Die Erde aus den Angeln heben

Interview mit Sarah Wiener

Eva Schneeweiss: Frau Wiener, Sie sind Köchin. Welche Bedeutung hat für Sie das Kochen?

Sarah Wiener: Für mich war Kochen immer etwas, was mir große Befriedigung verschafft hat. Was kreativ ist, was haptisch ist, was gut riecht, wo man viel positives Feedback bekommt. Ich habe nicht gekocht, weil ich einen intellektuellen Anspruch hatte, sondern weil ich intuitiv etwas machen wollte, was mir Spaß macht, was mich und Andere befriedigt und nicht nur meinen Körper, sondern auch meinen Geist und meine Seele nährt. Das war der Grund, warum ich zum Kochen angefangen habe.

Schneeweiss: In einem Ihrer Bücher haben Sie gesagt, dass Kochen auch bedeutet, Verantwortung zu übernehmen?

Wiener: Kochen ist sehr vielfältig und so auch die damit verbundene Verantwortung. Zum einen ist es natürlich das Unmittelbare: Wie ernähre ich meinen Körper? Was mute ich ihm zu? Zum anderen muss ich mich fragen: Was mute ich der Natur, der Umwelt, den Nutztieren zu?

Wir haben immer gedacht, so etwas Persönliches, Intimes wie Kochen zu Hause geht nur mich selber etwas an. Heute wissen wir, dass das nicht so ist. Dass unsere Entscheidung, was in die Pfanne kommt, was wir wegschmeißen oder wo wir Einkaufen, Auswirkungen bis in die hintersten Andentäler hat. Natürlich ist das mühsam, aber diese Verantwortung wird nicht verschwinden, nur weil wir die Augen davor schließen.

Schneeweiss: Für Ihre Überzeugung engagieren Sie sich öffentlich, z. B. mit Ihrer Rede bei den „Wir haben es satt“-Demonstrationen gegen Massentierhaltung oder Gentechnik und für eine ökologische Landwirtschaft.

Wiener: Wenn man sich so sehr mit dem Kochen beschäftigt wie ich und dann noch per Zufall in der Öffentlichkeit steht, finde ich, muss man die Stimme erheben und das Wissen teilen, fördern und den wie ich finde richtigen Weg unterstützen. Ich habe einen Traum: Wenn nur genug Menschen den richtigen Geist haben, wird diese Erde aus den Angeln gehoben.

Schneeweiss: Im November vor fünf Jahren haben Sie die Sarah Wiener Stiftung gegründet, um Kindern gesundes Essen und Kochen näherzubringen. Wie kam es dazu?

Wiener: Ich glaube, dass das Kochen und Essen ein Abbild der Gesellschaft ist und dass man in diesem kleinen Kosmos alles findet, was man in anderen Bereichen auch findet. Ich möchte keine Gleichmacherei, keine Standards, denen alle nachstreben, und ich möchte auch keinen normierten Weizen, keinen normierten Apfel, keinen normierten Geschmack, kein Erdbeeraroma, das immer gleich schmeckt. Ich möchte in einer Welt leben, die einen so reichhaltigen Humus hat, der viele bunte Pflanzen und Gemüse- und Obstsorten wachsen lässt und auf dem vielfältige Menschen leben. Das erreicht man aber nur, wenn man bei den Kindern beginnt und ihnen die Kontrolle über ihre Nahrungssouveränität und den eigenen Körper zurück gibt. Denn es geht nicht nur plump um‘s Essen, um Fehlernährung oder ernährungsbedingte Krankheiten, das sind ja nur die aller ärgsten Auswüchse. Uns geht es darum, dass Menschen gut, selbstsicher und zufrieden im Leben stehen. Das fängt so simpel das klingt mit dem Essen an, weil Ernährung die Wurzel des Selbstwertgefühls, der Eigenständigkeit und Individualität ist. Deswegen macht die Stiftung eine ganz wesentliche präventive Arbeit.

Schneeweiss: Was ist Ihr grundsätzlicher Ansatz?

Wiener: Wir möchten ein Samenkorn sähen, von dem die Kinder vielleicht später profitieren können. Wenn sie wissen, wie eine frische Karotte oder ein selbst geschmiertes Butterbrot mit Radieschen und Schnittlauch schmeckt oder was Kohlrabi ist, speichern sie dies in ihrem Geschmacksgedächtnis und haben einen Vergleich zu anderen Dingen. Dann sind sie unabhängiger von Manipulationen durch künstliche Geschmackstoffe.

Schneeweiss: Wie erreichen Sie die Kinder?

Wiener: Wir setzen bei den Kindergärten und Schulen in sozialen Brennpunkten an und bieten dort kostenlose Kochkurse. Voraussetzung ist, dass die Einrichtung eine eigene Küche hat. Bisher haben wir bereits an 450 Kindergärten, Grund- und weiterführenden Schulen Kurse gemacht. Ergänzend fahren wir mit den Kindern zu Biobauernhöfen, um ihnen mit allen Sinnen zu zeigen, wo die Lebensmittel herkommen.

Außerdem bilden wir Erzieher und Lehrer an den Schulen, aber auch schon in deren Ausbildung an den Fachschulen, zu Multiplikatoren aus, die für ihre Schützlinge dann selbst Kochkurse ausrichten können. So etablieren wir Schneeballsystem, das wir durch ganz Deutschland verbreiten möchten. Die Resonanz ist sehr groß und wir haben bereits 800 Lehrer und Erzieher zu sehr engagierten Botschaftern ausgebildet.

Schneeweiss: Wie kommen die Kochkurse oder Besuche auf dem Bauernhof bei den Kindern an?

Wiener: Wir bekommen sehr viele Briefe, manchmal auch Zeichnungen von Kindern und Rückmeldungen von Lehrern und Erziehern, die uns schildern, wie toll diese Erlebnisse sind, wenn Kinder zum ersten Mal auf einem Bauernhof sind. Manche Stadtkinder kreischen, wenn sie das erste Mal ein Huhn sehen, und am Ende des Tages haben sie es sogar auf dem Arm und sind völlig euphorisiert, dass sie Eier eingesammelt haben. Oder dass sie eine Pflanze gepflanzt haben, den Namen kennen und wissen, dass man sie essen kann. Das sind elementare Erlebnisse, die bei den Kindern innerlich positiv verankert werden. Es ist einfach toll zu sehen, dass Kinder, die normalerweise immer herum zappeln, auf einmal in der Lage sind, längere Zeit aufmerksam sind und selbst kreativ werden.

Schneeweiss: Ziel Ihrer Stiftung ist auch die Bildung zur Nachhaltigkeit. Ist das für ein Kind nicht zunächst ein recht abstraktes Thema?

Wiener: Wir erklären das an ganz praktischen Beispielen. Wir zeigen den Kindern z. B., dass Lebensmittel einen Wert haben, indem wir sie auf Bauernhöfen mitarbeiten lassen und ihnen zeigen, was es für eine Mühe ist, zu pflanzen und zu ernten. Zudem sprechen wir über regionale Lebensmittel als Alternative zu den exotischen. Oder wir erklären ihnen, dass wir beim Einkaufen nicht jeden einzelnen Apfel in einen Plastiksackerl packen müssen.

Prinzipiell ist Nachhaltigkeit aber ein dehnbarer Begriff, den heute jeder sagt. Ich würde ihn übersetzen: nachhaltig ist vernünftig. Es ist eine absolut existenzielle Notwendigkeit, vernünftig zu wirtschaften, vernünftig zu essen, sich vernünftig zu kleiden und sich vernünftig zu bewegen. So verstehen es auch die Kinder leichter.

Schneeweiss: Ihre Arbeit erfährt von Seiten der Kindergärten und Schulen eine große Nachfrage. Können sie dieser nachkommen?

Wiener: Wir haben in der Tat eine lange Warteliste. Aber wir brauchen ja nicht nur Botschafter und ausgebildete Lehrer, sondern auch Küchen, Lebensmittel, Töpfe und Pfannen. Deswegen hat die Stiftung einen großen Geldbedarf, weil es uns ja nichts nutzt, wenn wir nur die Lehrer ausbilden, denn wir müssen auch die Lebensmittel zur Verfügung stellen. Gerade Schulen und Kindergärten fehlt es oft an allen Ecken und Enden an Geld. Zum Glück haben wir tolle Sponsoren in ganz vielen Städten, die die Schulen einmal in der Woche mit frischen Lebensmitteln beliefern. Und zum Glück gibt es überhaupt so ein großes gesellschaftliches Engagement von den Lehrern und Erziehern, die das in ihrer Freizeit machen.

Die Leute glauben immer, wenn man bekannt ist, dann muss man Millionär sein. Leider war ich nicht Millionärin und bin nicht Millionärin. Die Stiftung ist aus reinen ideellen, Ansprüchen gegründet worden. Wir könnten zehn Mal so viel machen, wenn wir mehr Spender und Geld hätten.

Schneeweiss: Auf Ihrer Internetseite legen Sie die sozial-ökologischen Anlagekriterien für das Stiftungskapital offen. Wie wichtig ist es Ihnen, dass das Geld sinnstiftend investiert ist?

Wiener: Nachhaltigkeit hört nicht beim Tellerrand auf und auch nicht beim Samenkorn. Ein wesentlicher Teil sind auch die Banken und die Investitionen. Für uns war das gar keine Frage. Genauso wie wir z. B. bei unserem Bürobedarf nachhaltig einkaufen oder unsere eigenen alten Gemüsesorten vor Berlin anbauen. Insofern sind wir sehr froh, dass es eine werteorientierte Bank gibt. Wenn es die GLS Bank nicht geben würde, dann müsste man sie sofort gründen.

Schneeweiss: Was ist Ihr nächstes Projekt?

Wiener: Zusammen mit den Schulen möchten wir Schulgärten anlegen. So lernen die Kinder, dass sie selbst die Lebensmittel anbauen, ernten und schließlich auch essen können. Wir planen ein Modellprojekt in Berlin und hoffen, dass daraus noch etwas Größeres entsteht.

Zitat zur GLS Mitgliedschaft:

„Wir sind Mitglied in der GLS Bank, weil das die logische Folge unseres Denkens und Handelns ist“.

Kurzbiografie

Sarah Wiener stammt aus Österreich, ist Unternehmerin, Fernsehköchin und Buchautorin. 2005 gründete sie die Sarah Wiener Stiftung, um Kindern gesundes Essen näher zu bringen.

Erschienen in: GLS Bankspiegel Ausgabe 3/2012