Rudolf Steiner Forschungstage für Studenten und Wissenschaftler

Das Verhältnis von Spiritualität und Wissenschaft

„Die Frage Warum? – Ursachen, Kausalität und Erklärungen in der Anthroposophie“ – mit diesem Thema eröffnete Pablo Grassi die 16. Rudolf Steiner Forschungstage am 16./17. November 2012 im Institut für Biologie in Freiburg. Pablo Grassi hat den Bachellor of Science-Abschluss, absolviert zurzeit ein Master-Studium in Biologie und studiert demnächst zusätzlich noch Philosophie. An der Universität Freiburg leitet er seit 2010 ein interdisziplinäres Projekt zum Thema „Das Phänomen des Lebens“, unterstützt durch den Innovationsfonds Studium und Lehre. Sein Eingangssatz lautete: Sofern die Anthroposophie den allgemeinen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit erhebt, muss dieser auch belegbar sein. Pablo Grassi ging dem Phänomen der anthroposophischen Herangehensweise nach. Er verdeutlichte in seinem philosophisch-eloquenten Vortrag, dass sie eine ungewöhnliche Synthese von kausalen und intentionalen Erklärungen vollzieht, ergänzt durch meditative Praxis. Diese Synthese gründet auf der anthroposophischen Annahme, dass die Welt durch intentionale geistige Wesenheiten, geistige Gesetzmäßigkeiten sowie durch die menschliche Freiheit konstituiert ist. So versuchte er sowohl in der Abgrenzung als auch in der Ergänzung des akademischen Wissenschaftsbegriffs die der anthroposophischen Geisteswissenschaft selbst innewohnende Wissenschaftlichkeit zu verdeutlichen. Im Schlusssatz blieb die Frage jedoch offen, inwieweit unser heutiges, auf die Spitze getriebenes analytisches Denken die Steinersche Logik überhaupt zu entflechten vermag.

Begründet wurden die Rudolf Steiner Forschungstage 2005 aus der Initiative von Menschen um das Rudolf Steiner Archiv in Dornach. Seit dem finden die Forschungstage zwei Mal jährlich auf der Grundlage wechselnder Initiative an wechselnden Orten statt. Ziel der Treffen ist es, einen Denk- und Sprach-Raum zu bilden, in dem junge Forscher sich gegenseitig Einblick in ihre Arbeitsprojekte geben. – Einen Begegnungsraum, in dem Diskussion, Erfahrungsaustausch und konstruktive Kritik angestrebt werden und der eine Plattform für Stipendiaten und Studenten bildet, die in ihre wissenschaftliche Arbeit die Anthroposophie einfließen lassen möchten.

Angelika Schmidt, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Waldorfpädagogik in Mannheim, mit angeschlossener interkultureller Waldorfschule (im 10. Jahr ihres Bestehens) schloss mit ihrem derzeitigen Forschungsthema an: Welches Religionskonzept kann an einer interkulturellen Waldorfschule, deren Schüler neben verschiedenster Religionen vor allem islamgeprägt sind, vertreten werden? Und: Lässt sich aus dem Werk Rudolf Steiners sein Religionskonzept erarbeiten? Wenn ja, wie lässt es sich umfänglich darstellen? Sie gab ausführliche Einblicke in ihre Arbeitsweise und beschrieb, wie sie anhand der Gesamtausgabe Rudolf Steiners und mithilfe seiner Privatbibliothek die Linien seiner Bewegungen trotz entsprechenden Lücken nachzuvollziehen versucht. Hier zeigt sich, dass die Schwerpunkte Rudolf Steiners im Laufe der Werksgeschichte sich verändern und anders zu einander gewichten. Auch beinhaltet dieses Forschungsthema die nicht einfache Frage, wie mit den für den heutigen Zeitgeist fragwürdigen Äußerungen Rudolf Steiners umzugehen ist?

Daran anschließend hat David W. Wood den Weg „Von Fichte zu Steiner – Die vergessene Frage der Methodologie“ ausgearbeitet und in englischer Sprache dargestellt. Er ist ‚post-doktoral researcher‘ bei der Fichte-Kommission der Bayrischen Akademie der Wissenschaften in München.

Julia Sophia Voigt, Magister in Philosophie und Medizinethnologie; sie hat in Göttingen und Heidelberg studiert und wird demnächst die Promotion am „Institut für Geschichte der Medizin und Ethik“ der Universität Freiburg beginnen. Sie hat einen Ansatz gewählt, den von Rudolf Steiner geprägten Begriff „Lebenssinn“ durch den Phänomenologie-Ansatz Heideggers zu erschließen. Sie hat den Begriff des Lebenssinns in seiner Verankerung zwischen Ich und Welt noch weiterentwickelt zu dem Begriff des „Leibgewissens“ und dargestellt, dass hierin sich die Motivlage verbirgt, Selbstverantwortung zu ergriffen – oder auch zu unterlassen. Daraus wird sich je nach dem im Idealfall entsprechend Gesundheit und Krankheit beeinflussen oder gar bestimmen lassen.

Abschließend stellte Renatus Derbidge, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Natur-wissenschaftlichen Sektion am Goetheanum, seine aktuelle Forschungsarbeit „Transzendentale Wahrnehmung: die phänomenologische Methode und die Anthroposophie“ vor. Dies alles ereignete sich in einer sehr aufmerksamen interessierten und für die Darstellenden und Teilnehmenden sicherlich weiterführenden Atmosphäre.

Monika Elbert

Die nächsten Forschungstage finden vom 12. – 13. April 2013 in Cottbus statt. Die Interdependenz von Begriff und Organisation der Wissenschaft bzw. Rudolf Steiners Beitrag zu dieser Fragestellung wird das Leitmotiv dieser Zusammenkunft sein. Weitere Informationen per E-Mail: clara.steinkellner@gmail.com

Quelle: Leben Anthroposophie, Dezember 2012