...den Zeitleib finden

Buchbesprechung zu einer einfachen Rudolf Steiner Biografie

Was bringt einen brasilianischen Arzt dazu, dem Versuch zu unterliegen, „sich der Individualität Rudolf Steiners zu nähern“? Seine Antwort: „Nach 30 Jahren Studium und dem praktischen Umgang mit der Anthroposophie in meinem Beruf als Arzt in der Heilpädagogik, wächst auch heute noch mein Staunen über Rudolf Steiner und meine Anerkennung für sein Werk.“

Im Februar 2007 veröffentlicht Bruno Callegaro in Sao Paulo, wo er 1957 geboren wurde, erste Ergebnisse seines Annäherungsversuches, in portugiesischer Sprache, in seinem Buch: „Rudolf Steiner Stationen eines Weges“. Sein Motiv ist es, im brasilianischen Sprachraum einen Beitrag zur Annäherung an Rudolf Steiner und sein Wirken zu leisten. Bis 1993 hatte Bruno Callegaro in Sao Paulo, nach seinem Medizinstudium, als anthroposophischer Arzt eine eigene Praxis. Danach verlegt er seinen Lebensmittelpunkt nach Kassel, wo er als Schularzt und Dozent in der Heil- und Sonderpädagogik tätig ist. 2011 erscheint sein Werk in der deutschen Übersetzung von Sabine Scherer („edition lionardo“; ISBN: 3-938110-24-4).

Bisher wird es öffentlich so gut wie nicht wahrgenommen. Das ist schade, ist doch das „Büchlein“ eine kleine Perle. Fein, warm, schlicht und bescheiden, wie sein Autor, kommt es daher.

Es lässt das Leben Steiners sprechen, sein Autor nimmt sich zurück, kommt aber an entscheidenden Stellen zu mutigen, klaren und eigenständigen Urteilen und Interpretationen seiner Recherchen und Erkenntnissen.

Noch eine Biografie Steiners

„Noch eine Biografie Steiners“, wird jetzt innerlich so manche/r LeserIn aufstöhnen. Dieses Stöhnen ist berechtigt. Eigentlich ist alles gesagt, was über Steiners Leben zu sagen ist und nicht nur über ihn. Heute kommt es auf das „Wie“ an, die Form, die Komposition. Zielsicher trifft Callegaro eine Auswahl der „Stationen eines Weges“, findet die passenden Mosaiksteine für seine Gesamtkomposition und ordnet sie so an, dass sie im Gesamtklang klingen. Eine Komposition die fein, warm, schlicht und bescheiden gewebt ist, aber gerade dadurch vitalisiert und belebt. Man bekommt Lust auf Steiner und die Anthroposophie.

Kein Sachbuch eher ein Seelenbuch

„Stationen eines Weges“ ist kein Sachbuch, auch wenn es sich ganz auf die Sache an sich konzentriert, sie sprechen lässt. Eher ein Seelenbuch. Man liest es nicht mit Distanz sondern es kommt zu einem, besucht unser Herz und lässt unsere Gedanken und Gefühle fließen. Gefesselt von der Intensität und Vielfalt eines menschlichen Lebensweges, lässt man sich treiben im gedanklich-seelischen Strom, den Bruno Callegaro ruhig und doch dynamisch erzeugt.

Populär aber nicht populistisch

Das Buch ist populär, aber nicht populistisch geschrieben. Es ist ein Buch für die Allgemeinheit, für alle. Besonders geeignet ist es für OberstufenschülerInnen oder für junge Menschen, die sich für die Anthroposophie interessieren, eine Ausbildung oder ein Studium in diesen Bereichen machen oder anstreben. Ebenso für Eltern, deren Kinder in Waldorfeinrichtungen gehen oder sich mit diesem Gedanken auseinandersetzen. Es spricht die Menschen in einem einfachen, unaufgeregten, authentischen Ton an. Das hat sicher mit Bruno Callegaros Biografie und Arbeitsfeld zu tun. Als Schularzt war und ist es ihm wichtig, nahe bei den Kindern und Eltern zu sein.

Als weltweit aktiver Dozent an Ausbildungsinstitutionen für pädagogische, heilpädagogische und medizinisch-therapeutischen Berufen auf anthroposophischer Grundlage und als „deutscher Brasilianer“ oder inzwischen sogar „brasilianischer Deutscher“ besitzt er die innere und äußere Weite einer „globalen“, menschheitlichen Betrachtung, des Lebens Steiners. Und weil er dieses Buch ursprünglich für die Menschen im brasilianischen Sprachraum schrieb, findet er einen inhaltlich, wie sprachlich, einen unmittelbaren, menschlichen und dadurch zeitgemäßen Zugang zu Steiners Lebensweg.

Dabei gilt: Weniger ist meistens mehr der nachhaltige, geistige Klang entsteht in den Pausen einer Komposition kommt aus dem Nichts... und findet den „Zeitleib“.

Zeitleib

Im Schlusskapitel seines Buches „Die Geburt der anthroposophischen Geisteswissenschaft“, kommt Callegaro auf diesen, mir zentral erscheinenden Begriff, zu sprechen: „Denn alle Natur, das ganze Leben gründet sich auf der rhythmischen Wechselbeziehung von Geist und Materie und bildet so die urbildliche Dreiheit von Materie, Geist und Seele. Die Metamorphose, das Wissen von der Zeit und die Idee der Dreigliederung konstituieren die Dreiheit von Begriffen, innerhalb derer die Zeit als rhythmisches, musikalisches Element dasjenige Mittel repräsentiert, welches das Gleichgewicht (Seele) zwischen den Polaritäten Sein (Geist) und Erscheinung (Körper) hält. Dieses anthroposophische Bild des menschlichen Wesens entwuchs der Einsicht in das Wesen der Zeit.“ Callegaro nimmt Bezug auf Steiner: „Die Zeit können wir überhaupt nur zu einer Vorstellung erheben, wenn wir nicht die Analyse nehmen, die wir in der Physik gewohnt sind, nach Raumerkenntnismitteln, sondern nur, indem wir auf unser Seelenleben selbst reflektieren. In Ihrem Seelenleben stecken Sie aber, wenn Sie auch nur abstrakte Gedanken haben, in dem Zeitleib darinnen. Das ist das Wichtigste, dass man nun wirklich diesen Zeitleib als einen Organismus aufzufassen in der Lage ist.“

Callegaro interessiert dieser „Zeitleib“ - in der anthroposophischen Terminologie „ätherischer Leib“ oder „Bildekräfteleib“ genannt, brennend. Er forscht dazu schon lange. Eines seiner Ergebnisse: „Wenn wir diesen Kräfteleib wahrnehmen, der ein „fließender Zeitleib“ ist, ist die Unterscheidung zwischen dem Subjektiven und dem Objektiven nicht länger wichtig, denn die ätherischen Kräfte durchdringen auch die Welt.“

Man ist gewillt, dazuzufügen: Sie durchdringen auch Bruno Callegaro und sein bescheidenes Büchlein.

Und nicht nur an dieser Stelle. Seine langjährige berufliche Erfahrung und individuelle Forschung bringt er in seine Steinerbiografie ein. So ist spannend, wie er Steiners autobiografische Aussage, dass er als kleines Kind furchtbar geschrien habe und dies gewiss keine Nachahmung seiner stillen Eltern gewesen sei, deutet: „Aus meinen Erfahrungen als Schularzt zeigen Kinder, die in den ersten Lebensjahren >folgsam< sind, eine geistige Trägheit mit Blick auf ihren ererbten Körper und seine Verwandlungen.“ Ein Beispiel für mutige, manchmal auch gewagte Thesen, mit denen Callegaro immer wieder Farbe in sein Buch bringt.

Den aktuellen Menschenkindern nahe sein

Kein Wunder, dass er, den es immer wieder zu Beobachtungen in den Kindergarten zieht, weil er da den aktuellen Menschenkindern am nächsten ist und der zum Beispiel, auf Grund seiner intensiven Wahrnehmungen in dem Massenphänomen Legasthenie einen Zukunftsimpuls sieht und sich darüber freut, sich auch an Aussagen über Steiners Schulzeit wie diesen erwärmt: „Der Lehrer war entsetzt ob meines Schreibens. Ich rundete alle Buchstaben, ignorierte die Oberzeilen und schrieb alle Worte unorthographisch.“ (…) „Es war schlechterdings unmöglich, etwas anderes zu tun, als die Seele stumpf brüten zu lassen und das Abschreiben mit den Händen fast mechanisch zu besorgen.“

In dieser Weise stellt Callegaro kleine Kindheitssituationen Steiners dar, in denen Persönlichkeitsmerkmale Steiners angelegt sind und Grundwerte seiner späteren Waldorfpädagogik auftauchen.

„Für die Augen dieses Kindes wurden die menschlichen Seelen mit allen ihren Sorgen und Wünschen, ihren Wallungen von Hass und Liebe ganz undurchsichtig. Gewiss war das Schreckliche, das er wahrnahm, der Grund seiner großen Schweigsamkeit.“ (Edouard Schuré)

Vom 11. bis zum 18. Lebensjahr lief Steiner den 5 Kilometer langen Weg von der Schule nach Hause, bei jedem Wetter, zu Fuß. „Das gab mir reichlich Gelegenheit, gerade meine Gesundheit abzuhärten“, sein späterer Kommentar.

Callegaro berichtet, dass es Steiner schwer fiel dem Unterricht zu folgen. Der Grund: „Ich sehnte mich nach Menschen, denen ich wie Vorbildern menschlich nachleben konnte.“

Ein Zitat, das erstaunlicher Weise zwei wesentliche Symptome heutiger Kindheit widerspiegelt: Die Bewegungsarmut und die Authentizität der LehrerInnen als prägendes Erziehungsmittel.

Was ist eine schlaflose Nacht gegen einen solchen Fund!

Als zentrales Erlebnis Steiners Jugendzeit stellt Callegaro die Nacht vom 10. auf den 11. Januar 1881 dar. Steiner ist zu diesem Zeitpunkt 20 Jahre alt. Es gelingt ihm in dieser durchwachten Nacht das von Schelling beschriebene „geheime, wunderbare Vermögen, uns aus dem Wechsel der Zeit in unser innerstes, von allem was von außen hinzukam, entkleidetes Selbst zurückzuziehen und da unter der Form der Unwandelbarkeit das Ewige in uns anzuschauen.“, in sich zu entdecken. „Was ist eine schlaflose Nacht gegen einen solchen Fund!“, so Steiner. „Es ist an der Zeit!“, dieser Weckruf aus Goethes Märchen, schließt daran an und ist ein weiteres Puzzleteil für Callegaros Bild der Jugendzeit Steiners.

Am Schicksalstag der Deutschen, dem 09. November, hält Steiner 1888, in der Goethegesellschaft Wien, seinen ersten anthroposophischen Vortrag mit dem Titel „Goethe als Vater einer neuen Ästhetik.“ Diesen Vortrag, an diesem besonderen Datum, hebt der „brasilianische Deutsche“, Callegaro besonders hervor. Und das zurecht. Er ist für ihn „die Keimzelle aller späteren Arbeiten und Darlegungen auf ästhetischem und ästhetisch-sozialem Felde.“

„Gibt es die Wiederverkörperung?“, eine zentrale Lebensfrage Steiners, fällt ebenfalls in diese Zeit. Callegaro berichtet von Oskar Simony, der Steiner diese schicksalhafte Frage in einer Nacht kurz vor Steiners 28. Geburtstag stellt.

Auch für diese Lebensphase Steiners (1890 1897) findet Callegaro eine mutige Interpretation. Er spricht von einem der „wichtigsten schicksalhaften, karmischen Umständen des 19. Jahrhunderts, die Steiner von Wien nach Weimar geführt haben.“ Als Grund nennt er den „späten Wiener Platonismus“, welcher „den Goetheanismus in Österreich gerettet hat, während in Deutschland seine Tage längst gezählt waren.“

Öffentlichkeit

„In Berlin betritt Steiner die Arena der geistigen Auseinandersetzung seiner Zeit, er hat lange genug in der Isolation in Weimar gearbeitet. Was er sich erarbeitet hat, soll jetzt der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden, und er wird darum kämpfen, dass der neue Geist zum Durchbruch gelangt.“

Mit diesen starken Sätzen läutet Callegaro sein Kapitel „Die Jahrhundertwende in Berlin 1897-1904“, ein. Das Motiv des Öffentlichmachens wird für Steiner nun zentral. Er sucht und betritt mutig und bewusst die öffentliche Bühne. „Seine stets frei gehaltenen Vorträge insgesamt mehr als 5000 waren ein Kulturereignis“ (Walter Kugler).

Callegaro kommt bei seinen Forschungen zum Ergebnis, dass Steiner zur Jahrhundertwende sein eigener ahrimanischer Seelenanteil gegenübertritt, „in Gestalt des in allen sozialen Bestrebungen jener Zeit präsenten Materialismus, der später zum Kommunismus, zum Sozialismus und schließlich zur Globalisierung führt.“ Da ist er wieder, der Geistes- und Seelenforscher und mutige Deuter, Callegaro.

Und da ist immer wieder der Arzt, der Analogien zur menschlichen Entwicklung sucht und findet. Ganz im Sinne von Steiners wunderschönem Bild, welches Callegaro in seinem Schlusskapitel würdigt: „Die Anthroposophie ist ein Mensch. Es ist dieser Mensch, der durch die Freiheitstat geschaffen wird.“

Gibt es noch mehr zu sagen?

Markus Stettner-Ruff