Industriebrache soll junge Menschen in der Ukraine vernetzen

Architekturstudentin der Alanus Hochschule erhält DAAD-Preis

Die Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft in Alfter bei Bonn hat zum achten Mal den DAAD-Preis für hervorragende Leistungen ausländischer Studenten vergeben. Die diesjährige Preisträgerin ist die Architekturstudentin Anna Marchenko aus der Ukraine. Florian Kluge, Professor für Projektmanagement, überreichte ihr den Preis des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) gemeinsam mit Swen Geiss, Professor für Architektur und Ressourcen. „Anna Marchenko hat sich in ihren selbstgewählten Studienprojekten großen Herausforderungen in ihrer Heimat gestellt und diese in höchster Qualität und außerordentlich eigenständig gelöst“, betonte Kluge in seiner Laudatio.

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Gartenwand auf ehemaliger Industriebrache

In ihrer Abschlussarbeit setzte sich die Absolventin des Masterstudiengangs Prozessarchitektur mit den sozialen und ökonomischen Verhältnissen ihres Heimatlandes auseinander. Sie entwickelte ein Konzept für die Nutzung einer 24.000 Quadratmeter großen Industriebrache in der Millionenstadt Charkiw. Auf dem Fabrikgelände, das unter anderem eine Lagerhalle, Verwaltungsgebäude und 24 Silotürme beherbergt, wurden bis 1995 Lebensmittel produziert. In ihrem Konzept gibt Marchenko sozial benachteiligten Gruppen wie Studenten und jungen Familien die Chance zur Selbstverwirklichung. Das „Silo-Projekt“ ist als Not-for-Profit-Organisation geplant. Die Umnutzung ist stufenweise konzipiert, Überschüsse werden ins Projekt reinvestiert. Die Nutzer sollen sich zu einer Baugenossenschaft zusammenfinden und die Entwicklung der Fläche mitgestalten. Das Konzept sieht Wohnungen und Ateliers sowie Kultur-, Sport- und Bildungsinstitutionen auf der Fläche vor. Die Nutzer sind aufgerufen, selbst eigene Projekte zu initiieren. Marchenko denkt dabei an soziale Projekte wie urbanes Gärtnern oder Jugendbetreuungen. „Das Projekt soll die Bedürfnisse, Probleme und Lebensweisen von jungen Menschen in die Gesellschaft transportieren. Die Entwicklungen in den neu geschaffenen Organisationen können die Tendenzen am Arbeitsmarkt beeinflussen und das Kulturleben der Stadt fördern“, erläutert Marchenko. Die Arbeit beinhaltet ein Organisations- und Finanzierungsmodell und soll als Handlungsmodell für die Umnutzung von Industrieflächen in der Ukraine dienen.

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Umgenutzte Industriebrache in Charkiw

„Anna Marchenko ist es hervorragend gelungen, viele zentrale Anliegen unseres Masters Prozessarchitektur in den sozialen und kulturellen Kontext der Ukraine mit ihren besonderen städtebaulichen und architektonischen Herausforderungen zu transferieren“, sagt Swen Geiss, der die Arbeit gemeinsam mit Florian Kluge betreute. Charkiw ist ein Industriezentrum im Nordosten der Ukraine. In Folge der Finanzkrise erhalten junge Menschen wenig Unterstützung vom Staat. Gebührenpflichtiges Studium, Korruption in der Ausbildung und niedrige Löhne erschweren das Leben von Studenten, Absolventen und jungen Familien. Dies ergab die Sozial- und Standortanalyse von Anna Marchenko, die sich 2004 in der Orangenen Revolution in Kiew engagierte und ihre Heimat 2010 verließ, um an der Alanus Hochschule im Masterstudiengang Prozessarchitektur zu studieren.

Der Masterstudiengang Prozessarchitektur der Alanus Hochschule rückt den gesamten Planungs- und Bauprozess und alle daran Beteiligten in den Vordergrund. Damit reagiert das Studienprogramm auf die Herausforderungen, vor die der demografische und ökologische Wandel Architekten und Stadtplaner stellt. Studierende haben die Wahl zwischen zwei Schwerpunkten: Gemeinschaftsorientierte Projektentwicklung und Ressourcenoptimierte Architektur. Marchenko zählt zu den ersten Absolventen des 2010 gestarteten Studiengangs. Der mit tausend Euro dotierte Preis, den Marchenko erhält, wird vom DAAD zur Verfügung gestellt. Alle Professoren der Alanus Hochschule konnten ausländische Studierende für den DAAD-Preis nominieren.

Tatjana Fuchs

Fotos: © Alanus Hochschule