Eine kleine pädagogische Revolution

Jedes Kind ist als soziales und lernendes Wesen einmalig

Wenn Kinder auf die Welt kommen, sind sie bereits sehr verschieden. In den folgenden Jahren werden die Unterschiede zwischen den Kindern immer größer; die Vielfalt nimmt immer mehr zu. Dies gilt für alle Entwicklungsbereiche wie Motorik und Schlaf, aber genauso für Fähigkeiten wie Lesen und Rechnen. Die Pisa-Studien zeigen in allen Ländern, dass die Schüler sich im Verlauf der Schulzeit immer stärker voneinander unterscheiden. Die individuellen Fähigkeiten und Verhaltenseigenschaften der Kinder setzen sich im Verlaufe der Kindheit immer mehr durch. Die Individualität ist ein Ausdruck dieser großen Vielfalt unter den Kindern.

Wenn eine Lehrerin eine Schulklasse mit 20 sechsjährigen Kindern vor sich hat, dann unterscheiden sich die Kinder in ihrem Entwicklungsalter um bis zu drei Jahre. Es gibt Kinder, die mit sechs Jahren ein Entwicklungsalter von sieben bis acht Jahren haben und bereits lesen können. Andere mit einem Entwicklungsalter von vier bis fünf Jahren sind noch weit davon entfernt.

Bis zur Oberstufe nehmen die Unterschiede zwischen den Kindern noch einmal deutlich zu. Mit dreizehn Jahren variiert das Entwicklungsalter um mindestens sechs Jahre zwischen den am weitesten entwickelten Kindern und jenen, die sich am langsamsten entwickeln. Hinzu kommt, dass die Jungen als Gruppe im Mittel um eineinhalb Jahre in ihrer Entwicklung hinter den Mädchen zurückliegen. Der Umgang mit dieser sogenannten interindividuellen Variabilität ist für Eltern und Lehrkräfte sehr anspruchsvoll.

Im Folgenden soll auf die Vielfalt in einigen Entwicklungsbereichen näher eingegangen und überlegt werden, wie wir mit dieser großen Vielfalt kindgerecht umgehen können.

Motorik

Die Verschreibung von Methylphenidat, dem Wirkstoff von Ritalin, hat in Deutschland in der Zeit von 1993 bis 2011 von 34 auf 1760 Kilo zugenommen (Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte). Ritalin bekommen Kinder, die wegen motorischer Unruhe auffallen. Ein wahrscheinlicher Grund für die vermehrte motorische Unruhe ist, dass die Kinder früher ihren Bewegungsdrang besser ausleben konnten. Sie haben im Garten, auf der Straße oder im Wald gespielt. Wenn Kleinkinder und Schulkinder den ganzen Tag in einer Dreizimmerwohnung verbringen müssen, drehen manche durch – und oft auch ihre Mütter. Ebenfalls verändert haben sich die Wahrnehmung und die Erwartungen von Eltern und Lehrern. Sie möchten die Kinder motorisch ruhiger haben. Ein lebhaftes Kind wird schnell als störend empfunden. Kinder sind jedoch von Natur aus auf Bewegung angelegt.

Immer mehr Kinder werden nicht nur als hyperaktiv, sondern auch als ungeschickt betrachtet. Ob Kinder als ungeschickt bezeichnet werden oder nicht, ist hauptsächlich eine Frage der gesellschaftlichen Toleranz. Sind Eltern und Lehrer der Meinung, das Kind genüge motorisch ihren Erwartungen und Anforderungen nicht, ist es ein ungeschicktes Kind. Je mehr diese Intoleranz zunimmt, desto mehr Kinder werden einer Therapie zugewiesen. Sie erhalten Rhythmikunterricht, Ergotherapie oder Psychomotoriktherapie. Was diese Kinder brauchen, ist aber weniger eine Therapie mit der erklärten Absicht, ihre motorische Kompetenz zu verbessern, als vielmehr eine verständnisvolle Unterstützung durch die Familie und die Schule bei fein- und grobmotorischen Tätigkeiten.

Sprache

Die sprachliche Kompetenz zu Beginn des Kindergartens oder in der ersten Klasse einer Grundschule ist sehr unterschiedlich. Der Wortschatz unter fünfjährigen Kindern kann um mehr als das Fünffache auseinanderliegen. Die einen Kinder sprechen schon so differenziert wie Achtjährige, andere bringen noch keinen fehlerfreien Satz zustande. Mädchen sind etwas sprachkompetenter als Jungen. Die Differenz zwischen den Geschlechtern ist aber wesentlich kleiner als die Differenzen zwischen dem jeweils besten und schwächsten Jungen beziehungsweise dem besten und dem schwächsten Mädchen. Wichtige Gründe, weshalb Kinder sich sprachlich so unterschiedlich entwickeln, sind das zeitliche Ausmaß und die Qualität der Kommunikation in den ersten Lebensjahren. Was bis ins Alter von fünf Jahren an Grundfähigkeiten nicht vorhanden ist, lässt sich später oft nur noch mit großem Aufwand aufholen. Durch eine verbesserte vorschulische Integration von Kindern aus bildungsfernen Familien würden Lücken gar nicht erst entstehen. Jene Kinder, die beim Eintritt in den Kindergarten oder die Schule sprachlich rückständig sind, in Deutsch-Förderkurse zu schicken, ist wenig entwicklungsgerecht und ineffizient. Wenn die fremdsprachigen Kinder zwischen zwei und fünf Jahren ausreichend Gelegenheit haben, mit deutschsprachigen Kindern aufzuwachsen, dann werden sie bei Schulbeginn ein gutes und akzentfreies Deutsch sprechen. Zu einer umfassenden Integration gehört, dass nicht nur das Kind, sondern auch die Eltern in die Integrationsbemühungen mit einbezogen werden. Dies trägt ganz wesentlich zur Lernmotivation und Sprachentwicklung des Kindes bei.

Wie bei der gesprochenen Sprache, sind auch die Kompetenzen im Lesen und Schreiben unter den Menschen sehr unterschiedlich ausgebildet. Einige Kinder beginnen bereits mit drei bis vier Jahren zu lesen, die meisten mit sechs bis acht Jahren, einige erst im späteren Schulalter.

Mathematisches Denken

Es gibt Erwachsene, die neun Jahre in die Schule gegangen sind und immer noch nicht rechnen können. Sie sind nicht einmal fähig, beim Einkauf das Geld richtig abzuzählen. Andererseits gibt es die Zahlenkünstler, die im Fernsehen auftreten und schwierigste Rechenleistungen in Sekundenschnelle erbringen. Es kann daher nicht erstaunen, dass die Unterschiede in der mathematischen Kompetenz bei Kindern bereits beim Eintritt in die Grundschule groß sind. Der Entwicklungsstand zwischen dem besten und dem schwächsten Kind liegt mindestens drei Jahre auseinander.

Sozialverhalten

Das Sozialverhalten ist komplex, aber weniger, weil es viele verschiedene Bereiche beinhaltet, sondern vielmehr, weil jeder dieser Bereiche von Kind zu Kind sehr unterschiedlich ausgebildet sein kann. Ein Kind, das sich stark bindet, ist nicht unbedingt auch das Kind, das eine hohe Bereitschaft zum sozialen Lernen aufweist. Ein Kind, das sich gut in andere Menschen einzufühlen vermag, kann über hohe oder niedrige Fähigkeiten der nonverbalen Kommunikation verfügen. Was das Sozialverhalten besonders vielfältig macht, ist, dass jeder Verhaltensbereich von Kind zu Kind unterschiedlich ausgebildet sein kann.

Vielfalt zwischen Kompetenzen

Kinder sind nicht nur unter sich sehr verschieden, sondern jedes Kind ist in sich vielfältig (intraindividuelle Variabilität). Das eine Kind ist gut in Sprache, aber schwach in Mathematik; bei einem anderem ist es genau umgekehrt. Diese Vielfalt führt dazu, dass jedes Kind, aber auch jeder Erwachsene sein ihm eigenes Profil von Begabungen und Kompetenzen aufweist.

Es ist eine weitverbreitete Furcht unter Lehrern, aber auch unter Eltern, dass sie das Kind zu wenig fordern. Diese Erziehungshaltung führt dazu, dass sie es lieber zu viel antreiben als zu wenig. Zusätzlich kann diese Haltung noch durch das Gefühl verstärkt werden, man habe als Lehrer oder Eltern versagt. Eine persönliche Enttäuschung über das Kind und seine Leistungen mag auch noch mitschwingen. Dieser Druck ist nicht ohne negative Auswirkungen für das Kind. Diese sind schlimmer als die Gefahr einer möglichen Leistungsminderung: Das Kind wird in seinem Selbstwertgefühl und seiner Lernmotivation beeinträchtigt. Diesen Ungleichheiten kann die Lehrerin nur durch eine konsequente Individualisierung des Unterrichts gerecht werden. Jedes Kind darf seinem individuellen Entwicklungs- und Leistungsstand gemäß lernen. In einem individualisierten Unterricht kann jeder Schüler seine Stärken und damit seine eigentlichen Begabungen so gut wie möglich entwickeln. Was die Schwächen anbetrifft, versucht die Schule nicht mehr, diese zu eliminieren und das Kind ‹normal› zu machen, sondern dem Kind vielmehr zu helfen, damit so gut wie möglich umzugehen und sie als Teil seines Wesens zu akzeptieren.

Jedes Kind lernt in seinem eigenen Tempo und braucht dazu ein maßgeschneidertes Lernprogramm. Individualisierung erfordert daher die Erfassung des individuellen Entwicklungsstandes eines Kindes und ein Anpassen der Anforderung an sein individuelles Leistungsvermögen. Ein individualisierter Unterricht gibt dem Lehrer das Gefühl, das Kind besser erfassen und begleiten zu können – eine große Befriedigung.

Wenn der Unterricht individualisiert wird, macht das konventionelle Notensystem keinen Sinn mehr. Beim individualisierten Unterricht ist der Lehrer auf ein Beurteilungsmittel angewiesen, das weit differenzierter sein muss als Noten. Sogenannte Kompetenzraster oder Portfolias, die in den letzten Jahren entwickelt worden sind, erlauben ihm, den Entwicklungsstand eines Kindes möglichst genau und konkret zu erfassen. Im Gegensatz zum Notensystem ermöglicht ein solches Beurteilungsmittel dem Lehrer auch, die nächste Lernstufe für das Kind zu bestimmen und das Arbeitsmaterial dementsprechend auszuwählen.

An vielen Schulen bekennt man sich mittlerweile zwar im Grundsatz dazu, doch es besteht noch eine große Unsicherheit darüber, wie der individualisierte Unterricht im Schulalltag zu gestalten ist. Wird der Unterricht nicht individualisiert, sind die Folgen für einen erheblichen Prozentsatz der Schüler gravierend. Denn es muss zwangsläufig zu mehr Über- oder Unterforderungen kommen. Die Auswirkungen sind eine tiefgreifende Demotivierung beim Lernen, weil Erfolgserlebnisse oftmals über Jahre hinweg ausbleiben. Damit verbunden sind unzählige Enttäuschungen und Versagensgefühle, die zu einem verminderten Selbstwertgefühl führen.

Wenn wir akzeptieren, dass der individualisierte Unterricht nicht nur eine strukturelle Modifikation darstellt, sondern eben eine kleine pädagogische Revolution bedeutet, müssen wir auch bereit sein, dieses «Opfer» zu erbringen. Dazu gehört, dass Noten nicht mehr als Druckmittel zum Lernen eingesetzt werden und der Unterricht so gestaltet wird, dass die Kinder von sich aus lernen wollen. Das Beste, was wir Erwachsene in Familie und Schule tun können, ist, das Kind in seiner Individualität von klein auf zu respektieren. Damit ermöglichen wir dem Kind, zu dem Wesen zu werden, das in ihm angelegt ist.

Remo H. Largo

Remo H. Largo ist ein Schweizer Kinderarzt und Fachbuchautor

Quelle: Das Goetheanum – Wochenschrift für Anthroposophie, Nr. 25, v. 23.6.12