bis 7. Juli

FRITZ WINTER. DAS INNERE DER NATUR

Kunstmuseum Stuttgart

Fritz Winter wird 1905 in Altenbögge bei Unna geboren, studiert von 1927 bis 1930 am Bauhaus in Dessau und wird nach dem zweiten Weltkrieg einer der bedeutendsten Vertreter der abstrakten Kunst in Deutschland. Die Ausstellung »Fritz Winter. Das Innere der Natur« zeigt, wie vielfältig der Künstler sich in den verschiedenen Schaffensphasen mit der Natur auseinandersetzt. Dabei geht sie nicht chronologisch vor, sondern widmet sich in jedem der fünf Ausstellungsräume einem thematischen Aspekt.

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Olafur Eliasson, Reversed silver moon, 2010. Foto: Jens Ziehe, © Studio Olafur Eliasson

 

Da diese Themen auch heute noch eine Rolle spielen, wird Winters Werk in der Ausstellung erstmals in den Kontext der zeitgenössischen Kunst gesetzt. Arbeiten von Maria Bartuszová, Björn Dahlem, Olafur Eliasson, Berta Fischer und Wolfgang Flad werden den verschiedenen Werkgruppen Winters gegenübergestellt und erlauben so eine neue Sicht auf sein Werk. Die Ausstellung findet anlässlich des 100. Geburtstages des Sammlers Konrad Knöpfel statt, der 2010 verstarb. Seit 1994 beherbergt das Kunstmuseum über die Konrad Knöpfel-Stiftung Fritz Winter einen umfangreichen Bestand von Arbeiten des Künstlers.

Zellen

Der erste Ausstellungsraum stellt Arbeiten zum Thema »Zellen« vor. Direkt nach dem Abschluss seines Studiums am Bauhaus in Dessau arbeitet Fritz Winter an Werken, die an die mikroskopische Nahsicht der Naturwissenschaften erinnern. Besonders ab 1931 tauchen vermehrt zellenartige Elemente auf, die sich ausstülpen, überlagern und teilen, als würden sie an Wachstumsprozessen teilnehmen. Dabei ist das äußere Erscheinungsbild eines Organismus für Winter nebensächlich. Er selbst vergleicht seine künstlerische Tätigkeit mit der Forschungsarbeit eines Wissenschaftlers, wenn er sagt: »Ich blicke in das Innere der Natur, die gleichsam vor meinen Augen transparent wird«. Wie sein Lehrer Paul Klee markiert Fritz Winter mit der Betonung des Inneren der Natur den Wechsel vom mimetischen Prinzip der Naturdarstellung hin zu dem Versuch, das »Wesen« der Natur zu ergründen. In seinem Spätwerk werden aus den Zellen Kreisformen, die vermehrt von Linien durchzogen und manchmal sogar aufgebrochen wurden.

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Fritz Winter, Lichtstrahlen, 1934. Foto: Kunstmuseum Stuttgart, © Konrad Knöpfel-Stiftung

Auch die in Prag geborene Künstlerin Maria Bartuszová (1936-1996) sucht nach »Urformen« in der Natur. Ihre meist aus Gips, manchmal auch aus Bronze gegossenen Skulpturen erinnern an Organismen, die in den Kreislauf von Wachstum und Auflösung eingebunden sind. Wie bei Winter herrschen zunächst runde und harmonische Formen vor, bis die Künstlerin ab Mitte der 1980er Jahre immer häufiger die schützende Membran ihrer Zellen und Eiformen aufbricht. Auch wenn Bartuszová mit ihren fragilen Werken das Prozesshafte stärker betont als Winter, eint beide Künstler die Überzeugung, dass der Mensch ebenso wie alle anderen Organismen ein Teil der Natur ist.

Kristalle

Auf seiner Suche nach den der Natur zugrunde liegenden »Formgesetzen« findet Fritz Winter nicht nur organische Elemente, sondern auch kristalline Strukturen, die er in den Kontext einer Lichtthematik stellt. In den 1930er Jahren entstehen die sogenannten »Kristallund Lichtbündelbilder«, in denen die Elemente aus sich heraus zu leuchten scheinen oder so von Lichtstrahlen durchdrungen werden, bis es aussieht als würden sie ihre Materialität verlieren. Auf diese Weise entsteht ein Bildraum, dessen Tiefe kaum zu bestimmen ist. Oft drängen die aus lasierenden Schichten aufgebauten Formen diagonal aus dem Bild heraus und verstärken so den Eindruck, Winter arbeite mit den Mitteln der Malerei daran, die Bildgrenzen aufzulösen. Wie viele seiner Zeitgenossen deutet Winter die Immaterialität des Lichtes als »Symbol des Absoluten«.

Auch im Werk des 1967 in Kopenhagen geborenen Olafur Eliasson spielt die Beschäftigung mit dem Phänomen Licht eine zentrale Rolle. Das Lichtmodul Starbrick (2009) kann sich zu beliebig großen Formationen zusammenschließen. Eliasson verbindet das leuchtend Kristalline mit der Fähigkeit organischer Strukturen, sich zu teilen und zu vermehren. In Reversed silver moon (2010) finden die bei Winter angedeuteten Auflösungstendenzen ihre Fortsetzung. Das von der Decke hängende Element projiziert ein Geflecht geometrischer Formen so auf die umgebenden Wände, dass der ursprüngliche Raum nur noch schwer auszumachen ist. Wie bei Winter erscheint das Licht hier als flüchtiges Phänomen, das dennoch die Kraft hat, seine Umgebung zu verändern.

Sterne und Kosmos

Während Winter in den Zellbildern dem Blick durch das Mikroskop folgt, schaut er zur gleichen Zeit auch durch das Teleskop, um den unendlichen Raum des Weltalls zu ergründen. Dabei mischen sich kosmische Elemente mit ovalen Formen, die aus den »Zellbildern« bekannt sind. Winter betont die Parallele zwischen dem Mikrokosmos der Zellen und dem Makrokosmos des Weltalls: In jedem kleinen Detail spiegelt sich das Ganze. Winter entfernt sich hier von dem durch naturwissenschaftliche Bildgebungsverfahren geschulten Blick und öffnet sein Werk für eine Ebene jenseits der Rationalität. »Man lebt im Wirken der Schöpfung, neigt sich still vor allen Wundern dieser Welt, die alles Ferne nah sein läßt, alles Nahe fern und alles verbunden in jener Tiefe, die ich als Quelle Gottes im Menschen selbst sehe«, so äußert sich Winter zu seinen pantheistischen Überzeugungen.

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Fritz Winter, Lineare Komposition, 1935. Foto: Kunstmuseum Stuttgart, © Konrad Knöpfel-Stiftung

Wie Winter bezieht sich auch Björn Dahlem (geb. 1974 in München) in vielen seiner Arbeiten auf kosmische Phänomene. Oft setzt er sich dabei mit konkreten astronomischen oder physikalischen Theorien auseinander. Doch seine aus einfachsten Materialien gebauten Skulpturen erinnern nur auf den ersten Blick an naturwissenschaftliche Modelle. Geschützt von Vitrinen und Glashauben entwickeln sie eine ganz eigene geheimnisvolle Aura. Zwar schwingt im Werk von Björn Dahlem immer auch eine mal kritische, mal ironische Distanz mit, aber wie Fritz Winter stellt er dem um Objektivität bemühten naturwissenschaftlichen Denken eine poetische Weltsicht zur Seite. Beide Künstler fragen, ob das Staunen vor den »Wundern dieser Welt« (Fritz Winter) heute nicht zu Unrecht in den Hintergrund getreten ist.

Tektonische Strukturen

Tektonik ist ein Bereich der Geologie, der die Erde als dynamischen Körper versteht, der sich verändert und bewegt. Fritz Winter, der in den frühen 1920er Jahren als Bergmann unter Tage arbeitet, beobachtet Transformationsprozesse daher nicht nur in der Zelle oder im Kosmos, sondern auch im Erdreich. Mitte der 1930er Jahre verbindet er Kristallformationen mit Gitterstrukturen, die aus der Tiefe der Erde emporzuwachsen scheinen. Oft sind die schwarzen Bänder an den Gelenkstellen verdickt und öffnen den Bildraum in die Dreidimensionalität. Es entsteht der Eindruck eines unendlich erweiterbaren Gerüstes, das auch im Erdinneren für Wachstum und Dynamik sorgt.

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Fritz Winter, Stufungen. Foto: Kunstmuseum Stuttgart, © Konrad Knöpfel-Stiftung

Im Winters Spätwerk tauchen die schwarzen Linien als scharfkantige Formen auf, die vor allem der Strukturierung der Fläche dienen. Bei der Plastik Ohne Titel (Vega) (2007) von Wolfgang Flad scheinen Winters tektonische Strukturen aus dem geschützten Bildraum in die dritte Dimension gelangt zu sein und teilen nun einen gemeinsamen Raum mit dem Betrachter. Der 1974 in Reutlingen geborene Flad platziert seine aus einfachsten Materialien gefertigten biomorphen Formen auf glatten, geometrischen Sockeln und spielt damit auf die schon von Winter thematisierten Bereiche des Organischen und des Anorganischen an. Doch im Gegensatz zu Winters Bildern bleiben die beiden Prinzipien hier in getrennten Sphären und befruchten sich nicht gegenseitig. Flad setzt sich in vielen seiner Arbeiten mit der Abstraktion der Moderne auseinander und fragt, welche Rolle ihre immer wieder rezipierten Utopien heute noch spielen.

Energie und Wachstum

Die Themen finden ihre Synthese in dem mit der Überschrift »Energie und Wachstum« versehenen letzten Teil der Ausstellung. Fritz Winter erkennt in der Natur einen »großen Lebensrhythmus«, der für alles Wachsen verantwortlich ist. In vielen Arbeiten thematisiert er Bewegungselemente wie diagonal aufstrebende Formen oder Spiralen. Der Zyklus Triebkräfte der Erde, den der Soldat Fritz Winter während eines Fronturlaubes 1944 schafft, wird bestimmt von lichtdurchflutet-transparenten Formen, die sich gegen das schattige Erdreich durchsetzen. Winter charakterisiert das in das Dunkel fallende Licht als schöpferisches Prinzip, das immer wieder Leben und Entwicklung ermöglicht.

Das von Winter mit malerischen Mitteln umgesetzte Thema der Transparenz wird bei der 1973 geborenen Berta Fischer im Material selbst eingelöst. Das gebogene und gefaltete Acrylglas lässt alle Ebenen der Skulptur durchscheinen. Bei der Arbeit Hadin (2012) hat die Künstlerin zusätzliche Löcher in das Acrylglas geschnitten und thematisiert damit das für Fritz Winter so zentrale Motiv der Durchdringung. Die Skulptur Zomni (2012) spielt mit dem auch für Winter wichtigen Verhältnis von Linie und Fläche. Die Schnittkanten des Materials reflektieren das Licht besonders deutlich und so entsteht eine leuchtende Linie, die sich über die Skulptur bewegt. Trotz des industriellen Werkstoffes wirken Fischers Skulpturen in ihrer grellen Farbigkeit lebendig. Der jetzige Zustand der Skulptur, so scheint es, verdankt sich nur einer kurzen Ruhepause in einem ständig andauernden Transformationsprozess.

Kunstmuseum Stuttgart