Digitale Demenz

Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen

Manfred Spitzer hat viele Bucher geschrieben, zwei davon seien erwähnt, weil sie zur Thematik des jetzt erschienen Buches wichtige Grundlagen liefern: 2002 „Lernen. Gehirnforschung und die Schule des Lebens“, Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg, und 2005 „Vorsicht Bildschirm! Elektronische Medien, Gehirnentwicklung, Gesundheit und Gesellschaft“, Klett, Stuttgart und nun „Digitale Demenz. Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen“, wenn es so weiter geht wie bisher.

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In der „Spiegel“-Bestsellerliste der Sachbücher vom 27. August 2012 steht das Buch auf Platz 1. Das ist für Bücher von Spitzer nicht ungewöhnlich, veröffentlicht er darin nicht nur die jeweils aktuellen Ergebnisse der Gehirnforschung, sondern bezieht immer auch Position, stellt kritische Fragen an die Bildungspolitik, an die Lobbyisten der Elektronikindustrie, zeigt Zusammenhänge und schädigende Auswirkungen des Umgangs und Gebrauchs von digitalen Medien auf Kinder und Jugendliche auf und belegt seine Ergebnisse mit einer Fülle von eigenen, nationalen und internationalen Forschungsergebnissen. Und er stellt Forderungen auf, erhofft Konsequenzen und ein Umdenken, um weiteren und schweren Schäden von Kindern, Jugendlichen und auch Erwachsenen abzuwenden.

„Digitale Medien schaden langfristig dem Körper und vor allem dem Geist. Wenn wir nur noch googeln, surfen, chatten und posten, lagern wir geistige Arbeit aus. Gedächtnis und Konzentration lassen nach. Bei Kindern und Jugendlichen wird durch Bildschirmmedien die Lernfähigkeit drastisch vermindert und Oberflächlichkeit antrainiert. Insbesondere Jungen erliegen immer häufiger der Computerspielsucht.

Die sozialen Online-Netzwerke locken mit virtuellen Freundschaften, doch in Wahrheit beeinträchtigen sie das Sozialverhalten und fordern Depressionen.“ (Auszug aus dem Klappentext) Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer, geboren 1958, studierte Medizin, Psychologie und Philosophie. Zweimal war er Gastprofessor an der Harvard University. Er leitet die Psychiatrische Universitätsklinik und das Transferzentrum fur Neurowissenschaften und Lernen in Ulm.

„Zur Beantwortung der Frage, was das Internet und die neuen digitalen Medien mit uns machen, gibt es weit mehr als nur Erlebnisberichte und empirische Studien aus der Medienwirkungsforschung. Auch die Grundlagenforschung zur Funktion des Gehirns kann hier einiges beitragen. In ähnlicher Weise, wie die Biochemie unseren Blick auf die Stoffwechselerkrankungen scharft, ermöglicht uns heute das Verständnis der Mechanismen von Lernen, Gedächtnis, Aufmerksamkeit und Entwicklung eine klarere Sicht auf die Gefährdung durch digitale Medien: Zu den wichtigsten Erkenntnissen im Bereich der Neurobiologie gehört, dass sich das Gehirn durch seinen Gebrauch permanent verändert. Wahrnehmen, Denken, Erleben, Fühlen und Handeln all dies hinterlässt sogenannte Gedächtnisspuren. Waren diese bis in die Achtzigerjahre des letzten Jahrhunderts noch hypothetische Gebilde, so kann man sie heute sichtbar machen, fotografieren, sogar filmen. Man kann zusehen, wie sich die Synapsen bei Lernprozessen verändern. Auch die Größe und die Aktivität ganzer Bereiche des Gehirns lassen sich mittels bildgebender Verfahren sichtbar machen, und so lassen sich die neuronalen Auswirklungen von Lernprozessen (sowie deren Storungen) im großen Stil nachweisen.“ (Seiten 14/15)

Das Buch ist keine leichte Kost, aber es macht wach. Nach seiner Lektüre kann man nicht mehr sagen, hier gehe es nur um Medienschelte, Technikfeindlichkeit usw. Nein, Manfred Spitzer konfrontiert den Leser mit Realitäten und Auswirkungen des medialen Gebrauchs sowie mit den massiven Entwicklungsschädigungen, insbesondere bei kleinen Kindern, aber auch bei Jugendlichen.

Ubrigens: Manfred Spitzer moderiert die wöchentliche Sendereihe „Geist und Gehirn“ auf Bayern-alpha. Ich wünsche Ihnen aufrüttelnde Lesestunden und tatenvolle Anregungen, damit wir unsere Kinder nicht weiterhin oder überhaupt um den Verstand bringen!

Peter Lang

Quelle: Medizinisch-Padagogische Konferenz 63/2012 S. 95