Handlungsfähigkeit im Reich der Götter

Was mit Echnaton seinen Anfang nahm

Echnaton oder Akenaton ist eine umstrittene Gestalt und zugleich eine ungemein reizvolle Figur der Geschichte. Er ist einer der wenigen Pharaonen, die unmittelbar als Persönlichkeit greifbar erscheinen. Bei Herrschern wie Djoser oder Tutmosis III.  weiß man deren Regierungszeit, weiß dass sie Eroberer oder Bauherrn waren, aber eine greifbare Persönlichkeit kommt einem nicht entgegen. Es fehlt das Gefühl, einem Ich gegenüberzustehen. In hohem Maß ist der Pharao eine Rolle, verschwindet hinter seinem Amt. Wenn man einen römischen Caesar danebenstellt und von Trajan oder Augustus spricht, dann spürt man, dass mit der Nennung des Namens eine Persönlichkeit in der Luft ist. Das gilt nicht für die Pharaonen. Bei Echnaton scheint man dem, was eine menschliche Persönlichkeit ausmacht, näher zu sein. Er wollte ein Element der ägyptischen Welt im Laufe seiner 17-jährigen Regentschaft mit zunehmender Gewalt eliminieren: das Prinzip des dialektischen Spieles sich widersprechender Zweiheiten, die zusammengeschaut eine Einheit bilden. Damit knüpft er an etwas an, was sich latent in der ägyptischen Kultur vorbereitet hat.

Neuronengewitter

Wenn man das Prinzip der Pyramide zu verstehen versucht, dass sich aus der einen Spitze das Viele in den Ecken entfaltet, dann liegt der Vielheit die Einheit zugrunde. Es ist der gleiche Gedanke, der in der griechischen Philosophie auftaucht und der bis heute die Wissenschaft beschäftigt. Die Frage: Wie kann das sein, dass das Verschiedene unter Einem angeschaut wird?  Ein Biologe der Gegenwart sagt beispielsweise: «Goethes Faust ist ein Neuronengewitter, das sich im Vorderhirn ereignet hat.» Es geht nicht um den inhaltlichen Unsinn dieses Satzes, sondern um die Art des Denkens. In dem, was sich in Goethes Faust offenbart, ist etwas gleich mit dem, was sich im Studium von Goethes Gehirn zeigen würde. Die wissenschaftliche Denkweise geht so vor, dass sie dieses so völlig Verschiedene auf das Identische reduziert nichts anderes bedeutet dieser merkwürdige Satz. In der formalen Logik nennt man solch einen Zusammenhang den Satz der Identität. In dem Einen ist das Andere identisch mit dem Ersten. Wissenschaft besteht darin, das viele Sein unter dem Gesichtspunkt der Identität aufzufassen. In der Religion der alten Ägypter gibt es das auch. Es gibt das vielfältige Sein  auch der Götter  und es gibt im Hintergrund die Vorstellung, dass dieses unendlich Viele aus Einem hervorgeht.

Nur ein Göttliches

Echnaton hat eine latent in der ägyptischen Religion veranlagte Struktur radikalisiert und ausgesprochen, indem er sagt: Alles Göttliche ist nur ein Göttliches. Er hat wahrscheinlich den radikalsten Monotheismus gebildet, den es je gegeben hat. Radikaler selbst als der Islam, der noch sogenannte Dschinn-Wesen kennt und Engelwesen wie Gabriel, der eigentümlicherweise mit seinem hebräischen Namen in den Koran gewandert ist und den man  ein Problem für die Mullahs  schwerlich unterbringen kann.  Bei Echnaton gibt es nur den einen Sonnengott, dessen Erscheinungsweise die sichtbare Sonnenscheibe ist. Damit hat er das Prinzip, das Eine erscheinen und offenbaren zu lassen im Anderen, so, wie es in der vorhergehenden und späteren ägyptischen Religion der Fall war, gebrochen und etwas hereingebracht, was dem Ägypter fremd war. Gleichzeitig hat er damit das Prinzip wissenschaftlichen Denkens vorgebildet. Das hat er selbst so nicht denken können. Denn Wissenschaft gab es noch nicht, das Prinzip, aus einem alles zu erklären. Wie zum Beispiel ein Atomist der Überzeugung ist, dass alles was existiert, auf Atome zurückzuführen ist. Insofern liegt in Echnaton etwas sehr Modernes vor, nur hat er sich selbst nicht als modern erlebt, sondern als wahr. 

Weltenkräfte beurteilen

Das Zweite, was durch Echnaton zum ersten Mal in der Geschichte auftrat, ist sein Verdikt allen anderen Göttern gegenüber und damit allen anderen Kulten und Priestern und damit breiten Schichten der Bevölkerung gegenüber, der Satz ‹Was nicht Aton ist und dennoch Gott genannt wird, ist falsch, ist unwahr, ist böse!›. Das ist das Prinzip des Monotheismus, dass er das andere dämonisiert oder zumindest entwertet. Das ist das Vermögen  ich schildere es positiv , in den göttlichen Dingen zu urteilen. Es bedeutet, die Kategorie von Gut und Böse, wahr und falsch die man aus dem menschlichen Zusammenleben kannte  in den Bereich der Götter zu übertragen. Dadurch werden die Götter bei Echnaton von Weltenkräften zu unmittelbar moralisch relevanten Entitäten. Einer Weltenkraft gegenüber, wie etwa der Elektrizität, kommen wir nicht auf die Idee, sie moralisch zu beurteilen, wohl aber mit ihr vorsichtig umzugehen. Die Naturkräfte sind für uns wirkende Kräfte, denen wir keine Freiheit unterstellen. Bis zu Echnaton ist die Götterwelt eine Welt nicht hinterfragbarer, wirksamer Kräfte, zu denen man sich moralisch stellen lernen musste, die aber selbst nicht dem moralischen Urteilsvermögen des Menschen unterworfen waren. Mit Echnaton ist ein Mensch aufgetreten, der gesagt hat, auch in den göttlichen Dingen ist der Mensch urteilsfähig. Er hat es so radikal getan, dass alle anderen Götter in seinem Urteil verschwanden. Dass es Gut und Böse in göttlichen Dingen gibt, war etwas Neues, etwas Unerhörtes. War etwas, was man im Nachhall als eine Fähigkeit des Menschen zu begreifen lernt.

Wer urteilt, bringt die Krankheit

Durch Echnaton ist die Menschheit in die Situation versetzt, etwas zu tun, was sie zuvor gar nicht für möglich, nicht für menschlich hielt. So ist zu erklären, dass man nach Echnatons Tod die sich mit verheerenden Folgen ausbreitende Pest in eine Beziehung zu ihm stellte: ‹Die Sünde des Einen, rief die Krankheit über das Volk›. Sodass sich mit der Tat Echnatons, im Göttlichen herumzufuhrwerken, im ägyptischen Volk festsetzte: Wer in den göttlichen Dingen urteilt, der ruft das Kranke in das Sein herein. Das ist eine Vorstellung, die sich in den monotheistischen Religionen findet; der, der in den göttlichen Dingen urteilt, wird  mit einem Krankheitsbringer verglichen. Urteilsfähigkeit in der göttlichen Sphäre, das Entstehen von Gut und Böse, wird mit Krankheit und Gesundheit in Verbindung gebracht. Die Idee des einen Gottes, der gegenüber allen anderen Göttern der Wahre ist, entsteht. Das liegt als Chance den monotheistischen Religionen zugrunde, dass das Urteilsvermögen auf das Reich des Göttlichen erweitert wird. Es ist zugleich der Fluch des Monotheismus, dass er nicht anders kann, als den Krieg in die Welt zu bringen, den Religionskrieg. Den Krieg über das, worüber es keine menschliche Verständigung gibt. Es lohnt sich, dazu die Aussagen der islamistischen Fundamentalisten, aber auch amerikanischer Extremisten über das Reich des Bösen anzuschauen.

Zwei Seiten des Monotheismus

Es ist das Rätsel des Monotheismus, dass mit ihm der menschliche Geist zur Selbstständigkeit erwacht und zugleich Philosophen wie Hannah Arendt oder Hans Jonas zeigen, welcher Zusammenhang zwischen dem Monotheismus und der Unmenschlichkeit besteht. Das ist das Rätsel des Monotheismus. Das hat Goethe dazu gebracht, sein Lebensthema an der Gestalt des Faust zu thematisieren, Faust, dieser durch und durch böse Mensch, der aber gleichzeitig Repräsentant des strebenden, Mensch werden wollenden Menschen ist. «Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen.» Mit Recht besteht in der Rezeptionsgeschichte des Faust bis heute die Frage, warum Faust tatsächlich erlöst wird. Goethe führt zu diesem Thema ein Gespräch mit Eckermann und antwortet, dass vielleicht Faust den Mephisto holt. Dass so aus der Urteilsfähigkeit des Menschen im Göttlichen schließlich eine Handlungsfähigkeit im Göttlichen wird. Das alles hat mit Echnaton angefangen und es gehört zu den Rätseln dieser Pharaonengestalt, dass sie erst durch die Menschheit, die bis über Hals und Kopf in diesen Lebenswiderspruch des Monotheismus verstrickt ist erst durch diese moderne Menschheit entdeckt worden ist. Sie hat gewißermassen in Echnaton ihresgleichen in der Welt der Pharaonen gefunden.

Joachim Daniel

Joachim Daniel, Kulturwissenschaftler, verstarb 2009. Der Text basiert auf einem Vortrag, der als CD ‹Ägypten, Pyramiden Theben Dendera›, ISBN 978-3-03752-045-1 bei Sentovision publiziert wurde.  ISBN: 978-3-03752-045-1.

Erschienen in: Das Goetheanum Wochenschrift für Anthroposophie Nr. 4, 26.1.2013