Wem soll das Saatgut gehören?

Saatgut ist in Zeiten multinationaler Konzerne eine gefährdete Lebensquelle der menschlichen Gemeinschaft geworden. Welche Perspektiven gibt es?

Als globale Zivilisation stehen wir in einer dramatischen Entwicklung: Innerhalb von zwei Jahrzehnten ist eine Saatgutindustrie entstanden mit weitreichenden Folgen: Die zehn größten Unternehmen beherrschen über 70 Prozent des Marktes; sie schaffen eine extreme Einengung der Arten und Sorten auf ein sehr schmales genetisches Band; sie verwenden Züchtungstechniken, die im Labor stattfinden, hauptsächlich im innerzellulären und innergenomischen Bereich als Genmanipulation; konventionell entwickeltes Saatgut, GV-Sorten und auch widerrechtlich angeeignete Sorten werden über Patente abgesichert und der Allgemeinheit und insbesondere den Landwirten und Züchtern zum freien Nutzen entzogen; mit der gleichen Selbstverständlichkeit werden die Gewinne aus Lizenzgebühren von Patenten privatisiert.

Im Vergleich mit anderen Branchen ist hier eine schnelle und extreme Technisierung vorangetrieben worden. Da es nicht um irgendeine Industrie geht, sondern um Saatgut als Grundlage allen Lebens, der ganzen landwirtschaftlichen Produktion und damit der Ernährung aller Menschen, ist die Entwicklung erschreckend. Es drängt sich die Frage auf: Was war vorher, woher kam das Saatgut, wer hat es gezüchtet, wie wurde es verteilt, wem gehörte es?

Es gehörte allen und niemandem

Die Antwort ist, dass das Saatgut und alles, was damit zusammenhängt, ein integraler Bestandteil der ganzen Landbaukultur gewesen ist. Je nach Weltgegend liegt diese Zeit wenige Jahre, Jahrzehnte oder höchstens ein bis zwei Jahrhunderte zurück. Traditionelle Landbaukultur heißt nicht rationelles Handeln nach neuestem Wissensstand, sondern heißt kollektiv geprägtes Handeln in der Generationenfolge von den Vorfahren zu den Nachkommen in einem religiös-sozial geprägten und empfundenen Weisheitskosmos. Mit dem Bild vor Augen, dass noch bis ins 20. Jahrhundert hinein auch in europäischen Gegenden vor der Saat Mütze oder Hut abgenommen und ein Gebet gesprochen wurde, wird klar, dass das Saatgut Gemeingut war, unter den Menschen aber auch zwischen Menschen und Göttern oder Mensch und Gott. Das Saatgut gehörte allen, oder man kann auch sagen niemandem. Es war nicht ein zu besitzendes Gut, es war noch nicht etwas, was herzustellen war, eine Ware sondern ein Kulturgut, das gepflegt und getragen wurde, einerseits nahe dem praktischen Leben in Hof, Dorf und Talschaft im bäuerlichen Jahresrhythmus und andererseits nahe dem religiösen Leben im Grenzbereich von Naturgeistigkeit und kirchlicher Gottheit: als Bote universellen und göttlichen Seins. Auf diese ‹mittelalterlichen› Verhältnisse folgte in Mitteleuropa eine Zwischenphase von circa 100 Jahren, in der Züchtung zu einem Handwerk mit wissenschaftlicher Grundlage wurde. Nach langen Jahren ausschließlicher Selektionszüchtung wurde die Kreuzungszucht die hauptsächliche Technik und es entstanden die Sortenschutzgesetze, die Rechte und Ansprüche von Züchtern und Produzenten regelten. Die Entwicklung der Sorten war von mittelständischen Saatzucht- und Saatguthandelsfirmen, staatlichen Forschungsanstalten und halbstaatlichen Genossenschaften geprägt.

Das Ende dieser Phase ist in Sicht. Die mittelständischen Unternehmen sind weitgehend alle von großen Saatgutkonzernen aufgekauft worden und die staatlichen Forschungsanstalten verlassen die Züchtungsarbeit. Das zeigt sich zum Beispiel daran, dass kürzlich die Getreidezüchtung Peter Kunz (GZPK) ganze Zuchtprogramme für Triticale, Erbsen und Mais für wenig Geld übernehmen konnte. Die Branche wird von den großen Playern wie Monsanto, Syngenta, Bayer Crop Science und Pioneer beherrscht, welche das Saatgut vollends privatisieren.

Genetische Vielfalt contra Abhängigkeit

Ein Blick auf die biodynamische Pflanzenzüchtung, beispielsweise von Peter Kunz: Wir haben kein technisch geschlossenes, sondern ein spirituell offenes Verständnis des Menschen, der Pflanzen, der landwirtschaftlichen Produktion und der Ernährung. Die Züchtung hat sich in Praxis und Lehre entwickelt und ist zukunftsoffen in dem Sinne, dass sie weder rückwärtsgewandt ist, noch der Verführung einer scheinbaren Modernität durch Technisierung verfällt.

Aus dieser Arbeit entstehen Sorten, die in beachtlichem Umfang angebaut, verarbeitet und konsumiert werden. Seit Jahren schon werden angesichts der Entwicklungen im Saatgutsektor zwei Fragen immer brennender: Wie soll und kann das soziale Feld zwischen Züchter, Landwirt, Verarbeiter und Konsument gestaltet werden? Wem soll das Saatgut gehören? Zunächst ist herauszuarbeiten, was eine gemeingutfähige Sorte von einer durch die Industrie privatisierten Sorte unterscheidet: Zu den Unterschieden gehören die breite genetische Diversität, eine hohe Anpassungsfähigkeit an die agro-ökologischen Bedingungen und die Reproduktions- beziehungsweise Nachbaufähigkeit. Diese Kriterien stehen in krassem Gegensatz zur genetischen Einengung, zur hohen Abhängigkeit von Betriebsmitteln wie Kunstdünger, Herbiziden und Pestiziden sowie zue graduellen oder totalen Sterilität. Um zukunftsfähige Formen im Sozialen auf diese Weise gemeingutfähige Pflanzen und Sorten zu entwickeln, kann die Gestaltung von zwei Seiten her erfolgen. Erstens von der Züchtung her oder zweitens von der Allgemeinheit her.

Der Züchter als Quelle

Der Züchter ist in der Regel eine Person oder eine kleine Personengruppe. Züchtung ist nur bedingt eine Gemeinschaftsleistung und muss vielmehr als Individualleistung bezeichnet werden. Bei der biodynamischen Pflanzenzüchtung ist bei der Zuchtzielsetzung wie auch bei den Kreuzungs- und Selektionsentscheiden neben den äußeren Parametern eine intime innere Gestaltungsarbeit in Korrespondenz mit dem Pflanzenwesen zu leisten und dieser imaginative, kreative Teil der Züchtungsarbeit kann nur vom individuellen Züchter erbracht werden. Gerade in dieser Phase des Zuchtgeschehens aber handelt er gemeinnützig. Denn er sucht den Zugang zu der Pflanze von der Seite her, wo sie sich offen darlebt, wo sie ein Wesen im Werden ist bevor sie sich in eine besondere Ausprägung ihrer Art fixiert. Hier liegt ihr gemeinnütziger Pol, sowohl vor dem Forum der Natur wie vor den potenziellen Eigentümern und Nutzern. Dieser Pol, näher der Idee als der materiellen Ausprägung, wird durch die biodynamische Pflanzenzucht besonders gestärkt und ist die eigentliche Ursache für die späteren Sorteneigenschaften Diversität, Ökologie und Reproduktion.

Wie kann der individuelle Züchter als ‹Meister seines Fachs› einen gemeinnützigen sozialen Raum finden? Aus dem Gesagten ist klar, dass es verheerend wäre, ihn in einem Kollektiv zu ‹neutralisieren›. Dann wäre die Quelle paralysiert. Der Züchter müsste vielmehr in seiner Souveränität im Verhältnis zu den Pflanzen geschützt und gestärkt werden. Dafür könnte sich ein Kreis von Menschen bilden, die um den Züchter einen transparenten Freiheitsraum schaffen und gleichzeitig gegen außen eine gemeinnützige Trägerorganisation begründen. Eine in diese Richtung gehende Sozialgestalt, die zum Ziel hat, eine individuelle Leistung als gemeinnützige in den öffentlichen sozialen Raum zu stellen, wäre in ihren Prinzipien zu beschreiben. Damit wäre ein wichtiges Element für eine innovative und unternehmerische Zuchtarbeit für eine zukunftsfähige Sozialgestaltung für das Gemeingut Saatgut gewonnen.

Die Allgemeinheit als Quelle

Im Sinne einer betroffenen und auch mitverantwortlichen Bevölkerung und Konsumentenschaft sind alle Teilnehmenden an den Akti onen ‹Zukunft säen!› repräsentative Mitträger. Es bleibt zu klären, ob man im Sinne des Initiativ- und Verantwortungsprinzips diese Gruppen von Menschen kraft des Aktes des Säens in die gemeinsame gemeinnützige Trägerschaft für das Saatgut heben kann. Ansonsten könnte man die Trägerschaft auf der nächst tieferen Stufe fassen bei allen Bauern, die das Saatgut einer Sorte verwenden. Im Sinne eines ‹Sortenclubs›, einer ‹open-source›-Gemeinschaft sind alle Akteure gemeinsam Träger der Rechte und Pflichten, die mit einer gemeingutfähigen Sorte einhergehen.

Dieser Ansatz beruht darauf, dass im Moment der Saat, der Keimung und ersten Verwurzelung eine Art zweiter Befruchtung stattfindet. Die Pflanze als integrales Organ des lebendigen Erdorganismus befruchtet bei der Keimung die latente Ertragsfähigkeit des Bodens. Von diesem Gesichtspunkt her gesehen ist das Saatgut also nur die eine Hälfte der Sache, die andere Hälfte ist der Ort, der Hof, der Acker, wo gesät wird. Eine gemeingutfähige Sorte braucht also nicht anonyme und standardisierte Flächen, wo sie gesät wird, sondern ökologisch und sozial verantwortlich geführte Betriebe mit einer hohen Diversität. Diese Tatsache ist die biologisch-agronomische Grundlage für die soziale Gestaltung, die jeden Bauer, der die Sorte sät, zum Miteigentümer macht.

Ueli Hurter

Ueli Hurter leitet die Sektion für Landwirtschaft am Goetheanum.

Kasten: Zukunft säen!

500 Menschen säen ein Getreidefeld, legen gemeinsam Keime für die Zukunft. Jeder findet den Mut, Verbindung zu schaffen zwischen Himmel und Erde, denn wir werden essen, was wir säen. Auf jedem Hof kann eine Aktion „Zukunft säen!“ stattfinden. Informationen zu aktuellen Aktionen, bereits durchgeführten Hoffesten, zur Idee, den Zielen und den Rahmenbedingungen im Internet unter „ www.avenirsem.ch“.

Erschienen in: Das Goetheanum Wochenschrift für Anthroposophie Nr. 43, 27.10.2012