Absurde Rhinozeritis an der Waldorfschule

„Ich bin der letzte Mensch. Ich werde es bleiben bis zum Ende! Ich kapituliere nicht!“ Mit dieser Kampfansage endeten zweieinhalb Stunden „absurdes Theater“ der 12. Klasse der Freien Waldorfschule Erftstadt, das am 1. und 2. Februar 2013 zur Aufführung kam. Die 23 Schülerinnen und Schüler hatten sich mit ihrem Regisseur Johannes Dullin für die Erarbeitung eines Theaterklassikers im Rahmen ihres Schauspielprojekts entschieden. In jeweils zwei Schul- und Abendaufführungen präsentierten sie das 1959 in Düsseldorf uraufgeführte Stück „Die Nashörner“ des rumänisch-französischen Dramatikers Eugène Ionesco (1912-1994).

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In einer Provinzstadt treffen sich die Freunde Hans und Behringer. Hans meistert sein Leben mit Optimismus und unerschütterlichem Glauben an die Überlegenheit des Menschen aufgrund seiner geistigen Fähigkeiten. Dagegen fühlt sich Behringer „unbehaglich auf dieser Welt“, ist unzufrieden mit seiner Arbeit, unglücklich verliebt und trinkt. Als plötzlich ein Nashorn über den Platz rennt, herrscht zunächst allgemeine Aufregung. Schließlich wird am Beispiel einer Bürobelegschaft gezeigt, wie eine ganze Gesellschaft nach und nach zu den Nashörnern überläuft, manche aus Naivität, andere aus Schwäche oder weil Anpassung vernünftiger, „objektiver“ erscheint.

Hans und Behringer geraten über die Deutung und Bewertung der Ereignisse in Streit. Beim Versuch der Versöhnung verwandelt sich der wutschnaubende Hans vor Behringers Augen ebenfalls in ein Rhinozeros. Obwohl Behringer am Ende auch seine geliebte Kollegin Daisy verliert, wehrt er sich bis zum Schluss verzweifelt. Der Individualist wird zum aufrechten Repräsentanten der Menschlichkeit gegenüber Opportunismus, totalitärer Vereinnahmung und politischem Fanatismus.

Mit großer Spielfreude gestalteten die Zwölftklässler nicht nur die allmähliche Verwandlung (fast) aller Einwohner in Nashörner. Auch bei absurden Nebenhandlungen wie den Diskussionen über die Rassenfrage, über ein- oder zweihörnige Nashörner und die „Lösung“ von Alltagsproblemen durch Logik überzeugten die Darsteller durch Liebe zum Detail und gutes Timing. Hier wurden auch die humorvollen Aspekte des Stückes deutlich, die Regisseur Johannes Dullin mit seinem einleitenden Ionesco-Zitat „Wer sich an das Absurde gewöhnt hat, findet sich in unserer Zeit gut zurecht“ schon angedeutet hatte.

Nina Hellmann

Fotos: Freie Waldorfschule Erftstadt

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