied, das der Tonlage der eigenen Stimme irgendwie entspricht, ihr entgegenkommt. Wenn man dies nach längerem Probieren gefunden hat, kann man sich darin einrichten wie ein Fisch im Wasser, oder die Made im Speck. Seine Stimme baden, einhüllen darin. Von diesem Wohlfühlort aus wird man irgendwann herausschmettern aus voller Kehle. Und siehe da, das Kind ist mit dem Bade ausgeschüttet. Drei Schritte zurück, leise behutsam, zärtlich, erneut mit der Suche nach dem Stimmaufbau beginnen. Irgendwann ist es so weit, dass man dem Atem im eigenen Leibe beim Singen lauscht, ihm folgt, sich führen lässt. Dann entdeckt man die körperlichen Resonanzen. Nun steht die Frage der Temperatur, der Klangfarbe an. Vielleicht klingt es technisch schon ganz gut und lässt sich in der Lautstärke steigern, aber dafür geht etwas verloren, eine Qualität. Wer singt, der gibt den Tönen noch viel unmittelbarer als im Sprechen seine Stimmung mit. Wieder heißt es innerlich zurücktreten und mit neuer Vorsicht ans Werk gehen. So kann es lange gehen und weitergehen. Man kann bemerken, wie sich allmählich eine Art meditatives Verfahren einstellt. Wer hätte das gedacht, dass man eine Nebenübung mit der eigenen Stimme gewinnen kann. Menschen früherer Zeiten hatten diese Möglichkeit nicht, weil sie singen konnten. Wir haben die wundervolle Gelegenheit, das Singen neu zu entdecken und daran zugleich schöpferisch Bewusstsein zu bilden. Eine spielerische Übung der Seele, die ungeheure Freude macht. Dazu darf alles eingesetzt werden, was hilfreich scheint. So stellte sich im Auto unterwegs, eines Tages die Lautfolge Ahuramazdao plötzlich als fantastische Singübung heraus. Manchmal braucht es gar nicht so viel keine aufwendige Fortbildung um sich wieder als vollständiger Mensch zu fühlen. Vergessen wir das Sprichwort nicht: Böse Menschen haben keine Lieder. Es kann nur guttun, einfach zu singen.

Ute Hallaschka

Erschienen in: Das Goetheanum Wochenschrift für Anthroposophie Nr. 19, 11. Mai 2013