Im Strom gebunden

Strom ist das Blut der Industrienationen. Länder wie die USA und Deutschland stehen vor Aus- und Umbau ihrer Stromnetze, den Wasserträgern der Neuzeit. ‹Überall› und ‹unbegrenzt› sind Zauberworte dieser Energie in einer entgrenzten Kultur was ist der Tribut für diesen Zauber?

München leuchtet. So beginnt eine Erzählung von Thomas Mann. Dieser Autor ist erst vor rund 50 Jahren gestorben, aber die Realität seiner Sprache scheint so weit weg, sie könnte geradesogut in der Goethe-Zeit liegen. Mitte November leuchtete München nicht. Es bleibt finster, ein Stromausfall legte das öffentliche Leben in großen Teilen der Stadt lahm. Diese Lahmlegung tritt in anderen Weltgegenden häufiger auf, auch in den großen amerikanischen Städten, hierzulande ist sie eher selten. Umso phänomenaler wird sie von den Betroffenen erfahren. Man staunt, wie das Leben sich anfühlt, wenn der Strom wegbleibt. Schuld an der Misere war vermutlich nur ein kleiner Wind, der eine Überlandleitung draußen vor der Stadt kappte. Nur ein wenig der sogenannten Naturgewalt, beileibe kein Orkan. 

Ohne elektrische Energiezufuhr steht die Welt mit einem Male Kopf. Der Kühlschrank wird warm, die Heizung erkaltet. Der Lichtschalter macht kein Licht, vielleicht bleiben sogar die Rollläden vor den Fenstern unten, falls sie elektrisch bewegt werden. Die Tankstellen funktionieren nicht. Falls einer noch Benzin hat und losfährt, ist der Verkehr regellos, die Ampeln sind außer Betrieb. Bahnen stehen still, Kinder können nicht zur Schule, Erwachsene nicht zur Arbeit. Aber die Arbeit ist sowieso weg, weil kein Computer mehr läuft. Kurz: das Leben lahmt nicht nur, es bricht zusammen. Sogenannte Notstromaggregate falls sie funktionieren, was kürzlich beim Orkan Sandy an der amerikanischen Ostküste nicht der Fall war übernehmen die existenzielle Versorgung, in Krankenhäusern und Atomkraftwerken. 

Der Stromfluss ist die Lebensader unserer Zivilisation und zugleich ihr Leichnam. Er versorgt uns mit Energie, er transportiert unser gesamtes zwischenmenschliches Leben, mit all seinen Schlacken. Natürlich kommt auch keine Müllabfuhr, wenn der Strom ausfällt. Unser Leben hängt an der Stromleitung. Wenn sie gekappt wird, scheint nicht mehr viel übrig, was noch leuchten könnte. Auch Thomas Manns Erzählung bleibt dunkel, wenn der Aku des E-Books leer ist. Wir haben Leitungen in der Luft, in der Erde, unter dem Meer. Wir haben Masten, die Funksignale und Wellen vermitteln ins Außerirdische und zurück. Masten können ebenso umfallen wie Leitungen ausfallen. 

Was dieses ganze Szenario besagen will, ist die Leichtigkeit, mit der wir unvermittelt, mitten im alltäglichen Leben, im Zentrum einer Geisterfahrung landen können. Und wenn wir plötzlich gefragt würden, wenn der Strom ausfällt und so vieles stehen bleibt: Wo ist die Kraft, die dich stützte, die dich durchdrang, die dich erweckte, die dich erflammte …? Was trägt dich, was formt dich, wie bestehst du, wie entzündest du dich? Ja, was wollten wir dann antworten?

Sobald der Strom ausfällt, geschieht etwas wirklich Erstaunliches. Der Mensch wird auf der Stelle zum Individuum. Jeder tritt hervor und wird ein Einzelner. Zunächst kreisen die Gedanken um die eigene Notlage, aber dann zeigt sich bald, wozu die Notlage führt. Wie das Denken weitergeht. Ob die einzelne Seele sich hinausruft ins Leere und Dunkle, nach dort, wo die anderen ebenfalls in Not sind. Ob sie wie ein kleines Licht zu leuchten beginnt mit der bangen Frage: Ist da jemand? Ob sie tastet wie ein Kind im Dunkeln nach dem anderen, nach dem Trost, der Kraft, die nur ein mitfühlendes Wesen im Dunkel darstellt. Oder ob sie sich abschottet, isoliert, zusammenballt, um sich zu verstärken in der eigenen Finsternis. Ob sie ausgeht, Liebe zu suchen, die Bereitschaft zur gegenseitigen Hilfe, oder ob sie sich wappnet, ihre Habe zu verteidigen. Das ist eine Frage auf Leben und Tod. Sie scheint ganz leicht auf, im Bild, wenn der Strom ausfällt.

Die große Anbahnung des Strömenden über die Erde hin, das Geflecht und Gewebe, imaginativ gelesen, sind all diese Leitungsbahnen ein Urbild für das, was die Menschheit endlich aus dem untersinnlichen Bereich denn es ist uns sinnlich ja nicht ursprünglich zugänglich endlich ins Übersinnliche heben muss. Wir können den elektrischen Strom nicht unmittelbar fassen, tasten, sehen, riechen wir erleben nur seine Wirkungen. Wie die Schatzgräber im Gedicht müssen wir unsere irdische Bewusstseinslage umackern. Uns klar werden, ob wir weiterhin getragen sein wollen von einem Automatismus, der jenseits des Menschlichen liegt. Oder ob wir uns der Tatsache stellen, dass wir dem Geist gleichen, den wir begreifen. Unser Leben kann nur weitergehen, fruchtbar, kulturell über den Automatismus hinausgehen, wenn wir den Maschinengeist nicht länger in der Selbstbestimmung dulden. 

Es ist Geist im Strom gebunden. Mit Letzterem zu wirtschaften, ohne dies zu berücksichtigen, ist Illusion. Ein Geist lässt sich nicht isoliert begreifen. Der schöpferische Umgang mit den Lebenskräften des Strömungswesens erfordert die reale Kontaktaufnahme mit der geistigen Welt. Nur so wird verstehbar, was sich abspielt im Strom. Den menschlichen Geist als unendliches Entfaltungsorgan und das menschliche Ich als unsterbliches Strömungswesen zu verstehen, das wäre ein kulturelles Feuerwerk. Was den technischen Umgang mit dem Irdischen angeht, ist nur so zu erwarten, dass die Erde leuchtet. Ihre Brillanz im Kosmos ist der menschliche Erfindungsgeist. Der braucht dringend Fortschritt.

Jakob Grünzweig

Erschienen in: Das Goetheanum Wochenschrift für Anthroposophie Nr. 3, 19.1.2013