+dasgoetheanum_rot-grau.pdfDrei Stufen der Freundschaft

In der Kindheit ist sie wechselhaft, in der Jugend bestimmt sie beinahe alles und im Erwachsenenalter wird sie zum seltenen Gut, die Freundschaft. Wie man als Mensch wächst, so wächst auch die Freundschaft. Eine Skizze.

Geboren werden bedeutet sich mit der Welt zu befreunden, Stück für Stück. Nirgendwo gelingt diese Freundschaft mit der fremden Welt besser, tiefer und ausdauernder als mit dem einen anderen Menschen, und so inflationär der Begriff ‹Freundschaft› gebraucht wird, so ist es doch ein seltenes Gut.

Freundschaft des Lebens

Freundschaft beginnt im Kindesalter. «Was macht ihr beiden?», fragte ich meine achtjährige Tochter und ihre Freundin: «Wir rennen ums Haus.» Freundschaft unter Kindern bedeutet gemeinsames Spiel, gemeinsame Bewegung. Das große mythische Vorbild ist das älteste Epos der Menschheit: Gilgamesh. Er, der König von Uruk, ist zu zwei Dritteln Gott und zu einem Drittel Mensch und begegnet Enkidu, dem Wilden, der sich mit Tieren versteht. Es wächst eine Freundschaft zwischen Himmel und Natur im Reich des Menschlichen. Gemeinsam ziehen beide durch die Welt kämpfend, siegend, erobernd Urbild der Kindes-Freundschaft, als die Menschheit selbst noch Kind war.

Seelische Freundschaft

Sobald einem im Jugendalter die eigenen Abgründe bewusst wer- den, man begreift, dass man den Himmel verlassen hat, Fragment ist, wächst die Sehnsucht zu einer Größe, wie zu einem anderen biografischen Zeitpunkt die Sehnsucht nach dem ‹alter ego›, dem anderen Ich. Mit dem Freund, mit der Freundin erfüllt sich noch einmal der Himmel, weil man zusammen ein ganzer Mensch wird. Dazu braucht man nicht rennen wie die Kinder, sondern man steht, sitzt, liegt beisammen, genießt die seelische Atmosphäre, die in dieser Gemeinschaft möglich ist. So wie im alten Babylon die Freundschaft der Kindheit im Mythos gefeiert wurde, ist es nun die griechische Philosophie, die die ‹philia›, die seelische Freundschaft, auf den Thron hebt. «Eine Seele in zwei Körpern», nennt Aristoteles sie. In Griechenland bringt das Menschsein seine höchste Harmonie zustande, und so ist die Freundschaft dieses Zeitalters, die seelische Freundschaft, die reinste und stärkste Form des Miteinander und es überrascht nicht, dass viele ihre Jugendfreundschaften bis ins Alter bewahren können, so stark ist dieses Band aus der Zeit des Heranwachsens.

Geistige Freundschaft

Zuerst scheuen Goethe und Schiller die Nähe zueinander, doch der Brief von Schiller vom 23. August 1794 ändert alles. Goetheantwort ihm: «Zu meinem Geburtstage [...] hätte mir kein angenehmer Geschenk werden können als Ihr Brief, in welchem Sie mit freundschaftlicher Hand die Summe meiner Existenz zeihen und mich durch Ihre Theilnahme zu einem emsigern und lebhafteren Gebrauch meiner Kräfte aufmuntern.» Was war geschehen? Schiller vermochte Goethe zu sehen, nicht nur wie er ist, sondern auch dessen Zukunft, dessen Potenz. Schiller schrieb: «Lange schon habe ich [...] dem Gang Ihres Geistes zugesehen, und den Weg, den Sie sich vorgezeichnet haben, mit immer erneuerter Bewunderung bemerkt.» Freundschaft im Erwachsenenalter kennt auch Spiel und Atmosphäre, aber sie gipfelt im gegenseitigen sich sehen und verstehen Können. In einer Zeit, in der sich jeder selbst zum Rätsel wird, ist das Geschenk, den anderen zu sehen, wie sie oder er ist und wird, zweifellos der größte Dienst, den man sich schenken kann.

Die Ideen dieses Beitrags entstanden in der Arbeits- gruppe ‹Schlüsselmomente der Gegenwart› der Forschungsstelle Kulturimpuls, die sich 2012/13 mit Freundschaft beschäftigte.

Wolfgang Held

Erschienen in: Das Goetheanum Wochenschrift für Anthroposophie  Nr. 25/2013