China: Das Beben im Kopf

Die Menschen in der chinesischen Provinz Sichuan kommen nicht zur Ruhe

Nach dem verheerenden Erdbeben 2008 mit 70.000 Toten bebte im April dieses Jahres erneut die Erde und forderte 200 Tote. Nun wird die Region von Überflutungen und Erdrutschen heimgesucht. Die Notfallpädagogen der Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners e.V. waren Ende Juni vor Ort, um mit den traumatisierten Menschen zu arbeiten. Vor allem die Lehrer an den Schulen im Katastrophengebiet leiden unter den Folgen starker Traumata. Max Henninger von den Freunden der Erziehungskunst Rudolf Steiners berichtet.

Yang ist Lehrer für chinesische Literatur an der „Middle-School“ in Lushan-Xian. Seine Situation ist exemplarisch für die der meisten Menschen im Katastrophengebiet: Durch das Erdbeben 2008 hatte er sein Haus verloren. Der zinsfreie Kredit für das neue Haus ist noch längst nicht zurückgezahlt, da bebt erneut die Erde und Yang verliert zum zweiten Mal innerhalb weniger Jahre sein Zuhause. Er hatte nur einen Tag, um die Schäden an seinem Haus zu begutachten. Dann musste er wieder zurück in die Schule, unterrichten. „Da bleibt keine Zeit, um die Erlebnisse mit seiner Familie zusammen verarbeiten zu können“, erläutert Malte Landgraff, Koordinator des notfallpädagogischen Einsatzteams.

Deshalb fokussierten sich die notfallpädagogischen Maßnahmen des siebenköpfigen Teams in der ersten Woche des Einsatzes speziell auf die Lehrer. Sie bedürfen besonderer Unterstützung, da sie privat und beruflich von der Katastrophe betroffen sind. Einerseits sind die Familien physisch und psychisch verletzt sowie ihre Häuser zerstört. Andererseits sind die Lehrer im Unterricht mit hochtraumatisierten Schülern konfrontiert. „Diese Doppelbelastung machte eine Krisenintervention bei den Lehrern dringend notwendig“, erläutert Einsatzleiter Bernd Ruf, „um ihre Sorgen zu teilen und Strategien des Umgangs damit zu entwickeln“.

Besonderes Augenmerk galt auch dem Training der ehrenamtlichen Helfer der chinesischen Partnerorganisation „Guangdong Shanhaiyuan Charity Foundation“, die die notfallpädagogischen Interventionen in Zukunft selbständig weiterführen sollen. Die Organisation ist die erste anthroposophische Stiftung auf dem chinesischen Festland und setzt sich insbesondere für die Unterstützung der anthroposophischen Bewegung in China, die Fortbildung von Waldorfpädagogen sowie die Förderung der Bildung im ländlichen Raum ein. Aufgrund des Erdbebens planten sie darüber hinaus ein Projekt zur psychosozialen Stabilisierung von Kindern und Jugendlichen, das bis 2016 in der Region Sichuan andauern soll und in dessen Rahmen die Freunde der Erziehungskunst angefordert worden waren.

Lehrer Yang weiß nicht, wo er in Zukunft leben wird. Sein Haus soll demnächst abgerissen werden. Auch sorgt er sich um seine Familie, die er momentan kaum zu Gesicht bekommt. Zum Zeitpunkt des Bebens war Yang gerade in der Schule, konnte seine Klasse in Sicherheit bringen und eilte dann nach Hause, wo er glücklicherweise feststellen konnte, dass seine Frau und seine Tochter überlebt hatten. Einen Tag nach dem Erdbeben stand der 45-Jährige wieder im Klassenzimmer: „Dabei fühlt es sich in meinem Kopf und meinen Füßen so an, als würde die Erde immer noch beben.“

Max Henninger

NNA-News

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Stichwort: „Erdbeben China“