Gute Leistungen ohne Sitzenbleiben

Länger gemeinsam lernen

An den Freien Waldorfschulen gibt es kein Sitzenbleiben. Das gemeinsame Lernen von Klasse eins bis zwölf ist Grundsatz der Waldorfpädagogik mit guten Ergebnissen. Ein Modell, das nun auch an staatlichen Schulen immer mehr Zuspruch erhält.

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Gemeinsames Lernen in gleichbleibendem Klassenverbund.

Die Freien Waldorfschulen in Baden-Württemberg begrüßen die derzeitige bildungspolitische Debatte um die Klassenversetzung der Schülerinnen und Schüler. Durch den Ausbau von individueller Förderung will die grün-rote Landesregierung das Sitzenbleiben in Zukunft überflüssig machen. „Hat ein Schüler Probleme, nutzt ihm die Wiederholung einer Klasse kaum etwas. Unterstützung in der Bewältigung des schulischen Alltags würde ihm dagegen weiterhelfen“, so Kultusminister Andreas Stoch. Eine Praxis, wie sie an den Waldorfschulen schon immer oberstes Prinzip ist. Individuelle Förderung der Schüler durch die Pädagogen ist an den Waldorfschulen der Grundstein zur Bewältigung des Schulalltags. Martin Laude, Oberstufenlehrer an der Freien Waldorfschule am Kräherwald, betont die pädagogische Bedeutung mit den Schülern Gespräche zu führen: „Ich setze nicht darauf, Druck aufzubauen, sondern auf Einsicht und gehe mit den Schülern einen gemeinsamen Weg.“

Dass ohne Sitzenbleiben höhere Abschlüsse erreicht werden, beweisen die Zahlen der Schulabgänger in Baden-Württemberg. Nach aktuellen Daten erlangen an Freien Waldorfschulen 47,6 Prozent der Schüler die allgemeine Hochschulreife. Das sind über 20 Prozent mehr als an staatlichen Schulen. Zudem erreichen 18,2 Prozent der Abgänger die Fachhochschulreife. Die Zahlen belegen den Erfolg der Lernmethoden an Freien Waldorfschulen, ganz ohne das Drohpotenzial des Nichtversetzens. Es kann auch auf die Sieger der PISA-Studie Finnland und Japan hingewiesen werden. In diesen Ländern gibt es schon seit Jahren kein Sitzenbleiben mehr.

Gesamtentwicklung des Kindes im Blick

Das Prinzip der Waldorfpädagogik sieht allein schon aus Gründen der sozialen Entwicklung für das Kind aufsteigende Klassen vor die Kinder bleiben von Klasse eins bis zwölf gemeinsam in einem Klassenverbund. Ein Aussieben aus dem Klassenverbund in Form von Sitzenbleiben hätte „sozialdarwinistische Tendenzen, da die schwächeren Schüler aus dieser Gemeinschaft ausgeschlossen würden. Gerade bei Kindern mit späterer Entwicklung ist das gemeinsame Lernen enorm wichtig“, argumentiert Dr. Albrecht Hüttig, Vorstand im Bund der Freien Waldorfschulen.

Seit ihrer Gründung wird an den Waldorfschulen stets das Kind in seiner gesamten Entwicklung betrachtet, Rudolf Steiner und Emil Molt haben darin eine gesellschaftsrelevante Notwendigkeit gesehen. So ist es völlig normal, dass es in der schulischen Laufbahn des Kindes in manchen Zeiten einen „Hänger“ gibt. Die Faktoren für eine schwächere Phase werden durch eine Wiederholung der Klassenstufe nicht verändert im Gegenteil, die Probleme verstärken sich eher durch eine soziale Auslese, indem das Kind aus dem Klassenverbund herausgenommen wird. Ist der „Hänger“ ausgeprägt, so kann auch ein außerschulisches Praktikum Abhilfe schaffen, wenn dadurch die Selbstwirksamkeit des Schülers für ihn erfahrbar wird, was sich positiv auf die Motivation auswirkt.

„Länger gemeinsam Lernen“ dieses Erfolgsmodell der Waldorfpädagogik findet nun auch an staatlichen Schulen eine Heimat. Zum Wohl des Kindes kann das politische Umdenken in diese Richtung nur begrüßt werden.

Vincent Schiewe

Forum der Freien Waldorfschulen in Baden-Württemberg

Foto: LAG der Freien Waldorfschulen Baden-Württemberg e.V.