Von Pflanzen lernen

Eurythmiesymposium

„Bringt es uns näher an den Menschen heran, näher an menschliche und soziale Prozesse, wenn wir von der Pflanze lernen, die Pflanzen überhaupt wahrnehmen auf neue, intensive und spielerische Weise?“ Dies fragte Andrea Heidekorn in der Einleitung zum fünften Symposium für Eurythmie in sozialen Arbeitsfeldern an der Alanus Hochschule, das gleichzeitig auch ein Bewegungssymposium war. Bei der zweitägigen Veranstaltung am 4. und 5. Mai 2013 galt es, durch die Beschäftigung mit Pflanzenbewegung, dem Menschen, seiner Bewegung und seinem Zusammenleben auf die Spur zu kommen.

Drei unterschiedliche Annäherungen an die Fragestellungen wurden dargestellt und praktisch erprobt:

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Nachempfinden von Pflanzen- und Wachstumsprozessen in eurythmischen Bewegungen.

Tanja Baumgartner, vom Institut Arte Nova aus der Schweiz, brachte ihre neuen Forschungen zur Phytokinetik ein, bei der sich Phänomenologie, Biologie und Anthroposophie trafen.

Alexander Seeger präsentierte mit Eurythmiestudentinnen eine Reise durch verschiedene Pflanzenbeobachtungen, die zu einem Nachempfinden, Übertragen und Gestalten in eurythmischen Bewegungssequenzen führten. Die Präsentation berührte das ganze Auditorium, regte zu Heiterkeit und zur aktiven Mitarbeit an. Von Wachstumstänzen bestimmter Blumenarten, über Blattbildungsprozesse bis zum weiten Lebensfeld einer einzelnen Pflanze spannte sich der Bogen.

Andrea Heidekorn begann mit einer ausführlichen Bewegungseinheit, um zunächst in der Erfahrung auszuloten, wie der bewusste Umgang mit Körpersystemen die Bewegungsführung und -empfindung verändert. „Die Eigenwahrnehmung, wie auch die Prozess- und Ensemblewahrnehmung verändern sich nachhaltig und werden zur Grundlage für Gestaltungsfähigkeit in diesen Bereichen“, so Heidekorn. Dies wirke sich auch außerhalb von Eurythmiesaal und künstlerischer Betätigung auf den Alltag und die sozialen Situationen im Leben verändernd und stärkend aus. Ein methodisch ausgerichteter Vortrag fasste die Erfahrungen dann inhaltlich zusammen.

Der erste Veranstaltungstag endete mit einer abwechslungsreichen Abendaufführung, die viel Applaus erhielt und zu anregenden Gesprächen führte: Die aus Amateuren und Eurythmisten bestehende Ü50 Gruppe Gaianna brachte Gedichte und das Allegro Barbaro von Bartok auf die Bühne. Sie zeigte in ihren Choreografien die Beschäftigung mit den gewaltigen Kräften, die zu Wachstum und Gestaltung führen. Rebecca Ristow präsentierte Ausschnitte aus ihrem neuen Programm über den Wald und das Moos. Eine sehr stille, meditative Bewegungseinheit. Eurythmiestudentinnen des 3. Studienjahres zeigten zwei Choreografien, die in Zusammenhang mit der Forschungsarbeit von Andrea Heidekorn entstanden sind. Im Knaben im Moor von Droste-Hülshoff, erarbeitet mit Tanja Masukowitz, brachten sie unterschiedliche Substanzqualitäten in Bewegung zur Anschauung, um anschließend in einer virtuosen Toccata von Debussy auch spielerisch und instrumental beweglich das Wachstum und die Entfaltung von Pflanze und Mensch zu inszenieren.

Eingerahmt wurde der Tag von musikalischen Interventionen durch Gabriella Kapfer aus England, die ihre Arbeit als „co-creative working with earth“ beschreibt. Ihre Klangimprovisationen waren wie ein aktives Verweben von Erfahrungsebenen.

Am zweiten Tag wurden die Bereiche in praktischen Workshops vertieft und in Gesprächsgruppen aufbereitet. Besonders dieser offene Austausch unterschiedlicher auf den gleichen thematischen Raum gerichteten Forschungs- und Gestaltungsprozesse wurde von den Teilnehmern im Abschlussplenum als wichtig und zeitgemäß erlebt und als Impuls für die eigene Weiterarbeit. „Das Symposium hat gleichzeitig heiter und ernsthaft in die Mitte meiner Existenz geführt“, resümierte eine Teilnehmerin, „Eurythmie schult uns, wir können uns durch sie verändern und das wirkt sich gerade im Alltag und in unserer Wahrnehmung in jedem Moment aus.“

Ein Film über das Symposium ist ab Mitte Mai bei Youtube unter dem Suchbegriff „Symposium Sozialeurythmie 2013“ zu finden.

Claudia Zanker

Foto: Alanus Hochschule