Dein Hof, meine Ernte

Das Leben als Landwirt auf einem ökologisch wirtschaftenden Betrieb ist hart. Um zu überleben, arbeiten viele nach dem Prinzip der Selbstausbeutung. Bei der solidarischen Landwirtschaft beteiligen sich Stadtbewohner an der Finanzierung des Hofes. Sie sichern so den Bauern die Existenz und sich frische Produkte aus ökologischem Anbau.

Der Vierfelderhof im Nordberliner Bezirk Spandau hat gerade erst angefangen. Vor einem halben Jahr verteilte der Naturland-zertifizierte Hof in verschiedenen Stadtteilen Berlins Flugblätter. Darauf wurde das Konzept einer Versorger-Gemeinschaft vorgestellt und zu einem Treffen von Interessierten eingeladen. Zum ersten Termin kamen 45 Zuhörer, dabeigeblieben sind schließlich sechs. Sie sind bereit, monatlich 15 Euro pro Person zu bezahlen. Im Gegenzug erhalten sie dafür Ernteanteile an Obst und Gemüse der Saison, aber auch Fleischprodukte. „Das wird noch wachsen. Wir glauben daran“, sagt Kerstin Stoof, verantwortlich für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit auf dem Vierfelderhof.

Die Chancen stehen nicht schlecht. In Zeiten, in denen immer mehr Verbraucher genau wissen wollen, woher ihre Lebensmittel kommen und regionalen Produkten den Vorzug geben, findet auch das Konzept der sogenannten „solidarischen Landwirtschaft“ immer mehr Interessenten. Dabei finanzieren zumeist Stadtbewohner, die sich frische, ökologisch produzierte Lebensmittel wünschen, die Ernte eines Hofes vor, indem sie einen bestimmten Betrag pro Monat bezahlen. Im Gegenzug erhalten sie das, was auf dem Hof hergestellt wird.

Für die Landwirte hat das Konzept einen klaren Vorteil: Sie haben ein gesichertes Einkommen und setzen ihre Produkte zu einem vorab festgelegten Preis ab. Investitionen sind besser planbar. Aber auch die städtischen Mitglieder profitieren. Sie wissen, wer ihre Lebensmittel wie angebaut hat und sie erfahren Einzelheiten über das bäuerliche Leben, über die Herstellung von Lebensmitteln und die Pflege von Naturräumen.

Bei der Vierfelderhof-Gemeinschaft ist das sogar wörtlich gemeint. Vier Mal im Jahr werden die Mitglieder zum persönlichen Einsatz gebeten und jäten beispielsweise das Unkraut in Erdbeerfeldern. „Es geht um das Miteinander“, sagt Kerstin Stoof. Neben idealistischen Zielen sieht sie in dem Konzept die Möglichkeit, den gemeinnützig betriebenen Hof besser vermarkten zu können.

Insgesamt 27 Höfe in Deutschland betreiben inzwischen solidarische Landwirtschaft. Das ist wenig im Vergleich zu den USA. Dort gibt es rund 2.500 sogenannte CSAs, abgekürzt für „Community Supported Agriculture“ (wörtlich: gemeinschaftlich unterstützte Landwirtschaft). 1986 hatte in New Hampshire der erste Hof mit solidarischer Landwirtschaft begonnen. Das Konzept hatte ein biodynamischer Landwirt aus Deutschland mitgebracht: Auf dem Buschberghof östlich von Hamburg wurde damals bereits mit einem ähnlichen Ansatz experimentiert.

Den Buschberghof gibt es heute noch. Seine Betreiber sind stolz darauf, Gründer der ersten solidarischen Landwirtschaft in Deutschland, möglicherweise sogar in Europa zu sein. Dementsprechend groß ist die Zahl der Mitglieder: Rund 300 Menschen aus allen Bevölkerungsschichten versorgt der 98 Hektar große Hof inzwischen mit seinen Artikeln Gemüse, Obst, Kartoffeln, Brot, Fleisch, Milch und Milchprodukte. Mit einem Hektar Land können im Schnitt vier Menschen versorgt werden, rechnet Wolfgang Stränz vor. Er ist verantwortlich für die Wirtschaftsgemeinschaft auf dem Buschberghof.

Rund 360.000 Euro, so Stränz, werden derzeit für ein Wirtschaftsjahr veranschlagt. Davon werden die Landwirte und ihre Helfer, das Saatgut, die Maschinen, Reparaturen und die Instandhaltung des über 100 Jahre alten Hofes finanziert. Vor Beginn des jeweils am 1. Juli startenden Wirtschaftsjahres treffen sich alle Mitglieder und geben ein sogenanntes „finanzielles Versprechen“ ab. Reicht das Geld nicht was laut Stränz selten vorkommt so müssen die Mitglieder nachzahlen. Überschüsse dagegen wandern selten zurück. Dem solidarischen Gedanken folgend, werden diese zumeist an gemeinnützige Organisationen gespendet.

Saphir Robert

Die Alternativen

Frisches, möglichst ungespritztes Obst und Gemüse aus der Region und Fleisch, Wurst und Eier von glücklichen Rindern, Schweinen und Hühnern wer keine solidarische Hofgemeinschaft in der Nähe hat, hat noch andere

Möglichkeiten, sich mit Produkten aus dem ökologischen Landbau zu versorgen.

Die Praktischen - Gemüsekisten

Online-Shop öffnen, Stückzahlen eingeben, abschicken, fertig. Oder sich gleich für eine bestimmte Obst-und Gemüsekiste im Abo entscheiden. Einfacher Bio-Produkte einkaufen geht nicht. Besonders angenehm: Lieferung direkt nach Hause. Vorteil: Mühsames Schleppen von Einkäufen entfällt. Viele Anbieter liefern Waren nicht nur aus eigener Produktion und ergänzen so ihr Angebot beispielsweise um bestimmte Joghurt-Sorten oder auch Kosmetikprodukte. Nachteil: Feste Lieferzeiten eignen sich nicht immer für Berufstätige. Klimabilanz durch individuelle Belieferung und Einkauf hoffremder Produkte ungünstig.

Der Traditionelle - Kleingarten

Klein- oder auch Schrebergärten erfreuen sich unter Familien zunehmender Beliebtheit und erfüllen für viele Städter den Traum vom eigenen Garten.

-Vorteil: Wer sich geschickt anstellt, kann einen großen Teil seines Bedarfs an Obst und Gemüse selbst ziehen. Kinder erfahren, wie Nahrung entsteht. Garten auch für Feste nutzbar.

-Nachteil: Oft strenge Richtlinien, was Auswahl und Wuchsform der Anpflanzungen und den Lärmpegel zu bestimmten Tageszeiten betrifft. Relativ starke Kontrolle durch Nachbarn. Tierhaltung nur nach Rücksprache mit Kleingartenverein. Zum Teil lange Wartezeiten bei beliebten Kolonien.

Der Kleine - Balkongarten

Mit Hängeerdbeeren und besonders kleinwüchsigen Obstbaumstämmen ergeben sich für Stadtbewohner ganz neue Möglichkeiten, sich den Wunsch nach einem Garten zu erfüllen und den Kindern zu zeigen, dass Karotten nicht auf Bäumen wachsen.

-Vorteil:Keine Transportwege und besonders frisches Obst, Gemüse und Kräuter für die Küche.

-Nachteil: Wer nicht über eine Dachterrasse im Format von mindestens einem halben Fußballfeld verfügt, wird niemals zum Selbstversorger, sondern produziert eher Probier-häppchen. Tierhaltung außer vielleicht einem Stallhasen unmöglich.

Der Etablierte

-Vorteil: Größte Produktvielfalt, auch im Non-Food-Bereich.

-Nachteil: Die Kriterien für die Bio-Produktion sind je nach Siegel (demeter, Bioland, EU-Bio-Siegel…) sehr unterschiedlich. Importware, z. B. Mango aus Südamerika, sorgt für schlechte Klimabilanz.

Bioladen

Mango-Lassi, Pommes, Fischstäbchen, Pizzateigmischungen: Es gibt so gut wie nichts aus dem herkömmlichen Supermarkt, was nicht inzwischen auch im Bioladen angeboten würde. Große, hell erleuchtete Bio-Supermärkte ersetzen längst die früheren Müsli-Buden.

Landwirtschaft mitten in der Stadt ist schwer im Kommen. Ob Bienenvölker, Salatköpfe, Barsche oder Bananenstauden es gibt kaum etwas, was nicht auf Hausdächern und Brachflächen lebt und wächst.

-Vorteil: Geringe Transportwege, gute Klimabilanz, Gärtnern ohne eigenen Garten.

-Nachteil: Noch zu geringe Verbreitung, nicht jeder hat Zugang zu einer Dach- oder Brachfläche, Wartezeiten bei etablierten Projekten, Gefahr der Vertreibung, wenn das Grundstück verkauft wird (siehe Konflikt um die Prinzessinnengärten in Berlin).

Die Vordenker - Urban Farming

Landwirtschaft mitten in der Stadt ist schwer im Kommen. Ob Bienenvölker, Salatköpfe, Barsche oder Bananenstauden es gibt kaum etwas, was nicht auf Hausdächern und Brachflächen lebt und wächst.

-Vorteil: Geringe Transportwege, gute Klimabilanz, Gärtnern ohne eigenen Garten.

-Nachteil: Noch zu geringe Verbreitung, nicht jeder hat Zugang zu einer Dach- oder Brachfläche, Wartezeiten bei etablierten Projekten, Gefahr der Vertreibung, wenn das Grundstück verkauft wird (siehe Konflikt um die Prinzessinnengärten in Berlin).

Quelle: Nachdruck aus Verbraucher konkret Nr. 3 / 2012

Saphir Robert, arbeitet als Referentin bei der VERBRAUCHER INITIATIVE e. V.

Informationen und eine Liste mit Höfen, die solidarische Landwirtschaft betreiben unter www.solidarische-landwirtschaft.org