31.10-5.11.

Musikalische Momente

Die Musik fängt im Menschen an

„Ich nehme so viele Anregungen mit, dass ich fürchte, gar nicht alle in der weiteren Arbeit nutzen zu können!“ So die Äußerung einer Teilnehmerin zum Abschluss der letzten „Internationalen Musikwoche für Heilpädagogik und Soziale Arbeit“. Seit 1999 finden diese Musikwochen alle zwei Jahre an wechselnden Orten statt. Ins Leben gerufen wurden sie von einer Gruppe von Musikern aus dem Bereich der anthroposophischen Heilpädagogik. Im Herbst 2013 ist die Camphill Schulgemeinschaft Brachenreuthe am Bodensee Gastgeber für diese inspirierende Arbeit.

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Im Kurs mit Peter Waller .

Die Tagungsreihe hat sich als ein besonderer Ort musikalischen Lebens mehr und mehr etabliert. Ein Versuch, diesen lebendigen „Ort“ wenigstens annähernd zu umschreiben, könnte beim musikalischen Augenblick beginnen: Ein musikalischer Moment ist mehr als nur ein kurzer Zeitabschnitt, der von Klang, Melodie und Rhythmus erfüllt ist. Es ist ein Erlebnisraum voll Bewegung, Begegnung, Berührtheit, Kraft und Stille. Dies kann jeder erfahren, der mit anderen zusammen musikalisch übt, ganz besonders im improvisatorischen Üben. Für diese besonderen musikalisch-menschlichen Momente offen zu sein und sie zu pflegen, ist eine spezifische, in den musikalischen Arbeitswochen immer wieder neu angestrebte Qualität: Es ist letztlich das Ideal des schöpferischen Augenblicks, jenseits nur rezepthafter Anwendung mehr oder weniger bewährter Methoden. Es ist, anders ausgedrückt, die immer tätige Beschäftigung mit der Frage, was Musik ihrem Wesen nach ist und wie sie in helfende und heilende Beziehung zum Wesen und zur Entwicklung der Menschen treten kann. Dies kommt auch in dem von Carl Orff geprägten Motto der diesjährigen Tagung zum Ausdruck: „Die Musik fängt im Menschen an.“

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Leierensemble Bingenheim 20

Über solche Zusammenhänge nicht zu dozieren, sondern sie mit den Teilnehmern zu erforschen, zu erfahren und zu erüben ist den Akteuren dieser Tagung ein gemeinsames Grundanliegen. Sie bringen dafür langjährige Erfahrungen als pädagogisch und therapeutisch tätige Musiker aus verschiedenen heilpädagogischen, sozialtherapeutischen und waldorfpädagogischen Praxisfeldern und aus dem Ausbildungsbereich mit.

Zu Beginn war das Anliegen dieser Musikwochen eine stärkere Vernetzung der in Heilpädagogik und Sozialtherapie unterrichtend oder therapeutisch tätigen Musiker. Neue Begegnungsmöglichkeiten auf fachlicher Ebene sollten geschaffen werden, eine Art Fortbildung auf Gegenseitigkeit war angestrebt. Sehr bald stellte sich jedoch heraus: Der größte Fortbildungsbedarf ist nicht bei den professionell ausgebildeten Musiklehrern oder -therapeuten, sondern bei denjenigen, die in ihrem jeweiligen Arbeitsfeld auch mit musikalischen Fragestellungen konfrontiert, aber oft nicht ausreichend dafür vorbereitet sind: Klassenlehrer im heilpädagogischen und im Förderschulbereich, im Wohnbereich tätige Heilpädagogen und Sozialtherapeuten musikalisch mehr oder weniger versierte Menschen also, die ihre Fähigkeiten erweitern, vertiefen, verlebendigen wollen.

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Gruppenbild mit Waller

Dass diese Fortbildungswoche Erlebnisse und Einsichten vermittelt, die weit über den Moment hinaus inspirierend und stärkend für die tägliche Arbeit sein können, ist eine Erfahrung, die immer wieder von begeisterten Teilnehmern geäußert wird und den Vorbereitungskreis ermutigt, trotz der engen finanziellen Möglichkeiten auch in diesem Jahr wieder eine Tagung zu initiieren.

Das Kursangebot ist vielseitig und reicht von unterschiedlichen Improvisationsansätzen, Rhythmusübungen, Leierspiel für Anfänger und Fortgeschrittene, Chrottaspiel, Singen mit Kindern und Jugendlichen, Chorleitung, über musikalisches Üben mit Förderschülern, Ensemblespiel mit Handglocken bis hin zu Tanz, Rhythmik und therapeutischen Ansätzen.

Eine „bewegtes“ Zentrum der Tagung bilden die Plenumsveranstaltungen: der gemeinsame Tagungschor unter Leitung des renommierten Chorleiters Michael Hartenberg und ein musikalisch-spielerischer Tagesbeginn mit dem Waldorfpädagogen Peter Waller. Die Mittagspause bietet Unermüdlichen Raum und Zeit für freie Initiativen. An den Abenden finden Konzerte, ein Vortrag von Prof. Rüdiger Grimm zum Thema „Musik und Resilienz“ und Präsentationen aus den Kursen statt.

Veranstaltet wird die Tagung von der „Freien Musik Schule. Kunst Pädagogik Therapie“, die seit vielen Jahren musikalische Fortbildungen auf der Grundlage der Waldorfpädagogik und der anthroposophischen Heilpädagogik durchführt.

Christoph Heidsiek

31.Oktober - 5. November 2013, 8. Internationale Musikwoche für Heilpädagogik und Soziale Arbeit. Veranstaltungsort: Camphill Schulgemeinschaft Brachenreuthe bei Überlingen. Weitere Informationen und Anmeldung:

www.musikwoche-heilpaedagogik.de

 

Fotos: © Christoph Heidsiek