Auf dem Weg zu einer neuen Öffentlichkeit

„Daher müsste, meiner Meinung zufolge, die freieste, so wenig als möglich schon auf die bürgerlichen Verhältnisse gerichtete Bildung des Menschen überall vorangehen. Der so gebildete Mensch müsste dann in den Staat treten und die Verfassung des Staates gleichsam an ihm prüfen.“1

Wilhelm von Humboldt

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Clara Steinkellner

So einleuchtend dieser vom Kosmopoliten Wilhelm von Humboldt ausgesprochene Grundsatz für ein modernes Bildungswesen auf den ersten Blick erscheint, so folgenreich und schwerwiegend sind seine Implikationen.

Dass es der neuen Generation möglich sein soll, sich in Freiheit auszubilden, um das Bestehende nicht nur blind fortzuführen, sondern auch in Frage zu stellen und neue Wege einzuschlagen, ist leicht nachvollziehbar. Nur: Wie muss ein Bildungswesen beschaffen sein, das diese Freiheit wirklich ermöglicht? Bei Humboldt stoßen wir auf eine interessante Unterscheidung: „Öffentliche Erziehung scheint mir ganz außerhalb der Schranken zu liegen, in welchen der Staat seine Wirksamkeit entfalten muss.“2 Er verortet die öffentliche Erziehung, das Bildungswesen also tatsächlich außerhalb der staatlichen Sphäre. Mit diesen rätselhaften „Grenzen der Wirksamkeit des Staates“ hat sich Humboldt intensiv beschäftigt, seitdem er 21-jährig unmittelbar nach dem Sturz der Bastille nach Paris gereist war. Er hat den historischen Augenblick der französischen Revolution sozusagen „live“ miterlebt mit all seinem siegreichen Jubel und mit seiner brutalen Zerstörungskraft, die keine neue organische Gesellschaftsform zu schaffen im Stande war. Humboldt ging der Eigenart des Staatlichen auf den Grund, und wer sich auf diese Gedanken einlässt, der kann erkennen, dass sich diese Grundsätze auf die verschiedensten Formen von Staatlichkeit übertragen lassen und auch heute ungebrochen aktuell sind. Beim Staat liegt das Gewaltmonopol, er ist die einzige Macht in der Gesellschaft, die in begründeten Fällen Menschen ihrer Freiheit und ihres Eigentums berauben darf. Deshalb ist diese Macht geeignet, für Sicherheit und Rechtsstaatlichkeit zu sorgen. Der Staat handelt im Idealfall immer eindeutig und einheitlich, nach dem (demokratisch erarbeiteten) rechtlichen Grundlagen, dem sich auch alle im Auftrag des Staates Handelnden bedingungslos unterordnen.

„Gleichförmige Ursachen haben gleichförmige Wirkungen. Je mehr also der Staat mitwirkt, desto ähnlicher ist nicht bloß alles Wirkende, sondern auch alles Gewirkte. Auch dies ist gerade die Absicht der Staaten. Sie wollen Wohlstand und Ruhe. Beide aber erhält man immer in dem Grade leicht, in welchem das Einzelne weniger miteinander streitet. Allein was der Mensch beabsichtet und beabsichtigen muss ist Mannigfaltigkeit und Tätigkeit.“3 Aus dieser „Mannigfaltigkeit und Tätigkeit“ heraus entwickelt Humboldt das Feld der eigentlichen Öffentlichkeit, in dem auch das Bildungswesen beheimatet sein soll:„Gerade die aus der Vereinigung mehrerer entstehende Mannigfaltigkeit ist das höchste Gut, welches die Gesellschaft gibt, und diese Mannigfaltigkeit geht gewiss immer in dem Grade der Einmischung des Staats verloren. Es sind nicht mehr eigentlich die Mitglieder einer Nation, die mit sich in Gemeinschaft leben, sondern einzelne Untertanen...“4 In der Sphäre der Öffentlichkeit soll also nicht die übergeordnete staatliche Institution der gemeinsame Bezugspunkt sein, sondern die (Zivil-)Gesellschaft soll durch jeweils individuelle Bezüge zwischen den einzelnen Menschen „zusammengehalten“ werden. Und so erscheint Humboldt„die vorteilhafteste Lage für den Bürger im Staat die, in welcher er zwar durch so viele Bande als möglich mit seinen Mitbürgern verschlungen, aber durch so wenige als möglich von der Regierung gefesselt wäre. Denn der isolierte Mensch vermag sich ebenso wenig zu bilden als der in seiner Freiheit gewaltsam gehemmte.“5

Wer sich, wie ich im Rahmen meiner Diplomarbeit auf nach weiteren Denkern macht, die so deutlich für eine radikale Trennung zwischen Staat und Bildungswesen plädieren, der wird unerwartete Entdeckungen machen: Nicht nur Leo Tolstoi war als Begründer einer freiheitlich orientierten Bauernschule auf seinem Landgut Jasnaja Poljana ein Gegner des staatlichen Pflichtschulwesens, auch Johann Heinrich Pestalozzi unterschied konsequent zwischen der individuellen Sphäre der Bildung, die uns kultivieren soll, und der Staatlichen, die uns nur zivilisieren kann. 1848 kämpfte der große Pädagoge Karl Mager im Vorfeld der Paulskirchen-Verfassung vergeblich für eine bürgerschaftliche und gegen eine zentralstaatliche Verwaltung des Bildungswesens. In den 1970ern erhitzte das Buch „Die Entschulung der Gesellschaft“ des Zivilisationskritiker Ivan Illich die Gemüter. Dessen mexikanischer Freund Gustavo Esteva wiederum kündigte bald darauf den Dienst in der staatlichen Entwicklungshilfe, um auf rein zivilgesellschaftlichem Boden die heute noch bestehende „Universida de la Tierra“ aufzubauen. Und nicht zuletzt ist die 1919 von Rudolf Steiner initiierte Bewegung für eine Dreigliederung des sozialen Organismus eine Fortschreibung und Vertiefung der Humboldtschen Grundsätze: Damit die Menschen Antriebe und Phantasie für ein solidarisches Wirtschaftsleben ausbilden können, muss sich das Bildungswesen restlos vom Einheitsstaat emanzipieren und auf eigenen Beinen stehen rechtlich, organisatorisch, finanziell. Wie radikal Steiner das vor Augen hatte, wird heute leicht vergessen: „Man braucht sich nicht vor einem solchen Geistesleben zu fürchten. Man braucht nicht einmal sich zu fürchten, wenn man eine schlechte Meinung von den Menschen hat, vielleicht dahingehend, dass sie in den alten Analphabeten-Zustand zurückfallen werden, oder dergleichen, wenn die Eltern wiederum frei sind, ihre Kinder zur Schule zu schicken oder sie draußen zu lassen, ohne staatlichen Zwang. Nein, gerade das Proletariat wird immer mehr wissen, was es der Schulbildung verdankt.“6 Nicht nur der heute in Deutschland herrschende „Schulanwesenheitszwang“ kollidiert also mit den Grundideen eines freien Geisteslebens, sondern auch das Modell der Bildungsfinanzierung über den Steuer-Etat: „Unentgeltlichkeit des Schulwesens ist ja nichts weiter als eine soziale Lüge, denn entweder verbirgt man dahinter auf der einen Seite, dass man erst einer kleinen Clique den Mehrwert in die Tasche liefern muss, damit die ihr Schulwesen gründet, durch das sie die Menschen beherrscht, oder man streut allen Sand in die Augen, damit sie nur ja nicht wissen, dass unter den Pfennigen, die sie aus dem Portemonnaie nehmen, auch diejenigen sein müssen, von denen die Schulen unterhalten werden.“7

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Clara Steinkellner: Menschenbildung in einer globalisierten Welt. Perspektiven einer zivilgesellschaftlichen Selbstverwaltung unserer Bildungsräume. Mit einem Geleitwort von Prof. Dr. Ulrich Klemm. Berlin 2012, Klappenbroschur, 298 S., EUR 18,-. ISBN 978-3-942754-20-0

Nun, die Dreigliederung zielt weder auf eine Zweiklassen-Gesellschaft ab, noch auf soziale Seggregation. Sie ist vielmehr ein gesellschaftlicher Entwurf jenseits des Modells „Soziale Marktwirtschaft“, in der eine Einzelkämpfer-Wirtschaft einem versorgenden und zentral regulierendem Sozialstaat gegenüber steht. Dass diese Sozialsysteme durch Überschuldung regelrecht „implodieren“ können und so keineswegs sozial nachhaltig sind, haben die aktuellen Entwicklungen z.B. in Griechenland gezeigt. Und dass die Wirtschaft selbst trotz gesellschaftlicherMehrheit für „Solidarität“ (die man allerdings ausschließlich durch staatliche Umverteilung durchsetzen möchte) am „abdrehen“ ist und gerade die letzten zehn Jahre eine enorme Steigerung der Spekulation gebracht haben, zeigt ebenfalls die Schwierigkeit der einseitigen Abwälzung der „sozialen Gerechtigkeit“ an den Staat.

Wenn die Grünen heute meinen, „öffentliche Kantinen“ hätten eine Vorbild-Funktion und sollten daher einen fleischlosen Tag einführen, offenbart sich an dieser Stelle der alte Öffentlichkeits-Begriff. „Die Grünen wollen alles verbieten, was Spaß macht!“, kontert dann die FDP, womit - um mit Schiller zu sprechen der Streit zwischen „Formtrieb“ und „Stofftrieb“ beginnt. Dabei hat gerade die Zivilgesellschaft längst „Spieltrieb“-Qualitäten ausgebildet! Auf der letzten „Wir-haben-es-satt“-Demo in Berlin, die sich für „Bauernhöfe statt Agrarfabriken“ stark machte, sah man beispielsweise gemeinsam kochende, singende und tanzende Menschen, die sich offensichtlich trotz der offenen Auseinandersetzung mit ernsten Themen den „Spaß“ nicht verderben ließen. Dass sich diese transnationale Zivilgesellschaft und das heißt, jeder individuelle Mensch als Erdenbürger zu einer eigenständigen gesellschaftlichen Sphäre neben Staat und Wirtschaft ausgebildet, die Kultur, Bildung und Soziales wirklich in die verantwortungsvolle Selbstverwaltung übernehmen kann, dies kann im 21. Jahrhundert ein wahrhaft ermunterndes Zukunftsideal sein. Es ermöglicht jedem von uns, darauf hinzuarbeiten, egal an welcher Stelle wir im Leben stehen, und die freundschaftlichen Verbindungen, die Zusammenarbeit mit anderen Menschen nicht mehr als „Privatsache“ und „Freizeitvergnügen“ zu begreifen, sondern als Teil eines dringenden und drängenden gesellschaftlichen Erneuerungsprozesses.

Clara Steinkellner

Clara Steinkellner, geb. 1985. Idyllische Schuljahre an einer kleinen integrativen Waldorfschule in Graz, FSJ in Bukarest/Rumänien. 2005 - 2011 individuelles Diplomstudium der Internationalen Entwicklung an der Universität Wien. 2008 Mitbegründung der Freien Bildungsstiftung (www.freiebildungsstiftung.de). 2012 Veröffentlichung der Diplomarbeit „Menschenbildung in einer globalisierten Welt.“ Lebt in Berlin, organisiert Gesprächsabende in Hinterhöfen (u.a. im SinneWerk, Kreuzberg), unterrichtet Violine und schreibt u.a. für Oya anders denken, anders leben.

„In einer nirgends den Rahmen akademischer Verbindlichkeit sprengenden Weise werden manchmal erstaunliche, immer aber begeisternde und entwaffnende Zitate auf die Bühne der Bildungsdebatte geholt und in globale Denkzusammenhänge gestellt.“

Dr. Albert Vinzens, Erziehungskunst

Endnoten:

1Wilhelm vom Humboldt: Sämtliche Werke, Bd. 1. Mundus

1999, S. 189

2Wilhelm von Humboldt: Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen. Reklam 2002, S. 74

3ebd., S. 31

4ebd., S. 31

5Wilhelm von Humboldt: Briefe.

Hanser 1952, S. 69

6Rudolf Steiner: Gedankenfreiheit und soziale Kräfte. GA 333. Rudolf Steiner Verlag 1971, S. 16f

7Rudolf Steiner: Geisteswissenschaftliche Behandlung sozialer und pädagogischer Fragen.GA 192.

Rudolf Steiner Verlag 1964, S.145f