Der Schrift Innerlichkeit schenken

Mit der Digitalisierung der Schrift verliert das Schreiben etwas von seiner Innenseite. Der Lesende kann ihn ihr zurückgeben.

Eine lang erworbene Kulturfähigkeit des Menschen befindet sich auf dem Rückzug, die Schrift. So wie Sprache mehr ist als Artikulation, so geht auch der Schriftbegriff über sich selbst hinaus. Die historische Entwicklung des Schriftwesens ist die Geschichte menschlicher Emanzipation. Schrift warf ihren Schatten voraus als Zukunftsgestalt des Sprachlichen. Im mundartlichen Verkehr hätte der Mensch das Alphabet nicht hervorbringen müssen. Schriftsysteme fixieren und entgrenzen die Sprache zugleich. Das darin gebannte Wort, dem Gestalt verliehen wird, es unterliegt einem Todes- und Auferstehungsprozess. Es gerinnt zur Eigenform, abgeschnürt aus dem Sprachfluss der Rede, und wird ein neuer Organismus. Es erhält Gliedmaßen, einen Stoffwechsel, es wird irdisch kurz: zwischenmenschlich kommunizierbar.

Was als Hand- und Schreibschrift existierte und sich zur Druckkunst wandelte, immer ging es neben der Vermittlung von Inhalt auch um die Perspektive des Schreibenden, den Stil der Mitteilung. In der frühen Schreibkunst wurden Buchstaben noch gemalt, liebevoll und lebensvoll verziert. Die individuelle Handschrift zeigt, ähnlich wie der Gang, die Ganzheit der Person. Dieses handschriftliche Zeugnis verwenden wir bis heute, wenn es sich um Dokumente handelt. Die Fälschung der Unterschrift ist ein Straftatbestand. Kurios, dass Handschrift ansonsten aus dem Leben verschwunden ist. Schriftdesign spielt nach wie vor eine Rolle, allerdings hat sich die Fragestellung verändert. Es geht weniger darum, ob sich der Schreiber zum Ausdruck bringen kann, als vielmehr darum wie eine Schrift auf den Empfänger wirkt. Letzterer wird umworben mit Druck Erzeugnissen. Damit sind wir im Herzen der Schriftsphäre angelangt, dem Leseakt. Was geschieht mit dem Lesen, wenn die Schrift als Ausdruck menschlicher Äußerung und Eigenart verschwindet? Schrift ist dabei, unsichtbar zu werden. Das scheint ein Widerspruch, denn wir haben ja entgegen früherer Erwartung mehr Druckerzeugnisse denn je. Hier soll aber nicht von den Produkten die Rede sein, nicht vom Niederschlag, sondern von der Quelle des Schriftlichen. Die eigentliche Schriftquelle, so zeigt sich, ist ‹die Lese›. Ebenso wie Sprechen ein Lauschen ist, so ist Schreiben ein Lesevorgang, ein Ablesen von Eindrücklichem. Es ist die Entbergung aus dem jeweiligen zugehörigen Gegenteil.

Die Drift der Schrift ins Virtuelle ist unaufhaltsam. Während sich das Außenleben in einer inflationären Entwicklung zeigt, geht das Innere des Schriftwesens in die elektronische Verfahrensweise über, in die Rechenoption. Die Dualität von 0 und 1 ist die Basis alles Schriftlichen. Denn es ist ja was wir leicht vergessen alles noch immer Schrift, was sich via Bildschirm in Sekundenbruchteilen in alle Welt vermittelt. Wer oder was jedoch in dieser Schrift zum Ausdruck kommt, wer der Schreiber der jeweiligen Inhalte ist das bleibt dunkel. Entsprechende Mühe macht uns das Lesen. Nicht nur wegen der Überfülle, sondern auch wegen der Unidentifizierbarkeit.

Die Entwicklung der Schrift zum buchstäblichen Nachrichtenwesen zur inneren Formation und Formatierung macht das Lesen zum Kunstwerk, in dem wir neu herausgefordert sind. Wir tasten im Dunkel des elektronischen Kosmos, wir mühen uns ab in der schriftlichen Mitteilung, Gestalt zu erkennen, zu identifizieren, was Wesentliches darin zum Ausdruck kommt. Wie wir mühsam am Bildschirm unentwegt entziffern, ob das Erscheinende uns überhaupt etwas sagt es gleicht dem Lesen kleiner Kinder. Aus dem unendlichen Zustrom des Schriftlichen versuchen wir zu entbinden, was lebensvoll und wirklich ist. Es scheint, wir sind dabei, uns übersinnlich einzuüben, das Unsichtbare lesen zu lernen die Realgestalt des Wirklichen als unsere geistige Hervorbringung zu begreifen.

Es könnte wundervoll werden, wenn wir zu Geistlesern werden, wenn das Bewusstsein des Lesers sich selbst identifiziert und verständigt, an welcher Arbeit es ist. Wer sich der technischen Machbarkeit überlässt, der gerät in eine Welt des Scheins. Wir werden lernen müssen als Lesende dem Medium unsere Innerlichkeit zuzufügen. Wir werden erfinden müssen, was uns Vertrauen ermöglicht. In die Anonymität und die Pseudosozialität der Netzwerke persönliche Schriftzüge einzuführen, geistige Urheberschaft. Schlug man früher das gedruckte Buch auf, um etwas nachzuschlagen, konnte man sicher sein, dass es stimmt, was man liest. Heute stehen unzählige Lesarten zur Verfügung. Man muss zunächst die Quelle recherchieren, ehe man ihr trauen kann. Ging man früher zur Quelle einfach trinken, muss man heute erst prüfen, ob sie sauber ist.

Das ist die Situation des apokalyptischen Schreibenden. An den Lesenden, der so zum Schreibenden wird, ergeht die Forderung: Sage, was du siehst, schreib es auf und verinnerliche es. Nimm das, was zum Ausdruck kommt, so in dich hinein, dass es zu deinem eigenen Stoffwechsel wird. Nur so wird transparent, was ein Lesestoff taugt, wovon er wirklich inspiriert ist. Wenn die Schrift zur Inschrift wird, kann der Lesende erkennen, ob es ihm Tod oder Leben bringt. Wir alle sind Schreibende und Lesende in einer Person. Wir werden lernen müssen, unsere Schrift durch das eigene Leben zu bezeugen und umgekehrt. Dazu kann uns die Erinnerung hilfreich sein, dass Schrift mehr ist als Funktionalität oder Werkzeug zur Instrumentalisierung, zum Eingriff in den Willen anderer. Sie ist Instrument des freien Menschengeistes, und nicht anders, als man mit einem kostbaren alten Geigenkörper umgeht, sollte man das Schriftwesen pflegen. Wir sind die Spieler der Saiten. Wir sind Schreibende und Lesende auf der anderen Seite. Wir sind die Geige und die Inschrift. Wir sind das Buch des uranfänglichen Schöpferwortes. Es ist unser Leben, das gelesen wird und mit dem wir spielen.

Jakob Grünzweig

Erschienen in: Das Goetheanum Wochenschrift für Anthroposophie Nr. 11, 16.3.13