Psychiatrie

Psychotische Krankheiten lassen sich auf eine Ich-Bewusstseinsstörung zurückführen auf eine Störung des Ätherleibs als Spiegel für das Ich.

Wir wollen eine grundlegende seelische Krankheitstendenz des Menschen anschauen, die latent in jedem Menschen vorhanden ist, so ähnlich, wie jeder Mensch an einer Entzündung oder an einer Geschwulst erkranken kann. Rudolf Steiner hat verschiedentlich Anregungen für eine Einteilung für seelische Krankheiten gegeben. Sie setzt die Unterscheidung von Ich und Seele voraus. Das Ich ist der Steuermann, der innere Mittelpunkt des Menschen. Die Anwesenheit des Ich ist ein rhythmischer Vorgang, der mit Gleichgewicht zu tun hat und höchst labil ist: Das Ich ist in besonderer Weise mit den leiblichen und seelischen Herzkräften verbunden.

Die Haltekraft des Ich im Urteilsvermögen

Die Anwesenheit und Wirksamkeit des Ich in der Seele und im Leib kann nach zwei Richtungen gestört sein. Rudolf Steiner hat diesen Vorgang in einer Skizze zu seinem zweiten Vortrag über Psychoanalyse vom 11. November 1917 verdeutlicht. Wenn sich Denken, Fühlen und Wollen ineinander verhaken, sitzt das Ich zu tief im Leib und in der Seele; es ist wie festgehalten und kann nicht richtig herein- und hinausschwingen. Das kann verursacht sein durch unnatürliche, belastende oder traumatisierende Erlebnisse in der Kindheit oder im späteren Alter oder durch karmische Ursachen. Die Folge ist, dass das Ich Denken, Fühlen und Wollen nicht im Gleichgewicht zusammenhalten und gleichzeitig trennen kann. Phänomenologisch sehen wir dann alle möglichen Formen von depressiven Krankheiten, vor allem neurotisch depressive Krankheiten sowie verschiedene Formen der Angststörungen, Zwangsstörungen und somatoformen Störungen. Wenn der Prozess sich bis in das Körperliche steigert und dort zum Ausdruck kommt, kann es zum epileptischen Krampfanfall oder zu Karzinomerkrankungen kommen. Gemeinsam ist allen diesen Erkrankungen das Erlebnis von Einengung, Hindernis, Schmerz, Willenslähmung und Krampf.

Die andere Möglichkeit ist, dass Denken, Fühlen und Wollen auseinanderstreben. Das Ich verliert den Zusammenhang mit Leib und Seele, eine Art vorzeitiger latenter Sterbevorgang. Das Ich tritt in unrichtiger Weise in die geistige Welt ein, Denken, Fühlen und Wollen machen sich mit ihrer jeweils eigenen Dynamik selbstständig. Die besonnene und vernünftige Steuerung und Selbstführung ist nicht mehr möglich. Es kommt zu chaotischen Erscheinungen, die ein geordnetes Leben in den irdischen und alltäglichen Verhältnissen nur schwer zulassen. Phänomenologisch sehen wir hier alle psychotischen Erkrankungen wie Schizophrenie, alle Formen von manischem Höhenflug und Realitätsverlust sowie bestimmte Formen von Dissoziation.

Diese beiden Krankheitstendenzen lassen sich im Zusammenhang eines zentralen Vermögens des Menschen sichtbar machen: in der menschlichen Urteilsfähigkeit. Beim Urteilen verbinden wir verschiedene Wahrnehmungen miteinander: Wir sagen ‹Das ist rot›, ‹Das ist ein Baum› oder ‹Das ist›, ‹Das ist nicht›. Wir treten also in eine Beziehung zur äußeren Wirklichkeit, zu der durch die Sinne vermittelten Welt und unterscheiden Wahres von Falschem, Wirklichkeit von Irrtum und Wahn. Urteilen ist ein schöpferischer Vorgang des menschlichen Ich insofern, als das Urteil immer wieder aktuell aus dem eigenen Vermögen neu geschaffen werden muss. Echtes persönliches Urteilen macht uns innerlich frei auch gegenüber allem Unverstandenen und zwanghaft auf uns Zukommenden. Eigenes Urteilen ist die Voraussetzung für sinnvolles und sachgemäßes Handeln. Damit hat das Urteilen zwei Fähigkeiten zur Voraussetzung: sich von der äußeren Welt, von der seelischen Welt und von anderem klar abzugrenzen sowie alle seelischen Erlebnisse und leiblichen Vorgänge zu integrieren.

Der Ätherleib Grundlage des Ich-Bewusstseins

Wie können wir den Vorgang des Urteilens menschenkundlich näher verstehen? Das Ich des Menschen benötigt nicht nur in der Seele, sondern auch im Leib einen Halt. Dieser Halt wird dadurch möglich, dass die menschlichen Lebenskräfte, die im Ätherleib zusammengefasst sind, eine gewisse Haut bilden und innerlich vom äußeren Äther der Welt abgeschlossen sind. Das geschieht in der menschlichen Entwicklung etwa mit dem dritten Lebensjahr, wenn sich die kindliche Aura schließt. Dann ist das Menschen-Ich, das ja aus der geistigen Welt stammt, in der Lage, sich im Ätherleib zu spiegeln. Der Ätherleib wird zum Spiegel für das Ich, das so zum Bewusstsein seiner selbst kommt. Dafür muss der Ätherleib in sich einen gewissen Abschluss gefunden haben und auch gesund sein. Damit können wir hier schon sagen, dass eine Störung des Ich-Bewusstseins immer mit einer Störung des Ätherleibes einhergeht.

Therapeutisch werden wir uns also bei Störungen des Ich-Bewusstseins, des Selbsterlebens, der Autonomie, der Selbstgestaltung und Selbstverwirklichung immer eine Anschauung vom Ätherleib bilden müssen, um Therapie nicht nur psychologisch, sondern umfassend zu intendieren. Das gilt für alle seelischen Erkrankungen, vor allem für psychotische Störungen. Auch Traumatisierung hat immer eine funktionell leibliche Komponente und ist niemals rein seelisch aufzufassen.

Schizophrenie: Anzeige einer Störung in der Ich-Geburt

Ich möchte die schizophrene Erkrankung als eine Art Urbild des psychotischen Krankheitsprozesses betrachten. Weltweit erkranken etwa ein Prozent aller Menschen in allen Kulturen und Nationen an dieser Krankheit. Die Inzidenz hat sich vermutlich in den letzten 100 Jahren nicht geändert. Die Krankheit ist keine neue Krankheit unserer Zeit, hängt also nicht so sehr mit bestimmten Formen der Zivilisation zusammen, sondern kommt aus der Tiefe der Menschheitsentwicklung. Am Ende des 3. Jahrsiebts oder meist in der Mitte des 4. Jahrsiebts zu Beginn des Erwachsenenalters treten die eigentlichen produktiv psychotischen Symptome auf. Die Ich-Geburt gelingt nicht, stattdessen treten alle Verfremdungen des psychotischen Prozesses auf: Der Prozess beginnt im Bereich des Willens, ergreift das Gefühlsleben und steigert sich bis zu Veränderungen von Denken und Wahrnehmen im Augenblick. Für den Betroffenen, für die Familie und für den menschlichen Umkreis stellt diese Situation eine erhebliche Herausforderung dar. Die Urteilskraft des Betroffenen ist wahnhaft eingeschränkt, starke Erregungen und Stimmungsschwankungen bestimmen das Gefühlsleben, der Wille ist ziellos getrieben oder gelähmt und kann nicht sinnvoll eingesetzt werden, eine geregelte Beziehungsaufnahme ist kaum möglich. Es kommt zu chaotischem Lebenswandel, unsinnigen Handlungen, zu sozial kaum tragbaren Zuständen für alle Beteiligten. Auch können suizidale Tendenzen oder fremdgefährliche Handlungen auftreten. Eine Krankheitseinsicht ist meist nicht gegeben, weil eben die Urteilsfähigkeit grundlegend gestört ist. Wir können diesen Zustand auch erleben, wie wenn eine Fremdwesenheit sich des betroffenen Menschen bemächtigt hat, wie wenn ein anderes Wesen aus ihm und durch ihn spricht.

Charakteristisch ist auch, dass ein Teil der Betroffenen selbst an diesem Zustand nicht so sehr leidet, sondern ihn als einen gewissen Freiheitszustand erlebt, manchmal sogar wie einen Rausch. Die Betroffenen haben eine tiefe Abneigung, sich stärker mit der äußeren Realität und mit dem Körper zu verbinden. Das gesunde Leben im Körper erleben sie als Einschränkung, das psychotische Erleben als befreiend. Oft sind sie zurückhaltend in der Schilderung ihrer Erlebnisse, weil sie sich nicht verstanden fühlen und ihren Zustand als wirklicher gegenüber der äußeren Wirklichkeit der Sinneswelt erleben. Es ist wie ein Sog aus einer anderen Welt, dem sie ausgesetzt sind. Diesem Sog können und wollen sie nicht widerstehen. Der Krankheitsprozess trägt einen stark luziferischen Charakter.

Dislozierte Bildekräfte

Der unmittelbare Eindruck zeigt uns, dass das Ich die Herrschaft über die Seelentätigkeiten und über den Leib verloren hat. Denken, Fühlen und Wollen verselbstständigen sich und verlieren ihren Zusammenhang. Und was geschieht mit dem Leib? Er verliert seine Haltekraft für Seele und Ich. Im 13. Vortrag des Ersten Ärztekurses 1920 beschreibt Rudolf Steiner als primären leiblichen Störungsherd nicht eine Gehirnstörung, wie heute in der medzinischen Forschung vermutet wird. Für Steiner ist die Gehirnstörung sekundärer Natur. Die primären Ursachen sieht Steiner in den Stoffwechselvorgängen der Organe des unteren Menschen, vor allem in den Prozessen von Lunge, Leber, Niere und Herz. Rudolf Steiner spricht von Störungen der Organbildeprozesse, also von jenen Prozessen, die fortwährend die Organstruktur und die Organphysiologie aufrechterhalten, im Wesentlichen sind das die ätherischen Bildeprozesse im Zusammenspiel mit der physischen Kraftstruktur der Organe. Werden diese Organbildeprozesse defekt, bleibt die Bildekraft der Organe nicht im Organ tätig, sondern wird gleichsam wie aus einem Schwamm ausgepresst sie überflutet das Seelenleben. Wir haben es also bei den psychopathologischen Vorgängen von Halluzinationen, Wahnerleben, Erregungszuständen und dergleichen mit dislozierten Bildekräften der Organe zu tun. Hier liegen die primären Vorgänge des Krankheitsprozesses. Die Geistigkeit der Organe tritt in den Seelenraum ein und kommt so in krankhafter Weise zum Bewusstsein. Das Ich als geistige Instanz des Menschen verliert die Möglichkeit, sich in adäquater Weise im Ätherleib, in den ätherischen Organbildekräften zu spiegeln.

Die eigentliche therapeutische Herausforderung besteht darin, den Organbildeprozess und damit den Eiweißprozess der inneren Organformen so zu stabilisieren, dass die Bildekräfte im Organ gehalten und selbst wieder tätig werden. Das ist auf drei Wegen anzustreben: durch anthroposophische Arzneimittel, äußere Anwendungen und gezielte Bewegungstherapie, vor allem durch Heileurythmie. Wenn schon die Behandlung einer Psychose mit Psychopharmaka schwierig ist und in vielen Fällen nur unzureichend gelingt, so ist die Herausforderung durch anthroposophische Arzneimittel noch weit schwieriger. Jahrelang haben wir in der Friedrich-Husemann-Klinik versucht, das Metall Antimon (Stibium) einzusetzen. Genauere Überprüfungen haben ergeben, dass Antimon bei den schizophrenen Psychosen im engeren Sinne nicht wirksam ist, wohl aber bei bestimmten Formen der schizo-affektiven Psychosen und vor allem bei exogenen beziehungsweise hysterischen Psychosen. In der medizinisch-pharmazeutischen Arbeitsgruppe, einer Fachgruppe der Gesellschaft Anthroposophischer Ärzte in Deutschland, wo Ärzte und Pharmazeuten gemeinsam an der Entwicklung von Arzneimitteln bei psychiatrischen Krankheiten arbeiten, haben wir verschiedene Formen von Antimonverbindungen, aber auch andere Metalle sowie Kalk und Kiesel einzusetzen versucht ohne sichtbaren Erfolg. Hier eröffnet sich also noch ein weites Forschungsfeld für die Zukunft.

Besondere Fähigkeiten der Urteilsbildung

Eine vollständige Heilung ist meist nicht möglich. Die Betroffenen haben die Krankheit lebenslang zu tragen. Das gibt dem Wesen der Krankheit eine besondere Stimmung. Vereinsamung, Verzicht auf ein bürgerliches Leben mit entsprechender Berufstätigkeit, Verzicht auf eine Familie, soziale Hilflosigkeit, Skurrilität und eingeschränkter Bezug zur Realität prägen ein solches Krankheitsschicksal. In der Tiefe allerdings kann man bei älteren Betroffenen oft eine Art von Genügsamkeit und Ergebenheit erleben, die sie sich durch ihr jahrelanges Leiden erworben haben.

Was bedeutet ein solches Kranksein für das Schicksal des Betroffenen, der sein Leben lang um die Aufrechterhaltung seines Ich-Bewusstseins ringt, der fortwährend zwischen Wahn und Wirklichkeit lebt, der fortwährend in seiner Urteilsfähigkeit behindert ist? Welche inneren Fähigkeiten werden hier für die Zukunft entwickelt? Einem Hinweis Rudolf Steiners folgend, kann es so sein, dass der Betroffene nach seinem Tode sich kraftvoll der wahren Wirklichkeit wieder zuwendet und in einem kommenden Leben besondere Fähigkeiten der Urteilsbildung zur Verfügung hat. Auch ist denkbar, dass der Betroffene sich dann vermehrt der irdischen Realität zuwendet. Aber auch für die durch ihr Schicksal mit dem Betroffenen Verbundenen hat eine solche Erkrankung Folgen. Denn es sind besondere Kräfte der selbstlosen Zuwendung und Sorge zu entwickeln, gerade weil einem von den Betroffenen so wenig positive Rückmeldung oder Dankbarkeit entgegenkommt.

Wolfgang Rißmann

Wolfgang Rißmann ist Leitender Arzt der Friedrich-Husemann-Klinik in Buchenbach, Deutschland.

Quelle: Das Goetheanum Wochenschrift für Anthroposophie Nr. 41, vom 13.10.2012