Demeter-Landwirt als Freiwilliger in Indien

Seit November 2012 leistet der erste biologische-dynamische Botschafter seinen Freiwilligendienst in einem Pionierbetrieb in Indien: Melchior Pfeil, 29, ist Demeter-Landwirt und unterstützt die Nichtregierungsorganisation „Inba Seva Sangam“ bei der Ausbildung angehender biodynamischer Landwirte. Wir haben bei ihm nachgefragt, was ihn am Freiwilligendienst als Botschafter reizte und wie die ersten fünf Monate verlaufen sind.

Freunde: Was motivierte Dich, für ein Jahr als biologisch-dynamischer Botschafter nach Indien zu reisen?

Melchior: Ich setze mich gern für die biodynamische Sache ein, da ich von ihren positiven Effekten überzeugt bin. Schon seit Langem möchte ich in einer anderen Kultur leben, um noch mehr über meine eigene zu erfahren. Es ist sehr interessant, Unterschiede festzustellen und mit diesen umzugehen. Wie stark hänge ich an meinem gewohnten Blick auf die Dinge der Welt? Ich begebe mich gerne in Situationen, in denen das herkömmliche Erklärungsmuster nicht mehr greift, weil eine andere Lebensrealität oder Wahrnehmung vorherrscht. Meine Neugier und Abenteuerlust unterstützen mich dabei. Es ist eine gute Möglichkeit, das Gelernte und meine Erfahrungen aus der Fachausbildung aufzufrischen, zu überdenken und in einen anderen Kontext zu stellen.

Wie sieht ein normaler Arbeitstag bei Dir aus?

Der Schultag beginnt um sechs Uhr mit dem Morgengebet, Meditation und Gymnastik. Danach folgt eine Stunde praktische Arbeit auf der Schulfarm: Ich verrichte kleine Arbeiten wie das Bewässern von jungen Bäumen oder Putzen im Schulhaus. Die Zeit bis zum Frühstück kann zur Körperpflege genutzt werden. Das Essen ist vegetarisch. Am Morgen gibt es meistens Idli oder Dosai auf Reisbasis mit Gemüse und einer Tomatenpaste und einem Kokosnuschutney. Um neun Uhr treffen wir uns wieder in der Schule und lesen die „Verses of the day“, eine Zusammenstellung kurzer Texte mit buddhistischen Weisheiten. Auch eine Auflistung mit den tagesaktuellen Texten zu den Planeten, Bäumen, Alter etc. wird laut vorgelesen. Ein kurzer Rückblick auf das Gelernte vom Vortag leitet den Theorieunterricht ein. Je nach Wochenthema haben die Schüler dann in einem landwirtschaftlichen Fach Unterricht. Nach dem Morgenunterricht gibt es Mittagessen und eine Stunde Ruhezeit. Am Nachmittag ist wieder theoretischer Unterricht bis fünf Uhr, danach wird noch eine Stunde auf der Farm gearbeitet. Abends gibt es noch eine Leserunde, in der sich die Schüler gegenseitig aus einem Buch über biodynamische Praktiken vorlesen.

Welche Herausforderungen musstest Du in den ersten Monaten meistern?

Eine große Herausforderung war und ist, mit den regelmäßigen Unregelmäßigkeiten umzugehen. Zusätzlich fällt es mir nicht leicht, das hierarchische und patriarchale indische Gesellschaftssystem zu akzeptieren. Es erschwert die direkte Kommunikation und verzögert dadurch Abläufe. Der Unterricht findet meist in Tamil statt, einer Sprache, die ich noch nicht verstehe. Nicht alle Schüler haben gute Englischkenntnisse, was es mir nicht gerade einfach macht, sie in Englisch zu unterrichten. Für den Unterricht brauche ich einen Übersetzer.

Was war bisher Dein persönliches Highlight?

Letzte Woche durfte ich in Milchviehhaltung unterrichten. Es war einerseits meine größte Herausforderung und gleichzeitig das beste Erlebnis! Die Entwicklung vom Schüler zum Lehrer ist ein besonderer Schritt für mich. Die Unterrichtsvorbereitung war aufwendig, da ich viele meiner deutschen Lerndokumente übersetzen musste. Es war eine spannende Aufgabe, zu entscheiden, welche Informationen ich vermitteln will und kann. Das Schönste ist dann die Reaktion der Schüler auf meinen Unterricht. Der Lohn ist eine spürbar ehrliche Dankbarkeit der Schüler.

Freunde der Erziehungskunst

Erschienen in: Freunde der Erziehungskunst, Rundbrief 3/2013