Aus der Arbeit der GLS Treuhand

Brasilien: Die Freiheit, planen zu können, ist Zukunft im Heute

Quatinga Velho Bedingungsloses Grundeinkommen

Fasziniert von der Idee des bedingungslosen Grundeinkommens und mit einiger Erfahrung in Projektbegleitung, begannen zwei junge Brasilianer mit seiner Einführung in dem kleinen, sehr armen Dorf, Quatinga Velho, im Staat São Paulo.

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Irene de Souza Lima und ihre Tochter Adriana

 

In einer ersten Dorfversammlung mit vierzig Personen, nach vielen Einzelgesprächen von Haus zu Haus, boten Bruna Augusto Pereira und Marcus Vinicius Brancaglione jeder/m Bewohner/in 30 Reais, etwa 11 Euro als bedingungsloses Grundeinkommen an. Das Geld hatten sie selbst gespart und ihren Freundeskreis in Brasilien und Deutschland überzeugt, Gelder zur Verfügung zu stellen.

Die Menschen von Quatinga Velho reagierten bass erstaunt und mit zweifelnder Zurückweisung. Sie glaubten, für irgendetwas gekauft zu werden. Misstrauen herrschte vor. Lachend erzählt Bruna Augusto, dass es Wochen gedauert habe, erstes Vertrauen zu schaffen und die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens zu erklären: Ein Geldbetrag, der ohne jede Bedingung, in immer gleicher Höhe, allen Mitgliedern einer Gruppe/jedem Bewohner individuell ausgezahlt wird. Die Höhe ihres Betrags, so Bruna Augusto, orientierte sich daran, was sie zur Verfügung stellen konnten. Er sollte zumindest so hoch sein, dass er eine spürbare Beihilfe bot. Schließlich nahmen 27 Personen das Angebot an.

In den Folgemonaten trafen sich die Teilnehmer regelmäßig. Sie begannen, über das Menschenrecht auf ein Leben in Würde zu reden, über ihre eigene Situation, über das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern. Sehr viel sei in Bewegung gekommen, sagt Bruna Augusto Pereira. Vor allem hätten die Menschen begonnen, aufeinander zuzugehen, sich füreinander zu interessieren, sich zusammenzuschließen.

Die Bilanz nach vier Jahren

Bis zu 127 Menschen nahmen gleichzeitig das Grundeinkommen in Anspruch. Sie steckten das Geld in die Verbesserung des eigenen Wohnraums, dann in Medizin für ihre Kinder. An dritter Stelle standen unterschiedliche, Einkommen schaffende Maßnahmen.

Irene de Souza Lima, 40 Jahre alt, erhielt ihr erstes Grundeinkommen im Oktober 2008. Sie erzählt: „Als ich entschied, an dem Projekt teilzunehmen, war ich mit meinem siebten Kind schwanger. Wir haben nicht viel und mein Mann und meine zwei ältesten Söhne mussten jeden Tag arbeiten, um Essen für uns zu besorgen. Wir haben drei Mal versucht, die „Bolsa“ zu bekommen (Sozialprogramm der Regierung). Aber immer gab es irgendein Problem oder ein Dokument fehlte. Wir lebten also nur von dem, was mein Mann und meine Söhne verdienten. In den Treffen entschieden alle, dass mein ungeborenes Kind auch das Grundeinkommen erhalten sollte, obwohl es noch in mir war. Denn ich musste etwas mehr essen, um ein gesundes Kind zu bekommen. Das war die beste Schwangerschaft, die ich jemals hatte. Meine Tochter Adriana ist viel gesünder geboren worden, als meine anderen Kinder. Und mir ging es auch besser. Mein Mann hat Baumaterialien gekauft. Sonntags konnte er mit meinen Söhnen nun zu Hause bleiben, um an unserem Haus zu bauen. Dieses Jahr haben wir ein Badezimmer gebaut! Und auch einen Brunnen. Vielleicht können wir nächstes Jahr Strom haben.

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Gut investiert: Das kleine Haus von Irene de Souza Lima hat nun feste Wände. Nach und nach wächst es weiter

Meinen kleinen Kindern geht es in der Schule besser. Ich habe auch angefangen, meinen beiden Jüngsten abends Geschichten vorzulesen. Guilherme, mein Sohn, baut inzwischen Gemüse an und hält nun Hühner. Ich wünschte, mehr Menschen könnten dieses Grundeinkommen eines Tages bekommen, denn es macht vor allem für die Kinder einen großen Unterschied. Es ist eine gute Investition.“

Die Evaluatoren des Projektes kommen zu dem Schluss, dass es natürlich nicht erstaunlich sei, dass es Menschen besser geht, wenn sie monatlich mehr Geld zur Verfügung haben. Doch das besonders Produktive am bedingungslosen Grundeinkommen läge in dem Gewinn an Würde der Menschen. Würde und wachsende Selbstwertschätzung seien die Motoren zur Verbesserung der eigenen Lebensbedingungen. Gleichzeitig komme es zu mehr Gemeinschaftsbildung unter den Menschen. Verglichen mit dem staatlichen brasilianischen Sozialprogramm „Bolsa“, könne mit dem bedingungslosen Grundeinkommen mit unvergleichlich viel geringeren Mitteln viel mehr erreicht werden.

Gerne würden die Initiatoren das Projekt bedingungsloses Grundeinkommen um etwa 100 Personen ausweiten. Pro Monat liegt der Betrag bei 11 Euro, für ein Jahr reichen pro Person 132 Euro.

Dr. Annette Massmann

Spendenzweck:

Brasilien Bedingungsloses Grundeinkommen

Fotos: © Bruna Augusto Pereira