+B1_10 logo.pdfDas Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht

Kindheit ist keine Selbstverständlichkeit. In der Geschichte der Pädagogik war es ein langer Weg, bis die Eigengesetzlichkeit, die Bedeutung, die Besonderheit der ersten Lebensjahre gesehen und anerkannt wurde, bis sich eine spezielle Methodik und Didaktik der frühen Kindheit durchsetzte und ein Bewusstsein wuchs, das Kindheit geschützt werden muss. Aber jetzt, so ist zu beobachten, wird die Bedeutung der frühen, lebensentscheidenden Kindheitszeit zurückgedrängt, droht das „Verschwinden der Kindheit“, macht sich ein Denken und Handeln breit, dass man mit einem „je früher und schneller - desto besser“ bezeichnen kann.

Nur einige dieser entwicklungsschädigenden Ursachen seien genannt:

°Verschulungstendenz im Kindergartenalter,

°Vorverlegung des Einschulungsalters,

°Virtuelle Welten verstellen den Blick und das Erleben der realen Welten, täuschen die Sinne der Kinder, manipulieren ihre Phantasie- und Kreativitätskräfte, lähmen die Eigenaktivitäten des Kindes,

°rapide wachsende Sprachentwicklungsstörungen bei Kindergartenkindern - etwa 30 Prozent der 3-4 jährigen Kinder sind davon betroffen, Tendenz steigend.

Frühe Kindheit - waldorfpädagogische Gesichtspunkte

Kinder kommen als Individualitäten zur Welt, die sich mit ihren Begabungen, Neigungen, Interessen und auch Handicaps entwickeln und ihren eigenen Weg gehen wollen. Dabei brauchen sie kompetente erwachsene Vorbilder, liebevolle und sichere Beziehungsverhältnisse und ihre eigene Entwicklungszeit. Es geht also nicht darum, von „außen“ Forderungen und Programme aufzustellen, auf die hin kleine Kinder erzogen und gebildet werden sollen, sondern darum, sich als Eltern und Erzieher dem Wesen dem offenbaren und dem verborgenen des Kindes zu nähern. „Aus dem Wesen des werdenden Menschen heraus werden sich wie von selbst die Gesichtspunkte für die Erziehung ergeben.“(Rudolf Steiner, 1907)

Deshalb dürfen Kinder weder in das Zeitraster der Erwachsenenwelt und schon gar nicht in deren politische oder wirtschaftliche Zweckvorstellungen eingepresst werden.

Kinder sind lernfähige, lernfreudige und lernbereite Wesen. Ihre Entwicklungsfenster sind gerade in den ersten Kindheitsjahren besonders weit geöffnet. Die Zeit vor der Schule soll dazu dienen, frei von schulischem Lernen Grundfähigkeiten, so genannte Basiskompetenzen zu entwickeln, auf denen später die schulische Erziehung und Bildung aufbauen kann.

Bei diesen Grundfähigkeiten handelt es sich auf gar keinen Fall um isolierbares, nachprüfbares Wissen, das von außen an die kleinen Kinder herangetragen wird, sondern um Lebens- und Entwicklungsbedürfnisse, die jedes Kind mitbringt und die es, begleitet von Erwachsenen, aus sich heraus entwickeln möchte.

• Körper- und Bewegungskompetenz

• Sinnes- und Wahrnehmungskompetenz

• Sprachkompetenz

• Phantasie- und Kreativitätskompetenz

• Sozialkompetenz

• Motivations- und Konzentrationskompetenz

• Ethisch- moralische Wertekompetenz

Kinder lernen spielend

Die wichtigste Tätigkeit, die „Arbeit“ des kleinen Kindes, ist das Spiel. Eine gesunde Kindheit bedeutet: Anregungen, Zeit und Raum geben um zu spielen.

Drei bedeutsame Spielphasen lassen sich in der Zeit bis zur Schulfähigkeit erkennen:

• Bis etwa zum dritten Lebensjahr setzt das Kind das, was es sinnlich wahrnimmt direkt in Tätigkeit um, eine spielende Tätigkeit, die noch weitgehend zweckfrei ist, oft verknüpft mit der Freude an der Wiederholung. Wird diesem Tätigkeits- und Bewegungsdrang genügend Raum und Zeit gegeben, bildet sich so ein Stück des Fundamentes für einen aktiven, tatkräftigen Erwachsenen

• Zwischen dem dritten und fünften Lebensjahr gesellt sich zum reinen Tätigkeitsdrang die Spielphantasie dazu. Jetzt werden neue Welten geschaffen, das sinnlich Wahrgenommene wird innerlich bewegt und spielend umgeformt. So entwickeln sich Grundlagen, als späterer Erwachsener, die Lebens- und Arbeitsverhältnisse kreativ zu gestalten.

• In der dritten Spielstufe, etwa zwischen dem fünften und siebten Lebensjahr durchdringen mehr und mehr die Verstandes- und Gedächtniskräfte das Spiel; es wird zielgerichteter und ausdauernder. Die hier stattfindende Entfaltung des Gedankenlebens ist ein Grundstein für die lebendige und individuelle Denktätigkeit des erwachsenen Menschen.

Fazit: Lassen wir den Kindern Zeit zum Spielen, bewahren wir sie vor einer zu frühen Einschulung und einer Verschulung des Kindergartens, drängen wir den Einfluss der, die Sinne täuschenden elektronischen Angebote in der frühen Kindheit zurück.

Worauf kommt es an?

• Kinder wollen und sollen Schritt für Schritt die Welt in ihren Zusammenhängen erkennen und verstehen lernen.

• Kinder wollen und sollen Vertrauen in die eigenen wachsenden Kräfte und Fähigkeiten bekommen. Eine Pädagogik, welche die kindliche Spielfreude pflegt und entwickelt, die Anregungen gibt, die den Kindern Zeit lässt fördert dieses Selbstvertrauen.

• Kinder wollen und sollen die Sinnhaftigkeit des eignen Handelns, Fühlens und Denkens entdecken; dazu brauchen sie liebevolle, erwachsene Vorbilder, sichere Beziehungsverhältnisse, gelebte und wahrnehmbare Wertvorstellungen ebenso wie Orientierung, Klarheit, Freiheit, sinnvolle Regeln, Rituale und Wahrhaftigkeit.

Peter Lang

Peter Lang, Diplom-Pädagoge, Seminarbegleiter und Dozent in verschiedenen Ländern, Mitglied im Vorstand der Vereinigung der Waldorf-Kindertageseinrichtungen Baden-Württemberg e.V.. Weitere Informationen per Mail: peter.lang.halfing@gmx.de