Sehen lernen

Hundert Jahre ist es her, da stiessen die Physiker die Objektivität vom Thron, gerade dort wo man ihrer am sichersten war, in der Materie. Je nach Aufbau des Versuchs zeigte sich das Licht in widersprechenden Erscheinungsformen – mal als Welle, mal als Teilchen. Die Welt ‹ist› nicht, sie ‹erscheint›, resümierte Nils Bohr, einer der grössten unter den Forschern des Innersten der Welt. Die Art der Frage entscheidet darüber, welches Antlitz die Welt zeigt. Was aus der menschlichen Begegnung vertraut ist, dass ein Mensch das zu offenbaren, zu entfalten vermag, was als Frage als Erwartung ihm gegenübersteht, gilt auch für die Natur.

In einer Welt, in der die Augen von Bildersalven und Buchstabenmeeren müde werden, rückt dieses erkennende Schauen ins Zentrum. Was Novalis in seinem Fragment dem Künstler zuspricht, wird soziale Tugend: «Der Maler malt eigentlich mit dem Auge, seine Kunst ist die Kunst, schön und regelmässig zu sehen. Sehen ist hier ganz aktiv, durchaus bildende Tätigkeit».

Ein solches Sehen heisst, in der Überfülle den archimedischen Punkt zu finden. Während das registrierende Sehen, von Parkhilfe über Leseautomaten bis zur Gesichtserkennung mehr und mehr von der Technik übernommen wird, wächst mit jeder neuen Krise die Notwendigkeit eines solchen schöpferischen Sehens.

Zwei Übungen gab Rudolf Steiner für dieses neue Sehen: ‹Positivität›, eine Grundform der Emotionalen Intelligenz und den Rat, das Vorstellungsbild von seinem Gegenüber als leere Leinwand zu verstehen, auf die man gerade den ersten Pinselstrich setzt. So wird aus dem neuen Sehen ein neues Vorstellen und damit tatsächlich eine neue Welt.

Wolfgang Held

Quelle: Das Goetheanum – Wochenschrift für Anthroposophie, Nr. 15-16, vom 14.04.12