Friedlich handeln

‹Peace Academy› ist eine der vielen Zellen, wo einzelne Initiativen versuchen, die Welt anders zu denken, als sie ist. Studenten aus 20 Ländern lassen sich zu Friedensaktivisten ausbilden. Nikolai Fuchs sprach dort über ‹trade and peace›. 

«Wenn Sie Spargel mögen, dann haben Sie kürzlich die Saison mit griechischem Spargel begonnen; wenn sie sich nicht um Flugmeilen scheren, dann bereits im Januar mit Spargeln aus Peru. Mit diesem Beispiel illustrierte Nikolai Fuchs, was Handel leistet: Er bereichert das Leben. Zugleich hilft er, Kosten zu sparen, denn Tomaten aus Spanien sind dank Sonne und Arbeitskräften aus Marokko günstiger als heimische. Wie ambivalent dieses ‹günstig› ist, wurde im Vortrag deutlich. Um den Unterschied im Handel von Lebensmitteln und technischen Gütern zu vergleichen, fragte Fuchs, woher denn das ‹amerikanische› iphone stamme. In den USA werden vielleicht nur 6% der Einzelteile gefertigt, während die letzten 10% aus China stammen. Also «Made in China»? Kaum, so Fuchs, denn die Komponenten stammen aus allen Kontinenten. Er beantwortete mit Pascal Lamy, scheidender Direktor der WTO, die Frage mit «Made in the world». Aus dieser weltweiten Vernetzung durch freien Handel ergäbe sich die allgemeine Überzeugung, dass Handel nicht nur Wohlstand schaffe, sondern durch Zusammenarbeit auch Konflikte entspanne. Doch Handel könnte zugleich auch Frieden gefährden, so Fuchs, indem er auf die Demütigung Japans durch die USA verwies als diese 1853 ein Handelsabkommen erzwangen. Der Angriff auf Pearl Harbour 90 Jahre später und damit auch die Tragödie von Hiroshima waren möglicherweise mittelbare Folgen. Gerade wenn das Recht des Stärkeren gilt ist, verursacht Handel auch Krieg. Deswegen braucht es faire Regeln, wie sie die WTO versucht zu geben. Zum freien Handel gehört neben Wohlfahrt immer auch Elend, weil es im Wettbewerbssystem neben Gewinnern auch Verlierer gibt. Subventionspraxis in der EU und den USA, die Kleinanbieter vom Markt verdrängt, bilaterale Verträge, um weltweite Vereinbarungen zu umgehen sind Instrumente, durch die Afrika Verlierer ist und bleibt. 7080% der hungernden Milliarde Menschen sind Kleinbauern. So erfreulich die Grundlinien der Welthandelsorganisation sind, wie freier Fluss der Waren, Gleichstellung der Länder, so problematisch ist das Bild des Menschen als ‹homo oeconomicus›, der den Ideen des ‹marktorientierten› Handels zugrunde liegt, so Fuchs. Das Credo des eingeengten Blickes lautet, der Mensch sei am glücklichsten, wenn der Warenkorb am billigsten ist. Eine Liberalisierung des öffentlichen Beschaffungswesens könnte ‹Wohlstandsgewinne› (wie es heißt) bringen, indem billigere Anbieter aus dem Ausland mit lokalen gleichgestellt werden, die öffentliche Hand lokale Anbieter nicht bevorzugen darf. Was ist aber, so fragte Fuchs, wenn Menschen bereit sind, für Regionalprodukte höhere Preise zu bezahlen bzw. auf Wohlstandsgewinne zugunsten innerer Werte zu verzichten, ‹prosperity› etwas anderes sei als ‹welfare›? Nach heutigem WTO-Recht darf ich als Individuum Regionalprodukte kaufen. Aber ein Land darf dort keine Priorität setzen. Eine gemeinsame Willensbildung darf nicht stattfinden. Fuchs nannte beispielhaft die Antwort des Schweizer Gesandten, als sein Land beim Trade Review der WTO für hohes Preisniveau getadelt wurde: «Für die Schweizer sind die höheren Preise akzeptabel.» Was gilt? Die übergreifende ‹Wahrheit› des homo oeconomicus oder was Menschen tatsächlich wollen?

Wolfgang Held

Erschienen in: Das Goetheanum Wochenschrift für Anthroposophie Nr. 20-21, 18. Mai 2013