Erfahrungen in der Waldorfkindergartenbewegung in China

Die Ausbildung

Es ist unglaublich, wie viele Menschen sich für Waldorfschule und Waldorfausbildung in China interessieren. In jedem Kurs der Erzieherausbildung (die man hier Module nennt), gibt es hier 100 bis 120 Teilnehmerinnen und fast doppelt so viele auf der Warteliste. Warum ist das so? Ich habe ein paar Erklärungen, aber dies sind sicher nicht die einzigen Gründe, warum die Waldorfpädagogik so gefragt ist:

Viele Menschen in China suchen ein spirituelles Menschenbild. Oft bekam ich zu hören, dass die Montessori-Pädagogik, die in China ziemlich bekannt ist, das nicht zu bieten hätte. Die chinesische „eine Familie ein Kind“ Politik hat zur Folge, dass die Eltern nur das Beste für ihr Kind möchten, nicht nur im Interesse des Kindes: Auf diese Weise kann das Kind den Eltern eine angemessene Altersversorgung gewährleisten. Alle Einrichtungen mit ausländischen Lehrern und Erziehern haben einen guten Ruf- in den Waldorfschulen und Kindergärten sind eine Menge Ausländer tätig.

Viele Eltern, vor allen Dingen die Mütter, suchen nach einer besseren Erziehung als die militärische Drill und Testmethode, die in den Regelschulen üblich ist.

Viele Lehrer suchen nach den neuesten Methoden, die sie finden können, um zu versuchen, damit eine Privatschule aufzumachen und Geld zu verdienen. Natürlich wird das chinesische Erziehungssystem früher oder später reformiert werden, aber es wird Zeit vergehen, bis die Tausenden von chinesischen Schulen davon erfasst sind. Viele Lehrer möchten da die nicht abwarten, sondern lieber ganz vorne mitspielen.

Waldorferziehung in China

Es gibt inzwischen vier Waldorfseminare in der Volksrepublik China: In Beijing,

Guangzhou, Xian und Chengdu, wo die ganze Bewegung angefangen hat. In jedem Seminar gibt es einen Koordinator, der für die Verwaltung zuständig ist. Thanh Cherry, die vor fünf Jahren zusammen mit Li Zhang die erste Ausbildungsstätte in Chengdu begründet hat, ist zuständig für die Lehrpläne und die Dozenten.

Die Ausbildung dauert drei Jahre, in jedem Jahr finden zwei Unterrichtseinheiten statt (jede dauert zwei Wochen), das heißt, man braucht insgesamt sechs Unterrichtseinheiten, um seinen Abschluss zu machen. Die Unterrichtseinheiten sind in allen vier Seminaren dieselben, wenn eine Studentin eine Einheit verpasst hat, kann sie diese in einer anderen Stadt nachholen. Ich selbst habe in allen vier Seminaren unterrichtet und werde das auch in Zukunft tun.

Es ist eine ziemliche Herausforderung, solch große Gruppen zu unterrichten, da man nur schwer beurteilen kann, wie viel die Studenten verstanden haben. Sofort spürbar sind hingegen die Freude und der Enthusiasmus, den die meisten

Studenten ganz spontan zeigen. Der Unterricht ist nur möglich dank des Einsatzes von unermüdlichen Übersetzern, von denen es abhängt, wie gut die Inhalte vermittelt werden können. Da die Mehrheit der Dozenten Ausländer sind, ist es

auch nicht möglich, von den Studentinnen schriftliche Arbeiten zu verlangen, aus denen ersichtlich wäre, wie gut sie sich mit den Inhalten verbinden konnten: Niemand hat die Zeit, 120 schriftliche Arbeiten zu lesen und zu übersetzen.

Bei den künstlerischen Aktivitäten wie Plastizieren, Malen, Handarbeit und Musik können wir sehen, (oder hören) wie die Studentinnen arbeiten, aber wir können nicht genug individuelle Korrekturen oder Hilfen geben. Natürlich versuchen wir als Dozenten jeden einzelnen individuell anzusprechen, wir versuchen kreativ zu sein, aber das gelingt nicht für alle Studierende in gleichem Maße.

Für Puppenspiel, Geschichten-Erzählen und Reigen geben wir praktische Aufgaben für Kleingruppen. Diese werden dann im Plenum vorgeführt, dort werden Kommentare von allen gesammelt und wir geben Korrekturen und Anregungen.

Die chinesischen Studentinnen (es gibt auch einige wenige Studenten, in Beijing sind es sogar fünf!) sind aber an große Gruppen gewöhnt. Sie versuchen, so viel wie möglich aus den einzelnen Unterrichtseinheiten mitzunehmen. Sie sind sehr aufmerksam und dankbar für alles, möchten alles recht machen und sind manchmal auch ein bisschen ehrgeizig. Es macht großen Spaß und Freude, chinesische Studenten zu unterrichten.

Was mir gelegentlich Kopfschmerzen macht ist, dass viele chinesische Studenten daran gewöhnt sind das zu tun, was die Autoritäten sagen und daher genaue Vorschriften haben möchten, was sie tun sollen und was nicht: „Sag mir, was ich tun soll, dann mache ich es, so gut ich kann!“ Das Studium der Anthroposophie würde ihnen den nötigen Rückhalt geben, eigene Wege und Kreativität zu finden, es ist aber für sie schwierig, einen persönlichen Zugang dazu zu entwickeln. Vor allen Dingen deshalb, weil bisher nur ein einziges Buch von Rudolf Steiner in einer offiziellen Übersetzung erschienen ist („Theosophie“). Eine Übersetzungsgruppe, finanziert durch die „Freunde der Erziehungskunst“, arbeitet an anderen Büchern, hat aber noch kein weiteres Buch bis zur Publikation gebracht. Sich mit Anthroposophie zu verbinden ohne Bücher in der eigenen Sprache lesen zu können, ist fast unmöglich und in der Ausbildung bleibt nicht viel Zeit dafür. Wir konzentrieren uns auf die Entwicklung des Kindes und die zwölf Sinne, was den Studierenden ein Menschenbild vermitteln kann, mit dem sie beginnen können, zu arbeiten. Wir sprechen auch über die abendliche Rückschau und andere meditative Arbeit. Wir müssen warten und hoffen, dass ihr eigenes Interesse geweckt wird, das sie später zu einem Studium der Anthroposophie führt.

Die Situation in den Kindergärten

Da es nicht genügend Waldorfkindergärten mit erfahrenen Erzieherinnen gibt, in denen die Studenten Praktika machen können, müssen Mentoren mindestens für eine Woche in die Kindergärten gehen, die von Berufsanfängern aufgemacht wurden. Viele Kindergärten sind von Müttern eingerichtet worden, die irgendwoher von Waldorferziehung gehört haben, ein oder zwei Unterrichtseinheiten mitgemacht und dann sofort eine Einrichtung aufgemacht haben. Viele tun das mit Hilfe einer anderen Mutter, die gar keinen Kurs mitgemacht hat, die aber gerne helfen möchte, weil sie nicht will, dass ihr Kind in eine herkömmliche Vorschule geht.

Es gibt viele Privatschulen in China, die gut Geld verdienen mit dem Versprechen, dass die Kinder bei Ihnen phantastische Lernfortschritte machen. Es ist aber offensichtlich, dass sie dieses früh-intellektuelle Training nur mit Drill und Druck durchführen können, was einer immer größer werdenden Anzahl von Eltern missfällt. Daher sehen sie in der Waldorferziehung eine willkommene Alternative, mit der man vielleicht noch gut Geld verdienen kann.

Es gibt aber viel echten guten Willen und Begeisterung für diese Arbeit und die meisten der Kindergärten haben eine lange Warteliste. Da sie aber lange Öffnungszeiten einhalten müssen (von 8 bis 17 Uhr), sind die Erzieherinnen oft überfordert, vor allen Dingen wenn sie keine vollständige Ausbildung gemacht haben. Sie haben dann so viele Fragen und sind von der Arbeit überlastet, die doch in der Internet- Präsentation und im ersten Ausbildungsjahr noch so einfach und schön aussah. Und manche hat dann nach ein paar Monaten oder nach einem Jahr die Arbeit abgebrochen.

Deshalb braucht jede Berufsanfängerin eine(n) Mentor(in). Ursprünglich war gedacht, dass diese(r) für ein paar Wochen den betreffenden Kindergarten besucht, dann im nächsten Jahr noch einen Kurzbesuch macht, um zu entscheiden, ob weitere Besuche nötig sind oder der Kindergarten sich nach einer Übergangszeit „Waldorf“ nennen kann.

Nun zeigt sich aber, dass durch den häufigen Wechsel der Erzieherinnen, die Anfangsbesuche oft wiederholt werden müssen. Da es inzwischen ungefähr 200 Kindergärten gibt, die mit Waldorferziehung arbeiten wollen, aber nur ungefähr 20 Mentoren, erscheint das als eine Sisyphusarbeit. Wir hoffen sehr, dass sich diese Situation über die Jahre hin verbessern wird, wenn es mehr Erzieherinnen mit längerer Berufserfahrung geben wird und daher auch mehr Kindergärten, in denen die Studenten ihre Praktika machen können.

Michaela Glöckler hat auf der Welterziehertagung in Dornach gesagt: „Wir brauchen so viele Waldorfkindergärten wie möglich, selbst wenn sie nicht perfekt arbeiten“. Natürlich stimme ich dem zu. Das Wichtigste ist, dass die Kinder einen Platz vorfinden, wo sie Zeit haben, zu spielen, dass kindgemäßes Spielzeug da ist, und Erwachsene da sind, die ihnen Wärme und Sicherheit geben. Aber wenn es schief geht, weil die Erwachsenen verunsichert sind, entsteht dann nicht auch die Frage, ob der Name Waldorf dadurch geschädigt wird? Wie können wir da helfen? Was ist unsere Verantwortung?

Begleitung von Berufsanfängern (Mentoring)

Thanh Cherry hat Regionalkoordinatoren für sechs Regionen ernannt, die mit den Mentoren und den Kindergärten in ihrer Region in Kontakt bleiben und sie regelmäßig zu Arbeitstreffen zusammenführen sollen. Ich bin für den Süden des

Landes zuständig (die Gegend um Guangzhou), das ist die größte Region mit den meisten Kindergärten. Zhang Hao, eine begabte Kindergärtnerin aus Zhuhai mit hervorragendem Organisationstalent, ist die Koordinatorin, mit der ich zusammenarbeite.

Wenn ich in einen Kindergarten komme, gibt es normalerweise am ersten Abend ein gemeinsames Essen, bei dem wir die Erzieherinnen, die Verantwortlichen, vielleicht auch Eltern und vor allen Dingen die Übersetzer kennenlernen können. Die Gastgebern bereiten uns da immer einen königlichen Empfang!

Am nächsten Tag sitze ich dann mit einem Strick- oder Häkelzeug im Kindergarten in einer Ecke, wo ich so unsichtbar wie möglich bin. Während der Kindergartenzeit brauche ich keinen Übersetzer. Nachdem die Kinder gegangen, sitze ich dann

eine Stunde mit den Erzieherinnen und dem Übersetzer zusammen. Die ersten ein bis drei Tage brauche ich, um mir ein Bild zu machen, um Fragen zu stellen.

Dann bitte ich die Erzieherinnen, mir Fragen zu stellen oder Probleme zu schildern, auf diese Weise kommen wir zur Sache und in die Arbeit. Manche müssen an ihren Reigen arbeiten, manche an der Raumgestaltung oder Spielzeugauswahl. Manche müssen an ihrer Stimme arbeiten (oft sprechen oder singen sie zu tief), andere am Tageslauf oder am kreativen Umgang mit Disziplinarproblemen. Und dann gibt es auch solche, die für alles ein bisschen Hilfe brauchen.

Mit einer Gruppe von Erzieherinnen bin ich zu IKEA gegangen, um geeignete Möbel einzukaufen, mit anderen habe ich einen Workshop gemacht, um Puppen herzustellen.

Oft wird dann der Mentor gefragt, auch mit den Eltern zu arbeiten oder einen öffentlichen Vortrag zu geben. Da ich auch Musikerin bin, soll ich dann oft mit den Eltern Leier spielen, Singen oder Bewegungsspiele machen (entweder Reigen oder Volkstanz, was immer alle zum Lachen bringt). Von dem Geld, was bei diesen Workshops eingenommen wird, kann ein Teil der Reise- und Unterkunftskosten für die Mentoren bezahlt werden.

Am Ende eines solchen Besuchs spreche ich mit den Lehrern über das, was sie in Zukunft erarbeiten möchten und wir entscheiden gemeinsam, wann und ob ich zu einem nächsten Besuch wiederkomme. Ich mache immer großen Druck, dass alle ihr Waldorferzieherstudium wirklich bis zu Ende führen. Schließlich schreibe ich einen Bericht über meinen Besuch und schicke ihn an Thanh Cherry und auch an den Kindergarten. Auch die Erzieherinnen im Kindergarten schreiben einen Bericht, so dass wir sehen können, was sie gelernt haben und ob der Mentorenbesuch ihnen geholfen hat.

Ich arbeite im Frühling und im Herbst in China, jedes Mal für ungefähr zwei Monate. Andere Dozenten und Mentoren kommen für fünf Wochen oder sechs Monate, wenige haben ihren Wohnsitz in China. Die Arbeit dort ist anstrengend und mit großer Verantwortung verbunden, aber wir lieben sie und unser herzlichstes und tiefstes Anliegen ist die Entwicklung der Waldorfpädagogik in China.

Elisabeth Swisher

Elisabeth Swisher ist gebürtige Österreicherin. Sie war lange Musiklehrerin an den Waldorfschulen Wien und Chicago. Dort eröffnete sie einen Waldorfkindergarten und hat die

Waldorflehrer-und Erzieherausbildung maßgeblich mit aufgebaut. Seit 2007 ist sie in Teilzeit als Dozentin und Mentorin für Waldorferziehung in China tätig.

Quelle: IASWECE Rundbrief November 2012

Weitere Informationen: Der Rundbrief der IASWECE kann per E-Mail abonniert werden: info@iaswece.org.