Wo kommt eigentlich der Schnee her?

Im Märchen wird berichtet: Frau Holle schüttelt ihre Betten und Schneeflöckchen, Weißröckchen kommen geschneit. Seit drei Jahren experimentiert das Team im „Erfahrungsfeld zur Entfaltung der Sinne und des Denkens“. Ihr Ziel: Schneeflocken, Eiskristalle und Eisblumen züchten. Zusammen mit Kältetechnikern der Firma Küstermann wurde eine Eiskammer gebaut. Hier herrschen bis zu 22°C.

In einem eigens konstruierten Rondell wachsen Eiszapfen und Eisblumen und in einer Schneeflockenwerkstatt werden Sechseckmuster und formen in der Natur gezeigt.

Was haben Bergkristall, Granatapfel, Bienenwabe und unsere Zähne gemeinsam?

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Immer ist die Grundstruktur ein Sechseck. „Seit wir diese Spur verfolgen, finden wir überall Sechsecke und ahnen, dass uns die Schneeflocken als Himmelsboten von diesem Gestaltprinzip berichten.“ beschreibt Matthias Schenk, künstlerischer Leiter den Erfahrungsfeldbesuchern seine Vermutung. Er bespielt zusammen mit dem Erfahrungsfeldteam die Glasplatte des Eisblumengewächshauses mit seiner Tuba.

Dass Klänge das Wachsen und Blühen der Eisblumen fördert, haben sie in einem Bericht „Gefrorene Lieder sind’s“ aus dem Jahr 1918 entdeckt.

„Es scheint, als müsse für ein Eiskristall neben der Temperatur, der Raumfeuchte und dem Wasser noch ein Kristallisationskeim dazu kommen. Diese Keime finden wir in einem Kieselpräparat mit vermahltem Bergkristall.“ erläutert der Landwirt und Landschaftspfleger Bernhard Stichlmair. Man kann sich nur noch wundern, wie Alles mit allem zusammenhängt und zusammenhält.

Mit einem Besuch im Erfahrungsfeld Winter kann sich die eigene Vorstellung und Einstellung zum Winter und zum Schnee förmlich auf den Kopf stellen. Der Ärger über den Schneefall könnte nun einem Staunen über die Wunder der Natur weichen.

Schneekristalle, Eisblumen … in der Eiskammer

Ein Mann sitzt in einem Kühlschrank und spielt bei -22° C auf seiner Tuba. Ringsherum Eiszapfen, die Wände und der Boden sind vereist. Bei jedem Atemzug bildet sich eine weiße Wolke.

Matthias Schenk bespielt eine quadratmetergroße Glasscheibe. „Ich spiele solange, bis sich die ersten Eisblumen zeigen,“ antwortet er auf die Frage, was er hier tue.

Seit drei Wintern bemüht sich das Team im Schloß Freudenberg darum Eisblumen und Schneekristalle zu züchten. Zusammen mit den Kältetechnikern der Firma Küstermann wurde eine Kältekammer im Untergeschoß des Schloßes gebaut.

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Die Besucher betreten die Kammer durch eine Schleuse - an der Wand zeigt sich das Wort ‚Schneeflocke‘ in 20 Sprachen. Lumihiutale sagen die Finnen zur Schneeflocke und das klingt doch schon wie Blasmusik.

Die ersten Versuche sind kläglich gescheitert - was jeden Morgen auf den Windschutzscheiben der Autos wie von Zauberhand geschieht, lies sich in der Kältekammer nicht wiederholen. Das war der Anfang zu einer Forschungsreise. Der Dichter Werner Bergengruen vermutete, dass in den Eiskristallen der ganze Sommergarten blüht und die Forscherin Julie Böss-Kniese nannte die Eisblumen „gefrorene Lieder“.

Ihre Schilderung eines Experimentes mit einer Fensterscheibe, die besungen wurde und dann die vielfältigsten Gestaltbildungen hervorbrachte, gab den Hinweis auf den Zusammenhang von Klang und Form.

„Eigentlich hätten wir das auch wissen müssen, wir zeigen doch auf unseren Klangplatten, wie Töne in den Sand zeichnen und in unseren Wasserklangschalen zeigen sich Klangfiguren als Wellenbilder,“ meint Jörg Hertrich, Leiter des Erfahrungsfeldteams und zeigt die ersten Früchte im Eisblumengarten.

In diesem Jahr haben wir noch tiefer gegraben und vergleichen die Gestaltbildung und Architektur der Eiskristalle am Beispiel des Bergkristalls, der Bienenwaben, des Granatapfels und einem Mineral, das in unseren Zähnen vorkommt. Allen gemeinsam ist ein sechseckiges Kristallsystem. Vielleicht sind die Schneeflocken „Briefe vom Himmel“ und wir müssen sie nur öffnen und lesen?

So wäre das Freudenberger Schloß mit seinem Erfahrungsfeld zur Entfaltung der Sinne und des Denkens eine Station für diese Himmelspost.

Sigrid Schwarz

Fotos: „Schloß Freudenberg“