Alter(n) in der Arbeitswelt Länger gesund im Job

In Deutschland ist die durchschnittliche Lebenserwartung in den letzten 40 Jahren um mehr als zehn Jahre gestiegen. Dieser guten Nachricht steht allerdings die Tatsache gegenüber, dass die deutsche Bevölkerung schrumpft, so dass wir alle länger arbeiten müssen, um unsere sozialen Netze weiterhin finanzieren zu können. Dementsprechend sind die Beschäftigungsquoten der Menschen zwischen 55 und 64 in den letzten zehn Jahren von 36,8 auf 57,7 Prozent angestiegen. Dieser Tendenz entspricht auch, dass sich das Renteneintrittsalter in den nächsten Jahren schrittweise auf 67 Jahre erhöhen wird.

Konkret bedeutet das, dass die Belegschaften eine stärkere Altersmischung aufweisen werden. Auch die lange gepflegte Auffassung, dass Menschen spätestens ab 55 nicht mehr produktiv sein können, wird sich angesichts von Fachkräftemangel und schrumpfender Bevölkerung (endlich!) nicht mehr halten lassen. Trotzdem sollten wir berücksichtigen, dass die Arbeitsfähigkeit immer auch etwas mit den konkreten Arbeitsbedingungen, mit dem Umfeld und natürlich auch mit Wertschätzung zu tun hat. In diesem Zusammenhang ist erschreckend, dass die Zahl der Renten wegen verminderter Erwerbsfähigkeit in der Altersgruppe der 35- bis 50-Jährigen deutlich angestiegen ist! Auf der anderen Seite glauben über 70 Prozent der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, dass sie ihre Tätigkeit auch noch mit 60 gut ausüben können werden.

Altern in der Arbeitswelt heißt auch, sich klar zu machen, dass wir alle altern und dass sich unsere Fähigkeiten im Laufe der Zeit verändern. Jeder Mensch altert unterschiedlich und verändert im Laufe seines Arbeitslebens auch seine Kompetenzen. So steigt z.B. mit zunehmendem Alter die Fähigkeit, komplexe Aufgaben zu lösen und auch die Offenheit, alternative Lösungswege einzuschlagen. Auch Grenzen und Möglichkeiten können von Älteren oft besser eingeschätzt werden. Andererseits nimmt die Leistungsfähigkeit bei Mehrfachtätigkeiten unter Zeitdruck ab, auch Hörkraft und Daueraufmerksamkeit lassen nach.

Frühzeitig ansetzen

Was braucht es also, um gesund in der Arbeitswelt altern zu können? Auf alle Fälle sollte man sich frühzeitig mit dem Thema auseinandersetzen. Denn viele Krankheiten, die im Alter massiv auftreten, beginnen bereits in früheren Jahren. Natürlich ist dabei jeder einzelne gefordert, sich lebenslang „gesund“ zu verhalten und die eigenen körperlichen und seelischen Ressourcen zu pflegen. Wir kennen ja alle die Aufrufe zu mehr Bewegung, gesundem Essen, Stressabbau... Darüber hinaus brauchen wir aber auch bestimmte Rahmenbedingungen: eine andere Unternehmensorganisation, eine Veränderung der Unternehmens- und Führungskultur sowie neue Modelle der Arbeitszeitgestaltung. Gerade von Letzterem profitieren im Übrigen alle Altersgruppen: Junge Familien hätten mehr Zeit für ihre Kinder, ältere Arbeitnehmer für die Pflege von Angehörigen.

Auch inhaltlich lohnt es sich, neue Ansätze auszuprobieren: Ein Berufseinsteiger braucht andere Aufgaben als ein „alter Hase“. Was allerdings alle brauchen, ist eine sinnstiftende Arbeit sowie die Wertschätzung in ihrem Tun. Ein gesundes Unternehmen entwickelt die Potentiale seiner Mitarbeiter weiter, erkennt und fördert die Stärken, entwickelt altersgruppengerechte Weiterbildungsangebote, stellt den intergenerativen Wissenstransfer sicher. Es begegnet jedem Alter (vom Neueinsteiger bis zur langjährigen Kollegin) mit Wertschätzung und Respekt und berücksichtigt und minimiert Unfallgefahren und Risiken.

Sinnvolle Strukturen schaffen

Wir wissen heute, dass für das Krankheitsrisiko die Position in der Unternehmenshierarchie entscheidend ist: Nicht etwa der gestresste Manager hat das höchste Risiko, einen Herzinfarkt zu erleiden. Nein, das Risiko steigt vielmehr an, je weiter unten jemand in der betrieblichen Hierarchie steht. So verwundert es auch nicht, dass das Herzinfarktrisiko bei erwerbslosen Menschen am höchsten ist. An diesem Beispiel lässt sich gut nachvollziehen, wie wichtig die Sinnhaftigkeit unserer beruflichen Aufgabe für unser Wohlbefinden ist: Jede Tätigkeit braucht eine Perspektive und einen Sinn! Deshalb benötigen wir eine neue betriebliche Alterskultur, die die Frage nach Sinn und Perspektive für den Einzelnen mit einschließt.

Von solchen sinnhaften, einschätzbaren und beeinflussbaren Arbeitsbedingungen werden Alt und Jung gleichermaßen profitieren. Arbeit hält dann gesund, wenn sie die Potentiale der Menschen weiterentwickelt. Darüber hinaus muss die Arbeit gut organisiert sein, so dass Behinderungen durch Informationsdefizite, motorische Hürden, Unterbrechungen sowie Überforderungen (Zeitdruck, fehlende Qualifikation, Einweisung) vermieden werden.

Ein positiver Blick auf diese neuen Anforderungen lohnt sich also. Längst wissen wir, dass ältere Arbeitnehmer über eine ausgeprägte Leistungsbereitschaft verfügen und in gemischten Teams wertvolle Partner sind. Leider diskutieren wir die alternde Gesellschaft immer noch unter negativen Vorzeichen und vergessen dabei, dass Menschen bis ins hohe Alter Wertvolles für unsere Gesellschaft beizutragen haben. Natürlich sind oder werden wir nicht alle noch im hohen Alter so produktiv wie Helmut Schmidt, Woody Allen oder Ursula Lehr. Aber wir haben alle ein Anrecht darauf, durch alle Lebensphasen hindurch als wertvolle Mitglieder unserer Gesellschaft wahrgenommen zu werden. Dass dazu im Übrigen auch gehört, dass wir nach lebenslanger Arbeit nicht in Altersarmut fallen dürfen, versteht sich von selbst. Allerdings ist genau das in Zeiten unsicherer Erwerbsbiographien und der Zunahme prekärer Arbeitsverhältnisse keine Selbstverständlichkeit mehr.

Barbara Wais, Geschäftsführerin des Dachverbandes Anthroposophische Medizin in Deutschland (DAMiD)

Tipp:

Der DAMiD hat gemeinsam mit dem Kneipp Bund und der BarmerGEK zu diesem Thema am 10. Oktober 2012 in Berlin den Kongress „Alter(n) was geht? Länger gesund im Job“ durchgeführt. Ergebnisse dieser Veranstaltung finden Sie unter „Dokumentationen“ auf www.zukunft-praevention.de Alter(n) in der Arbeitswelt Länger gesund im Job

Erschienen in: POINT, Patientenmagazin von Gesund Aktiv, Anthroposophische Heilkunst e.V., Winter 2012.