+dasgoetheanum_rot-grau.pdfDie hohe Kunst des Schenkens

Das Schenken sperrt sich der gängigen Vorstellung von ökonomischer Rationalität, die im Tauschakt gewährleistet ist. Was bedeutet es aber zu schenken und was, ein Geschenk zu empfangen? Denkanstösse aus einem Podiumsgespräch im Philosophicum.

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Was kann ich schenken?

Am Geburtstag und an Weihnachten werden wir beschenkt. Wir erhalten dann diese bunten Päckchen oft mit unnützem Inhalt. Selbst weiss ich ja auch nicht, was ich der kleinen Emma schenken soll, sie hat doch schon alles! Ein grelles Bild der heutigen Geschenkindustrie, die weit am kultischen Charakter des Schenkgestus vorbeizielt.

Auf materieller Ebene können wir kurz- oder langfristig alles selbst ertauschen und kaufen. Wo braucht es dann Geschenke? Was macht ein Geschenk als solches überhaupt aus?

Dir gehört nur was Du geben kannst1 in diesen Zeilen verbirgt sich, was Mathias Forster als Liebeskern des Schenkens bezeichnet. Erst die Liebe ist das Mittel, wodurch eine Geste zu einem echten Geschenk werden kann, sie befreit es von den Bedingungen des Tauschaktes. Das Geschenk trägt damit bedingungslosen Charakter und möchte nicht bestimmen, was der Andere (damit) tun soll. Es ist eine freilassende Gabe, die Freigegriffenes ermöglichen will und „die Zukunft nicht als eine zu verwurstende Angelegenheit sieht“, wie Stefan Brotbeck aphoristisch nachzeichnet. Herzstück für diesen zukunftsoffenen Vorgang ist also Vertrauen. Denn was durch die Schenkung zur Erscheinung kommt, liegt gerade nicht in dem beschlossen, was gegeben wird.

Wie Daniel Häni aus seinen Erfahrungen mit der Volksinitiative „Für ein bedingungsloses Grundeinkommen“ berichten kann, steckt die Fähigkeit zu diesem, für das Schenken notwendigen Vertrauensvorschuss, noch in den Kinderschuhen. Radikaler ausgedrückt: Heute können sich viele Menschen nicht einmal vorstellen, dass die Existenz der Mitmenschen geschenkt ist ohne Bedingungen. Doch der Liebeskultus des Existenzschenkens nimmt mit der Geburt, dem basalen „Schenken von Leben“ erst seinen Anfang.

Das Wesen des Geschenkes muss in einem zweiten Blick, aus der Perspektive des Beschenkten betrachtet werden. Auch hier verlangt es einen Verwandlungsvorgang, eine Befreiung von implizitem Pflichtempfinden oder Gewissensdruck durch das Geschenk. Dem vom Kapitalismus durchdrungenen Menschen, sitzt die Unmöglichkeit der freien Gabe und deren Widersinn zu jeder ökonomischen Vernunft, sehr tief. Das Empfinden freier Dankbarkeit muss aber Vergeltungsdrang ersetzen können, um ein Geschenk anzunehmen. Am Beispiel der Kunst kann veranschaulicht werden, was der Gestus des freilassenden Schenkens bedeutet. Wenn ein Künstler durch Schenkungsgeld für den Schaffensprozess freigestellt wird, so kann er nur aus freiem Geiste tätig werden, wenn er nicht an Vergeltung gebunden ist. Um das eigene Können mit der Welt zu vermählen, muss es aus Liebe geschehen dürfen. Die freilassende Schenkung bedarf der freien Annahme.

Zur hohen Kunst des Schenkens kommt die hohe Kunst des Beschenktwerdens vielleicht hilft die Initiative „bedingungsloses Grundeinkommen“ uns hier grösser zu werden. Grösser in der Liebe und freier im Geist.

Madeleine Ronner

Madeleine Ronner schreibt als freie Journalistin unter Anderem für die Wochenschrift „Das Goetheanum“. Sie ist Studentin der Philosophie und Kunstgeschichte in Basel. Ihr Schwerpunkt liegt im Spannungsfeld von Kulturreflexion und Anthroposophie - bemüht um Begegnungsraum im Journalismus.

 

Foto: Madeleine Ronner

Erschienen in: Das Goetheanum Wochenschrift für Anthroposophie  Nr. 17, 27. April 2013

1 Dazu: Stefan Brotbeck: Dir gehört nur was Du geben kannst, Aphorismen, Dornach 2004.