Armut steigt sogar im reichen Stuttgart

In allen deutschen Großstädten ist ein Anstieg des Anteils der Menschen, die armutgefährdet sind, zu verzeichnen. Sogar das reiche Stuttgart ist davon nicht ausgenommen, hier gab es zwischen 2005 und 2011 sogar eine der höchsten Steigerungsraten. Dies ging aus einer Veranstaltung mit dem Thema „Armut in der reichen Stadt? - Soziale Teilhabe in Stuttgart“ hervor, die Ende Januar in der Stuttgarter Leonhardskirche stattfand. Sie ist auch Schauplatz der traditionsreichen „Vesperkirche“.

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Statistikerin Krentz belegte mit ihren Zahlen den deutschlandweiten Trend der immer weiter auseinanderklaffenden Schere zwischen arm und reich: In allen Großstädten sei der Anteil derjenigen, die über weniger als 60% des Durchschnittseinkommens verfügten und damit zur armutsgefährdeten Bevölkerung zählten, im Durchschnitt um 0,9% angestiegen. Im reichen Stuttgart habe man in diesem Zeitraum einen Anstieg von 4% auf 20,8% zu verzeichnen, das damit den höchsten Zuwachs zu verzeichnen habe. Krentz wies darauf hin, dass es wichtig sei, den Durchschnittswert auf die jeweilige Region zu beziehen, da die Lebenshaltungskosten in Deutschland sehr verschieden seien. In den östlichen Bundesländern sei ein Rückgang des Anteils der von Armut gefährdeten Bevölkerungsteile zu verzeichnen. Als besonders betroffene Gruppe nannte Krentz Erwerbslose, gering Qualifizierte sowie angelernte Arbeitskräfte. Auch Kinderreiche und ältere Singles, vor allem Rentnerinnen mit langen Familienphasen in ihrem Lebenslauf zählten zu den Armutsgefährdeten.

Bernhard Löffler machte vor allem den stetig anwachsenden Anteil an prekären Arbeitsverhältnissen für die aufgezeigte Situation verantwortlich: ihr Anteil liege in Baden-Württemberg bei 38%. Löffler rechnete hier Minijobber und Arbeitskräfte mit einem Stundenlohn von unter 8 Euro ein und forderte die Einführung eines gesetzlichen Mindestlohns als Maßnahme zur Armutsbekämpfung. Geringfügige Beschäftigungen seien „die Armutsfalle schlechthin“, betonte er. 1,3 Millionen Menschen seien bundesweit in Vollzeit tätig und trotzdem auf die Aufstockung ihres Lohnes durch Hartz-IV-Bezüge angewiesen, weil sie von ihrem Verdienst nicht leben können. „Die Armutsgefährdung reicht inzwischen weit die Reihen der Bevölkerung hinein“, betonte Löffler. Betroffen sei in zunehmendem Maße auch die Mittelschicht. Die immer ungünstiger Vermögensverteilung in Deutschland, bei der zehn Prozent der Reichsten über mehr als 60 % des Vermögens verfügten, sei ein „sozialpolitischer Skandal ohne Ende“.

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Pfarrerin Karin Ott berichtete über ihre Erfahrungen mit dem Thema Armut in der Stuttgarter Vesperkirche. Inzwischen mehre sich aber die Zahl derjenigen Gäste, die versicherten, sie hätten nie gedacht, einmal selbst auf das Essen in der Vesperkirche angewiesen zu sein. „Da sind die Alleinerziehenden, die jungen Schulabgänger, die Dauerpraktikanten mit Hochschulabschluss, der langzeitarbeitslose Abteilungsleiter, der von Hartz IV leben muss, die Frührentnerin, deren Rente zum Sterben zu viel und zum Leben zu wenig ist,“ schilderte die Pfarrerin ihre erschütternden Begegnungen mit den Hilfesuchenden.

Abschließend forderte sie ein grundsätzliches Umdenken beim Thema Armut. „Wenn wir hier wirklich was bewirken wollen, müssen wir an die strukturellen Ursachen heran. Mir fehlt es an Entschiedenheit von Seiten der Politik, das Problem anzugehen“. Auf der einen Seite seien die Unternehmensgewinne, auf der anderen die steigende Armut. „Wir brauchen eine gerechtere Verteilung“, forderte Ott.

Am Ende stand die Einsicht in die Notwendigkeit des „Fairteilens“ und auch der Appell an die Stuttgarter, der steigenden Armut in der eigenen Stadt aktiv von Bürgerseite entgegenzutreten. Die Bewegung Stuttgart 21 könne hier als Beispiel gelten: „Wir können nicht immer auf Berlin warten. Wenn eine ganze Stadt aufsteht gegen die Armut, gibt das ein Beispiel für alle!“

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Fotos: Gottfried Stoppel

© Ev. Diakoniepfarramt Stuttgart