Besinnen

Die Kunst des 20. Jahrhunderts rang überall mit einer Frage der Frage nach der Darstellung, nach der Repräsentation. In diesem Sinne war die Kunst platonisch, jüdisch, protestantisch, sie verdächtigte das Bild, die Darstellung und misstraute allem, was sich nicht als sich selbst zeigt, sondern ein anderes hervorruft. Sucht man nach der Wirklichkeit, ist dieser Verdacht berechtigt, ein Bild ist sicher nicht das, was man sieht, ‹Dies ist keine Pfeife› (Magritte). Naiv, wie wir als Anthroposophen waren, haben wir dem Bild nie genug Vorwürfe gemacht. Wir dachten zu wissen, was künstlerisch ist, was Bilder sind, was Imagination ist und vermieden die unbequemen Fragen des Bildes. Dies war ein Fehler, ein massiver Fehler, für den wir bis heute bezahlen. Im Bezug auf die Kunst sind wir 100 Jahre zurückgeblieben, nicht weil wir nicht an Videoart glauben, sondern weil wir das Bild nie wirklich nach seinem Sein befragt haben und das Verhältnis von Sein und Bild nie praktisch genug erforscht haben. Nicht nur in der Malerei, auch in der Eurythmie, in der Architektur, in der Skulptur, überall geben wir zu schnelle, zu einfache Antworten. Zwar kritisieren wir Kunstwerke, haben uns aber nie einen kritischen Apparat gebaut, wir wissen nicht, wie unsere eigenen Schöpfungen zu befragen sind, wir nehmen unsere ‹Wahrheit› aus dem Regal ‹Readymade› , als wäre sie selbstverständlich.

Es gab und gibt einige Autoritäten im Bezug zur Frage, was Kunst ist oder sein soll. Sie beweisen ihre Autorität durch das Schweigen, durch das Vermeiden von ernsten theoretischen Fragen. Dies erinnert mich an eine Geschichte von Oliver Sacks über einen schweigenden, lächelnden Jungen, der bei den Hare-Krishnas als erleuchtet galt, eigentlich aber einen Gehirntumor hatte das ist peinlich. Wir brauchen einen Rückzug, um uns neu zusammenzufinden, neu zu befragen, wir sollten lernen, wissenschaftlich mit dem Geist umzugehen, also alles zu durchdenken, und das, was wir noch nicht denken können, als offene Frage zu betrachten. Ich weiß, wir alle meinen, das schon zu tun, ich weiß …

Was ist ein Bild?

Was ist die Wirklichkeit eines Engels auf einem Gemälde? Und in einer Imagination? Oder in einer eurythmischen Darstellung auf der Bühne? Ich frage nicht nach einem verschwommenen ‹wie›, sondern nach einem ‹wie genau?› wenn ich mir einen Chirurg vorstelle, der ein verschwommenes Wissen von der Lage der Organe hat, wer würde sich trauen, von ihm operiert zu werden? Was ist die Wirklichkeit der Darstellungen, der Repräsentationen der Kulturepochen auf der Decke des ersten Goetheanum? Und ihre Darstellung im neuen Saal, sind sie wieder präsent? Was ist ein eurythmischer Schleier zeigt er eine Bewegung oder stellt er die Bewegung dar? Wenn die Anthroposophie keine grundsätzlichen Fragen stellen kann, wird sie nie Zukunft werden, nie die zukünftige Sprache erzeugen, die sie sein soll.

«Auf Ihre Frage, ob ich von Gott eine so klare Idee habe wie vom Dreieck, antworte ich: ja. Fragen Sie mich aber, ob ich von Gott eine so klare Vorstellung habe wie vom Dreieck, so antworte ich: nein. Denn Gott können wir nicht vorstellen, wohl aber erkennen. Hier ist noch zu bemerken, dass ich nicht sage, dass ich Gott vollkommen erkenne, sondern nur, dass ich einige seiner Attribute, aber nicht alle und nicht den größten Teil von ihnen erkenne, und es ist gewiss, dass mich die Unkenntnis der meisten nicht hindert, von einigen von ihnen Kenntnis zu haben. Als ich die Elemente des Euklid studierte, erkannte ich auch erst, dass die drei Winkel des Dreiecks gleich zwei Rechten sind, und ich begriff diese Eigenschaft des Dreiecks klar, auch wenn ich über viele andere noch in Unkenntnis war.» So schrieb Baruch Spinoza an Hugo Boxel im Herbst 1674, und setzte einen Maßstab der Klarheit, der klar macht, was mit dem Wort ‹Wissen› gemeint ist.1

Wenn die Zeit der unbewussten Kunst vorbei ist, streben wir nach einer neuen, geistigen Erkenntnis der Kunst, die imaginativ-mathematische Klarheit hat. Diese Erkenntnis führt uns zur Betrachtung der Geschichte, in unserem Fall der Kunstgeschichte der Gegenwart, zu einer Entwicklungsimagination: Die (Post-)Moderne ist das Labor, in dem durch Versuche, durch naturwissenschaftliche und alchemistische Versuche, das Wesen der Kunst befragt wird. Eine Unkenntnis der Entwicklung der Moderne gleicht einem Heiler, der keine Ahnung vom menschlichen Körper hat, manchmal funktioniert sein Heilen, birgt aber keine dauerhafte Lösung, da das entwicklungsfähige Wissen fehlt. In vollem Einklang mit seinem Zeitgeist formulierte auch Rudolf Steiner die Frage nach der Darstellung, nach der Wiedergabe, der Repräsentation, und das in einer radikalen Form:

«Und zwar scheint mir die eine Erbsünde im künstlerischen Schaffen, im künstlerischen Genießen die der Abbildung, der Nachahmung zu sein, der Wiedergabe des bloß Sinnlichen. Und die andere Erbsünde scheint mir zu sein, durch die Kunst ausdrücken, darstellen zu wollen, offenbaren zu wollen das Übersinnliche. Dann aber wird es sehr schwierig sein, schaffend oder empfindend an die Kunst heranzukommen, wenn man ablehnen will sowohl das Sinnliche wie das Übersinnliche. Dennoch scheint mir dies einem gesunden menschlichen Empfinden zu entsprechen. […] Und es gehört schon, wie man wohl sagen kann, ein etwas verwildertes Seelenleben dazu, wenn man sich beruhigen will bei dem bloß illustrativen Element der Nachahmung des Sinnlichen oder des sonst irgendwie durch die bloße Sinnenwelt Gegebenen.

Aber es gehört eine Art Besessenheit durch den eigenen Verstand, durch die eigene Vernunft dazu, wenn man verlangen wollte, dass eine Idee, dass Rein-Geistiges künstlerisch verkörpert werde. Weltanschauungsdichtungen, Darstellungen von Weltanschauungen durch die Kunst entsprechen doch einem nicht ausgebildeten Geschmack, entsprechen einer Barbarisierung des menschlichen Empfindungslebens.

Das eine durch ein anderes

Radikaler könnte man es nicht formulieren, weder das Darstellen des Sinnlichen noch des Übersinnlichen (der Ideen, Imaginationen, Wesenheiten, was auch Gott beinhaltet) scheint nach Steiner zum Wesen und zur Aufgabe der Kunst zu gehören, und das ist klar das Darlegen der Welt, das Erklären, ‹wie die Welt ist›, ist Aufgabe der Wissenschaft. Wissenschaft ist die deskriptive Tätigkeit, in der wir die Geheimnisse der Welt so ans Licht bringen, dass eine Darstellung und Wiedergabe der Welt, in ihrem Sinn, ihrer Bedeutung und Gesetzmäßigkeit geordnet, entsteht. Die Sprachen der Wissenschaft, ob mathematisch, sprachlich, bildlich oder durch Modelle, sind und sollen darstellend sein: Das genaue Re-Präsentieren der Welt, nach ihrem ideellen, übersinnlichen Inhalt, ist die Aufgabe der Wissenschaft.

Die Kunst schafft ein Reich für sich, weder im Sinnlichen noch im Übersinnlichen beheimatet. Weder dem Stofflichen noch dem Geistigen untergeordnet. Ihr Reich ist, so gesehen, nicht von dieser Welt. Aus der Empfindungserkenntnis musste Steiner das Dasein der Kunst als Übersinnlich-Sinnlich oder als Sinnlich-Übersinnlich charakterisieren. Eine Beschreibung, die in den tiefsten erkenntnistheoretischen Problemen der Hellsichtigkeit wurzelt: «Keinem Kunstwerk gegenüber ist der Seher imstande, das Objekt, den künstlerischen Vorgang, vollständig auszuschließen, so, wie er einen äußeren Vorgang ausschließen kann. Was wirklich künstlerisches Schaffen ist, vom Geist durchdrungen, bleibt geistig stehen vor dem Bewusstsein des Sehers.»3 So betrachtet wird klar: Mit dem Kunstwerk ist ein Reich geschaffen, in dem die klassische Dichotomie von Wesen und Erscheinung aufgehoben wird. Keine Synthese, keine Verschmelzung, das Wort wird nicht durch Fleisch dargestellt: Das Wort wird Fleisch (Das Fleisch ist Wort geworden, auch wenn nur für einen Moment). Das Bild ist das Reich, in dem der Mensch auf seiner gegenwärtigen Entwicklungsstufe zu einer rein menschlichen Schöpfung fähig ist. Wir können weder Stoff noch Leben, noch Seele selber schaffen, aber wir können diese ‹Rohstoffe› so umwandeln, dass sie immer wieder ein einmaliges Stattfinden des Allgemeinen, das selber Singulär wird, werden. Wir können das Gegebene so verarbeiten, dass es für einen Moment ein voller Ausdruck des Ich wird. Im Rahmen der menschlichen Handlung nennen wir es Freiheit, in unseren Werken bezeichnen wir es als Kunst oder Bild.

Im Bild, im Unterschied zur Wirklichkeit, wird das eine durch ein anderes offenbart (und nicht durch sich selbst). Es wird zu Wissenschaft (Darstellung), wenn das Erscheinende seinem Sinn untergeordnet wird, sodass die Vergangenheit, das Gegebene, das es zu erkennen gilt, das dominierende Verhältnis der Darstellung wird. Zur Kunst wird es, wenn das eine zum anderen wird, sodass sich keines unterordnet, und es entfaltet sich eine Freiheit der Elemente, das Gegebene wird von seiner Notwendigkeit entbunden, seine Vergangenheit vergessend wird es zu einem allgegenwärtigen Ereignis. Kunst wird immer wieder, und doch gerade für einen Moment.

Zvi Szir

Quelle: Das Goetheanum Wochenschrift für Anthroposophie, Nr. 18, vom 5.5.12

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1 Spinoza, Brief an Hugo Boxel, Herbst 1674. N. 56. Sämtliche Werke: Briefwechsel: BD 6 Felix Meiner Verlag Deutschland 1986

2 Rudolf Steiner, GA 271, 15. Februar 1918

3 Rudolf Steiner, GA 271, 1. Juni 1918

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Dieser Text ist der neunte Teil der Reihe ‹Offene Fragen der Kunst›, die Zvi Szir für die Wochenschrift ‹Das Goetheanum› schreibt. Eine Veröffentlichung in Buchform ist geplant.

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Zur Textreihe

Wenn die Anthroposophie einen Beitrag zur Gestaltung der kommenden Kultur leisten will, so bildet eine geisteswissenschaftliche Erforschung der (Post-)Moderne eine Bedingung dazu. Ohne ein Verständnis der Wirklichkeiten, die der (Post-)Moderne zugrunde liegen, bleibt jeder Anspruch, zukunftsweisend auf die Kultur wirken zu wollen, abstrakt. Die folgende Artikelreihe ist eine Anregung zu dieser Erforschung. Einzelne Werke dienen als Ausgangspunkt, um ein erweitertes Verständnis der (Post-)Moderne freizulegen, ein Pfad, der nicht immer chronologisch vorgehen wird. Das Wort ‹Moderne› benutze ich für die Zeitspanne zwischen 1822 (Ausstellungsdatum von ‹Dantebarke› von Eugène Delacroix) und 1962 (Ausstellungsdatum von ‹Campbell’s Soup› von Andy Warhol). Den Zeitraum von 1962 bis zur Gegenwart bezeichne ich als Postmoderne. Alle anderen Nutzungen dieser Begriffe sind natürlich möglich, jedoch nicht in dieser Textreihe.